Fasten und Reiten: Zitronenschnitz statt Schnitzel

Pferdeschulze-Fasten und Reiten-Reitausflug

Wer fastet, geht an seine Kraftreserven. Der Reiterhof "Pferdeschulze" im Wendland verspricht, dem Muskelabbau beim Hungern entgegenzuwirken. Zwischen Tee und Gemüsebrühe wird dem Körper hoch zu Ross signalisiert: Da war noch was.

Das letzte Mal saß ich vor 21 Jahren auf einem Pferd. Damals war ich 14 Jahre alt und ritt mit meinem Pony Hera sämtliche Turniere mit. Man kann sagen, ich war damals eine engagierte Reiterin. Heute sitze ich etwas schief und ängstlich im Sattel von Gypsy, einer wunderschönen Araber-Haflinger-Stute mit zügigem Schritt. Um mich herum schwingen sich fünf Frauen über die Steigbügel auf ihre Pferde. Es ist ihr dritter Fastentag.

Pferdeschulze-Fasten und Reiten-FastenritualNichts außer Säfte, Brühe und Wasser gluckert in ihren Bäuchen. Ich finde aber in keinem der fünf Gesichter verbitterte Mienen. Nur Bettina, eine der Teilnehmerinnen aus Hannover, klagt über Kopfschmerzen und Abgeschlagenheit. Dennoch greift sie entschlossen zu den Zügeln und schnalzt mit der Zunge. Ich hätte der zierlichen Frau gerne mütterlich ein Wurstbrot gereicht, aber damit hätte ich mich bestimmt nur unbeliebt gemacht. Schließlich hat Fasten auch etwas mit Disziplin zu tun.

"Das ist ganz normal, dass man sich in den ersten Tagen noch ein wenig unwohl fühlt. Das stellt sich aber spätestens nach dem dritten Tag fast immer ein, und das Hungergefühl ist weg", erklärt Dagmar Schmidt. Die schlanke, dunkelhaarige Frau mit der zarten Stimme ist die Kursleiterin. Die 46-jährige Heilpraktikerin beschäftigt sich mit dem Thema Fasten schon seit 23 Jahren. Im Frühjahr 2007 erfand die Hamburgerin dann gemeinsam mit dem Pferdewirtschaftsmeister Bernd Schulze das Projekt "Fasten und Reiten".

Im Schritttempo verlassen wir den Reiterhof, vor uns liegen grüne Wiesen soweit das Auge reicht. Ich atme einen tiefen Zug Landluft ein, streichle über Gypsys Mähne und genieße die Weite. Edith und Annemarie unterhalten sich über Kochrezepte. Bettina klagt immer noch über einen dicken Kopf, und Ina, die Jüngste in der Fastengruppe, erzählt mir, wie sie letzte Nacht von einem überdimensionalen Schokoladenspringbrunnen geträumt hat. Doch keiner der Kursteilnehmer macht einen traurigen oder missmutigen Eindruck. "Fasten hat ja nichts mit Hungern zu tun. Wir sind alle hier auf dem Reiterhof, weil wir uns freiwillig dazu entschieden haben. Und ich bin hier, weil ich meinen Körper mal so richtig entgiften will. Nicht um abzunehmen", so Edith.

Jetzt ein paar Zitronenschnitze!

Pferdeschulze-Fasten und Reiten-Reitausflug-3

Dagmar gibt ein Handzeichen für den Beschleunigungsgang und so reiten wir durch die herrliche Landschaft zwischen Heide und Elbe. Wir kreuzen uralte Lärchen, abgelegene Bauernhäuser und Wälder. Hin und wieder begegnen wir einem Hasen oder einem Reh. Das niedersächsische Wendland zeigt sich von seiner besten Seite. Zwischen Anti-Castor-Aufklebern und vielseitiger Landschaft genießen wir die Natur des ursprünglichen Grenzgebiets in der Gemeinde Hitzacker. Keiner meckert mehr über Kopfschmerzen oder übers Essen.

