Funktionale Anatomie des Pferdes

Der Rücken
"Stell' ihn tiefer ein!", ist ein beliebtes Kommando in deutschen Reithallen. Und jeder Reitschüler hat irgendwie verinnerlicht, dass "das Pferd den Hals krumm machen soll". Aber warum eigentlich? Das fragt kaum einer. Stattdessen wird geriegelt und gezogen, was das Zeug hält - Hauptsache, der Kopf ist unten. Und wer erkennt, dass das nicht gut sein kann, verkehrt oft ins Gegenteil: Sein Pferd darf mit erhobener Nase gehen, dem Tier zuliebe. Falsch ist beides, wie der folgende Artikel von Dr. Gerd Heuschmann zeigt. Das geforderte Vorwärts-Abwärts-Dehnen des Pferdehalses ist keine Erfindung der Reitlehre, sondern liegt schlicht in der Natur der Sache. Es hat mit der Konstruktion des Pferdes zu tun, vor allem mit seinem Rücken... Machen wir uns erst einmal den Aufbau des Pferdes klar: Der Rücken des Pferdes ist eine Brücke zwischen Vorhand und Hinterhand. Man nennt sie Wirbelbrücke. Sie besteht aus 18 Brustwirbeln und in der Regel sechs Lendenwirbeln. Die Wirbel sind durch zahlreiche, kleine Gelenke sowie durch starke Bänder und Muskeln miteinander verbunden. Dieser Wirbelsäulenabschnitt wird dadurch sehr stabil und ist nur in geringem Maße beweglich. Im Gegensatz dazu ist die Halswirbelsäule mit den sieben Halswirbeln sehr beweglich, vergleichbar mit der menschlichen Wirbelsäule. An die Lendenwirbelsäule schließen sich das Kreuzbein, ein aus fünf Einzelwirbeln verwachsener Knochen sowie schließlich etwa 20 Schwanzwirbel an. Das Kreuzbein ist durch seine seitlichen Flügel sowie einer starken Bandmasse mit dem Becken verbunden. Über dieses Gelenk wird die Schubkraft aus der Hinterhand an die Wirbelbrücke bis hin zum Pferdemaul weitergeleitet. (siehe Abbildung 1) Das Nackenrückenband trägt das Gewicht Ein gut genährtes Pferd wiegt zirka 500 bis 700 Kilogramm, folglich belasten ständig etwa 200 bis 300 Kilogramm die Wirbelbrücke. Das Gewicht ruht allerdings nicht auf dem Knochengerüst allein, vielmehr wird ein großer Teil der Tragearbeit vom Nacken-Rücken-Band geleistet. Die Gipfel aller Dornfortsätze des Rückens sind von einem sehnigen Band, dem so genannten Rückenband, überzogen, das im Bereich des Widerrists eine breite Kappe, die Widerristkappe bildet. Vom Dornfortsatz des dritten Brustwirbels zieht es als starker elastischer Nackenstrang zum Hinterhauptsbein und mit weiteren Bandanteilen zu jedem einzelnen Halswirbel. (siehe Abbildung 2) Dehnt das Pferd den Hals nach vorne, übt das Nackenband eine entsprechende Zugwirkung aus. Dabei werden die Dornfortsätze des Widerrists aufgerichtet, gleichzeitig wird die Zugwirkung auf das sehnige Rückenband, das als direkte Fortsetzung des Nackenstrangs alle Dornfortsätze des Rücken verbindet, auf den Rücken übertragen. Indem sich die Dornfortsätze nach vorn aufrichten, müssen ihm die Rücken- und Lendenwirbel nach vorn und oben folgen. Der Rücken wird angehoben! In der Natur passiert das fast ständig, da das Pferd mehr oder weniger den ganzen Tag mit Futtersuche und der Nase an der Erde zubringt. Das ungerittene Pferd ist somit vollständig im Gleichgewicht. (siehe Abbildung 3) Warum reiten wir die Pferde vorwärts-abwärts? Dieses natürliche Gleichgewicht geht logischerweise verloren, sobald ein Reiter sich auf den Rücken des Pferdes schwingt. Infolge der ungewohnten Belastung zieht das junge Pferd, das zum ersten Mal den Reiter spürt, den Rückenmuskel zusammen und "macht sich fest". Der lange Rückenmuskel ist für eine senkrecht einwirkende Belastung nicht geschaffen, er ermüdet schnell und beginnt zu schmerzen. Nach einiger Zeit kann das Pferd diese Verspannung nicht mehr aufrechterhalten, der Rücken hängt durch. Dabei trägt das Pferd das Reitergewicht mehr oder weniger nur mit dem Knochengerüst, ohne irgendwelche Muskeln zu Hilfe zu nehmen. Landläufig wird dieses "Durchhängen-Lassen" auch als "Wegdrücken" des Rückens oder auch als "Auseinanderfallen" des Pferdes bezeichnet. Die Begriffe sind allerdings widersprüchlich, da man meinen könnte, das "böse" Pferd mache dies absichtlich. Das ist aber falsch. Es kann schlicht und einfach nicht mehr! Bedauerlicherweise gibt es Pferde, die ihr Leben lang ihren Reiter im Wechsel zwischen "Festmachen" und "Durchhängen-Lassen" des Rückens ertragen. Leider muss gesagt werden, dass dieser bedauernswerte Zustand meist hausgemacht ist, nämlich eine Folge falschen Reitens. Für den Reiter sind solche Pferde unbequem, lassen nicht sitzen und werfen stark im Trab. Für die Pferde sind die Folgen allerdings schlimmer: Sie verschleißen sehr schnell, auch an den Gliedmaßen. Der lange Rückenmuskel des Lauftieres Pferd ist also zum Tragen des Reiters nicht geeignet! Wie aber funktioniert es dann? Wie wir schon gesehen haben, ist es im Wesentlichen das Nackenband, das dem Pferd in der Natur hilft, den Rücken zu heben, indem es nach vorne gedehnt wird. Das Gleiche gilt um so mehr, wenn das Reitergewicht hinzukommt. Das Pferd balanciert dann mit dem Gewicht von Kopf und Hals das Reitergewicht aus - wie eine Waage. Da die Oberhalsmuskulatur beim jungen und/oder schlecht bemuskelten Pferd zu schwach ist, um diese Tragearbeit zu leisten, gilt: Je schwerer der Reiter, um so tiefer muss das Pferd zunächst eingestellt werden. Damit wird auch klar, warum man ein junges Pferd immer vorwärts-abwärts reiten soll. Für das gerittene Pferd ist der Kopf-Hals-Hebel die Balancierstange, die ihm hilft, das Reitergewicht leichter zu tragen. Gleichzeitig werden die verschiedenen Rückenmuskeln und die Kruppe frei, so dass sie ihrem eigentlichen Sinn und Zweck - der Fortbewegung - dienen können. Das Pferd geht mit gelöstem, schwingendem Rücken. (siehe Abbildung 4) Ganz wichtig ist dabei, dass das Pferd den gedehnten Hals passiv "fallen lässt" und nicht etwa durch massive Handeinwirkung "aktiv beugt", sich aufrollt oder auf das Gebiss legt. Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, welche Auswirkung Ihre Zügeleinwirkung auf das Genick des Pferdes hat? Auch hier hilft ein wenig Physik. Sehen Sie sich doch einmal die Abbildung 5 und dort folgende drei Punkte an: 1) den Ansatz des Nackenbandes an der Hinterhauptschuppe, 2) die Lage des Atlanto-Occipitalgelenks (Genick) sowie 3) die Lade. Wenn Sie die drei Punkte verfolgen, erkennen Sie, dass diese ebenfalls dem Hebel-Gesetz folgen: Das heißt, wenn Sie 20 Kilogramm "in der Hand haben", erzeugt dies ein Vielfaches an Zuglast am Nackenband- ansatz. Nun verstehen Sie auch, warum eine dauerhafte Einwirkung dieser Art zwangsläufig zu einer Schädigung dieses Nackenbandansatzes führen muss. Erkrankungen dieser Art sind äußerst schmerzhaft und machen ein Vorwärtskommen des Pferdes in seiner Ausbildung unmöglich. (siehe Abbildung 5) Auf dem richtigen Weg? Nirgends ist das Wachstum einzelner Muskeln und Muskelgruppen so gut zu beobachten wie am Hals. Wie schon beschrieben, werden die Nackenmuskeln eines gut gehenden Pferdes dauernd beansprucht und nehmen wie jeder arbeitende Muskel an Umfang zu. Der Nacken wird breiter, die bei einem jungen Pferd sichtbare dreieckige Vertiefung zwischen Halswirbelsäule und Mähnenkamm füllt sich bei richtig verstandener und ausgeführter Ausbildung auf. Hierbei handelt es sich um eine Art von Muskulatur, die langfristig passive Haltearbeit leisten kann; ganz im Gegenteil zum Beispiel zum bereits erwähnten langen Rückenmuskel. Die Halsbeuger - die Muskeln am Unterhals - dagegen verstärken sich nicht, gehen sogar etwas zurück und lassen die Drosselrinne am unteren Halsteil immer deutlicher erkennbar werden. Im Laufe des Trainings entsteht ein schöner, gleichmäßiger konvexer Bogen. Der Hals wirkt gleichzeitig länger. An der Entwicklung der Halsmuskulatur können wir erkennen, ob ein junges Pferd ausbildungsmäßig auf dem richtigen Weg ist. (siehe Abbildung 6) Schwingender Rücken - aber wie? Fassen wir noch einmal zusammen: Ziel unserer Reiterei ist es, den Rücken des Pferdes zum "Schwingen" zu bringen. Nur dadurch wird sichergestellt, dass das Pferd den Reiter langfristig tragen kann, ohne zu verschleißen. Und nur mit einem gelösten, schwingenden Rücken ist ein Pferd in der Lage, sein volles Bewegungspotenzial optimal zu nutzen. Dabei dient, wie gesagt, der lange Rückenmuskel ausschließlich der Fortbewegung und nicht dem Tragen des Reitergewichts! Ein Pferd mit durchhängendem oder festgehaltenem Rücken ist in seiner Bewegungsfähigkeit behindert. Es "fällt auseinander" oder bewegt sich unsicher und gespannt, die