Auf der sicheren Seite: Die Obhutschadenversicherung kompakt erklärt

Der Jahreswechsel ist für viele traditionell ein Zeitraum, in dem vorhandene und benötigte Versicherungen auf den Prüfstand gestellt werden. Das Thema erscheint häufig trocken und abstrakt. Welche Versicherungen gibt es für Pferdehalter, Betreiber von Reitanlagen, Reiter oder Stallbesitzer? Und welche davon sind notwendig, welche sind überhaupt geeignet? Wir wollen etwas Licht ins Dunkle bringen und haben daher mit Rechtsanwältin Sylvia Düx-Heiseler, Spezialistin für Pferderecht, gesprochen. Sie beantwortet für dich heute alle Fragen zur Obhutschadenversicherung.

pferde.de: Frau Düx-Heiseler, für viele Fachfremde stellt sich erst einmal die Frage: Was genau ist eine Obhutschadenversicherung überhaupt?

RA Düx-Heiseler: Nun, zunächst gilt es zu definieren, was Obhutschäden sind. Es handelt sich hierbei laut Legaldefinition um Schäden an fremden Sachen, die der Versicherungsnehmer, seine Mitarbeiter oder Angehörigen gebrauchen, befördern, verwahren oder bearbeiten. Normalerweise deckt eine Haftpflichtversicherung diese Art der Schäden nicht, lediglich in der Privathaftpflichtversicherung ist dies möglich, es mag allerdings ein Selbstbehalt zu tragen sein.

Die Obhutschadenversicherung ist gleich der Pensionspferdehaftpflichtversicherung. Viele Pferdebesitzer können ihr Pferd nicht am eigenen Haus artgerecht unterbringen und greifen daher auf die Möglichkeit zurück, diese in einem Pensionsstall – meist gegen ein Entgelt –  unterzustellen. Dies kann ein Reitverein, ein gewerblicher Reitstall oder auch ein Landwirt sein. Der Inhaber des Pferdebetriebes wird rechtlich gesehen hiermit der Tierhüter.

Diesen kann dann unter Umständen die Verantwortlichkeit für einen Schaden treffen, der einem Pferd, welches sich in seiner Obhut befindet, widerfährt oder durch dieses verursacht wird.  

pferde.de: Was ist mit dem Pferdebesitzer, wird die Verantwortlichkeit für das Pferd dann abgegeben?

RA Düx-Heiseler: Nein, der Pferdebesitzer haftet i.d.R. nach wie vor aus der Gefährdungshaftung des §833 BGB. Es gibt aber z.B. Fälle, in denen ein Pferd aus der Koppel ausbricht und dann einen Unfall verursacht. Die Haftpflichtansprüche können dann möglicherweise auch an den Stallbetreiber gestellt werden, bspw. bei unzureichender Einzäunung.

pferde.de: Das heißt, der Stallbetreiber, in dessen Obhut sich das Pferd befindet, hat dafür Sorge zu tragen, dass das Pferd korrekt untergebracht und versorgt ist?

RA Düx-Heiseler: Genau. So kann ein Obhutschaden z.B. auch dann entstehen, wenn ein Pferd durch falsche Fütterung eine Kolik erleidet oder sich an Mistgabeln, hervorstehenden Nägeln, losen  Elektrozaunkabeln oder anderen Gefahrenquellen verletzt.

pferde.de: Damit ist klar geworden, an wen sich die Obhutschadenversicherung richtet und welche Art von Schäden abgedeckt ist. Allerdings bleibt es doch etwas abstrakt. Es könnte der Einwand folgen, Stall und Hof könne man sicher gestalten und auch eine korrekte Pflege und Verpflegung finde in der Regel statt – lohnt es sich dann nicht, das Geld für diese Versicherung zu sparen?

RA Düx-Heiseler: Hier mag ein Beispiel hilfreich sein. Es ist ein, noch nicht durch ein Gericht entschiedener, Obhutschadenfall, der zeigt, warum eine Absicherung hier so wichtig ist.

Dabei war es so, dass der Inhaber eines kleinen Pensionsstalls zwei Pferde über eine Landstraße führte. Die Besitzerin eines der Pferde hatte den Stallbetreiber darum gebeten, ihr Pferd aus Zeitgründen nach dem Besuch des Hufschmieds wieder auf die Weide zu bringen.

Es näherte sich ein entgegenkommender Omnibus, der seine Geschwindigkeit auch dann nicht verringerte, als der Pferdeführer ihn gestikulierend aufmerksam machte. Der Bus fuhr dem linksgehenden Pferd über den linken Hinterhuf, sodass das Tier einen Trümmerbruch erlitt und eingeschläfert werden musste.

Der Busfahrer wurde wegen Verstoßes gegen das Rechtsfahrgebot zu einer Geldbuße verurteilt. Meiner Auffassung nach trifft ihn auch die Hauptschuld an diesem Unfall. Auch der Pferdeführer erhielt einen Bußgeldbescheid und wird von der Pferdebesitzerin mit Schadensersatzansprüchen überzogen, da diese der Meinung ist, dass der Stallbetreiber auf der engen Landstraße nicht hätte zwei Pferde führen dürfen. Da allerdings auch ein Pferdegespann legal die Straße hätte befahren dürfen, halte ich diesen Einwand für unerheblich.

Ohne Obhutschadenversicherung liegt es nun beim Stallbetreiber, die Ansprüche der Pferdebesitzerin abzuwehren und vermutlich wird auch erst ein teures Sachverständigengutachten den Wert des Pferdes feststellen können.

pferde.de: Das ist ein sehr anschauliches Beispiel. Gibt es weitere Gründe, die für diese Versicherung sprechen?

RA Düx-Heiseler: Definitiv. Der vorher angeführte Einwand, man könne selbstständig im Vorfeld für einen sichere Obhut der Pferde sorgen, lässt sich mit dem folgenden Fall entkräften. Hier zeigt sich insbesondere, wie sinnvoll diese Versicherung auch mit Blick auf Mitarbeiter und Angehörige ist.

Die 17-jährige Auszubildende einer professionellen Hengstaufzuchtstation ließ man einen „Problem“-Hengst longieren. Nachdem dem Aufwärmen im Schritt fing der Hengst beim Kommando zum Antraben an zu bocken und sprang in die Luft. Das Tier kam dann so unglücklich auf, dass es sich sein Genick brach. Der Pferdebesitzer wirft der Stallbetreiberin nun vor, dass die 17-jährige Auszubildende dieses schwierige Pferd nicht hätte longieren dürfen, wenngleich dies durch den Ausbildungsvertrag gedeckt ist.

Auch hier muss wieder ein Sachverständigengutachten zum Wert des Hengstes erstellt werden. Da die Besitzerin der Hengstsaufzuchtstation allerdings eine Obhutschadenversicherung abgeschlossen hat, trägt sie keinerlei Kostenrisiko. Wenngleich der Unfall tragisch ist, kann die Stallbetreiberin dennoch gelassen auf das Prozessende sehen.

Ich denke, dass diese beiden Fälle aufzeigen, wie dringend notwendig eine derartige Versicherung für jeden Stallbetreiber ist – vom großen Pensionsstall bis hin zum gefälligen Landwirt.

 

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