Ein sehr positiver Effekt bei der Kombination von Fasten und Reiten ist, dass man auf dem Pferd immer ein wenig Adrenalin im Blut hat und dadurch der Kreislauf nicht absackt. Das Ergebnis hoppelt vor mir: glückliche und zufriedene Gesichter. Nach anderthalb Stunden verziehe ich meines ein wenig. Mein Hintern und meine Waden beginnen zu schmerzen. Ich erinnere mich an Dagmars Worte: "Beim Fasten greift der Körper auf Reserven zurück, auf Fettdepots und das Eiweiß in den Muskeln. Durch das Reiten signalisieren wir dem Körper: Hey, die Muskeln brauchen wir noch."

"Aber hallo", denke ich nach knapp drei Stunden und spüre jeden einzelnen Po-Muskel als wir wieder in dem kleinem Ort Wietzete ankommen - auf dem Reiterhof von Bernd Schulze, der uns und seine Kollegen begrüßt. So bezeichnet er seine Pferde: als Arbeitskollegen. Dementsprechend behandelt er sie auch, respektvoll und anerkennend. Alle Teilnehmer schwärmen von Pferdeschulzes großem Pferdeverstand und seinem Einfühlungsvermögen. Pferdeschulze-Fasten und Reiten-PauseAnnemarie und Edith sind erschöpft und trinken große Schlücke aus ihren Wasserflaschen. "Puh", stöhnt Annemarie, während sie ihrem Pferd die Hufe auskratzt, "jetzt freu ich mich aber richtig auf ein paar Zitronenschnitze." Alle Teilnehmer halten sich die Bäuche vor Lachen. Nicht vor Hunger. Denn der, so bestätigt Ines, ist bei ihr schon längst verflogen. Alle trensen und satteln gut gelaunt ihre Pferde ab. Nur Bettina mag nicht mehr. Sie ist erschöpft und müde. Sie verschwindet mürrisch stampfend gen Landhotel, welches drei Gehminuten vom Reiterhof entfernt ist.

Als Fastenexpertin weiß Dagmar Schmidt solche Reaktionen einzuschätzen. "Der zweite Tag ist für die meisten der schlimmste. Einige der Teilnehmer sind dann sehr sensibel, dünnhäutig und zickig. Damit kann ich ganz gut umgehen und nehme das auch nicht persönlich", lächelt die hübsche Heilpraktikerin.

In dem Landhotel ist der Tisch feierlich eingedeckt. Es fehlen bloß die Rotweingläser und der Braten. Stattdessen gibt es Säfte und Zitronenschnitze, gemäß der Lehre von Dr. Buchinger. Langsam trudeln auch die anderen Teilnehmer ein, die sich lieber zu Fuß als hoch zu Ross fortbewegen. Während sich die zehnköpfige Fastengruppe um den Tisch versammelt um feierlich ihre Flüssignahrung einzunehmen, verschwinde ich noch einmal in den Reitstall um mich von Gypsy zu verabschieden. Ich streichle ihr sanft über den Kopf. Sie schaut mich mit ihren großen brauen Augen an, und ich entdecke meine Pferdeliebe wieder. Pferdeschulze-Fasten und Reiten-Reitausflug-3 Am frühen Abend verabschiede ich mich von den Kursteilnehmern, die sich dann ihrem Abendbrot widmen: einer Gemüsebrühe. Auch diese gehört zu den Programmpunkten einer Fastenwoche und wird von Louise Schulze, Bernds Frau, liebevoll zubereitet. Pünktlich um 18 Uhr steht sie dampfend auf dem Tisch. Mir knurrt der Magen. Ich verzichte aber auf weitere Flüssignahrung heute, wünsche allen Anwesenden weiterhin einen gehobenen Serotoninspiegel und tausche für meine Heimreise Pferd gegen Kleinwagen. Als mich auf meinem Rückweg das strahlende "M" eines Fastfood-Tempels anlächelt, setze ich voller Scham den Blinker und beschließe: "Na gut, ein letztes Mal", und beiße bald darauf genussvoll in einen Burger.