Hinterbeine können sich nicht frei und ungezwungen bewegen. Leider sind nicht alle in der Lage, einen reell schwingenden Rücken zu erkennen. Selbst in Experten- und Richterkreisen neigen immer noch einige dazu, einem spektakulären, aber verspannten Gestrampel den Vorzug vor einer wirklich lockeren, gelösten Bewegung des Pferdes zu geben. Während die Hinterbeine beim verspannten Rücken ihre natürliche Bewegungsfreiheit verlieren, kann umgekehrt auch der Rückenmuskel nicht ungestört arbeiten, wenn falsche Schenkel- und Zügelhilfen den natürlichen Rhythmus der Hinterbeine behindern. Das erste Gebot, um den Rücken zum Schwingen zu bringen, heißt daher taktmäßiges, rhythmisches Reiten! Erinnern Sie sich noch an die Skala der Ausbildung? Jetzt wissen Sie auch, warum der Takt dort an erster Stelle steht! Ein weiteres Problem auf dem Weg zum schwingenden Rücken ist der falsche Sitz des Reiters. Ein Reiter, der selbst im Rücken verspannt und fest ist, neigt dazu, im Trab senkrecht auf dem Pferderücken herumzuhämmern, so dass sich dieser logischerweise ebenfalls verspannt. Als weitere Folge davon lässt das Pferd den Hals nicht fallen, die Nackenmuskel kommen nicht zum Einsatz, der Rücken kämpft mit Festhalten und/oder Wegdrücken mit dem Reitergewicht. (siehe Abbildung 7) Dagegen lässt der Rücken um so schneller los, je vorsichtiger und geschmeidiger der Reiter einsitzt. Grundsätzlich sollte so lange leichtgetrabt werden, bis der Rücken entspannt ist, und erst dann mit dem Aussitzen begonnen werden. Ein guter Reiter sitzt dabei in Richtung der Muskelfasern - von hinten nach vorne - ein. Wann genau mit dem Aussitzen begonnen werden kann, hängt individuell von jedem Reiter/Pferd-Paar ab. Damit wird klar, warum zu Beginn jeder Reitstunde nach einer Warmlaufphase im Schritt das "Lösen" auf dem Plan steht. Ziel ist es, das Aufwärmen, Entspannen und Loslassen des Rückens zu erreichen, erst dann wird jede weitere Arbeit sinnvoll. Die gerne praktizierte Methode - "zehn Minuten Schritt, zehn Minuten Leichttraben, und los geht's " - ist also ziemlicher Humbug, wenn man bedenkt, dass bei weitem nicht jedes Pferd bereits nach dieser Zeit locker ist. Gegebenenfalls kann dies bedeuten, dass die gesamte Reitstunde, ja Wochen oder Monate für dieses Ziel verwandt werden müssen. Losgelassenheit aber ist das Zauberwort für eine wirklich harmonische Reitstunde. Sie steht daher auch nach dem "Takt" auf Platz zwei der Skala der Ausbildung! Rückentraining Wir sprechen bei der Ausbildung des Pferdes oft von der "Gymnastizierung". Im Grunde bedeutet dies nichts anderes als der systematische Aufbau bestimmter Muskeln und Muskelgruppen. Nichts anderes also als das, was auch wir Menschen mit Gymnastik oder Krafttraining im Fitness-Studio erreichen wollen. Während beim dreijährigen Pferd das Gleichgewicht vorwiegend über den Trab gefunden wird, eignen sich für das gezielte Rückentraining beim älteren Pferd besonders das wiederholte Angaloppieren, lange Galoppreprisen im Gelände und das Klettern am Hang. Hilfreich ist auch die Arbeit über Stangen oder niedrige Kavalettis oder auch leichte Springgymnastik, bei der das Pferd angeregt wird, im Rücken tätig zu werden. Im Laufe des richtigen Trainings wird die flache Rückenmuskulatur des Pferdes erhabener. Das Spiel der Muskeln im Takt des Ganges wird deutlich sichtbar. (siehe Abbildung 8) Rückenprobleme: Hausgemacht oder exterieurbedingt? Viele Rückenprobleme sind hausgemacht, das heißt, sie kommen schlicht durch falsches Reiten und Gymnastizieren. So kommt es beim ständig festgehaltenen Rücken zum Abbau und Abflachen des Muskels, was mit der mangelnden Durchblutung des verspannten Muskels zusammenhängt. Ständiges "Wegdrücken" des Rückens kann ebenfalls zu zahlreichen Erkrankungen der Wirbelsäule führen. Denn wie wir ja gesehen haben, trägt in diesem Fall das Knochengerüst fast die gesamte Last des Reiters. Allerdings gibt es auch Pferde, die von ihrem Exterieur her größere Probleme mit sich bringen als andere. Langfristig zu Rückenproblemen führen kann eine schlechte Kopf-Hals-Verbindung (enge Ganasche oder Schwanenhals), aber auch ein kurzer Rücken (Quadratpferd). Ein kurzer und stark bemuskelter Rücken ist von Natur aus recht tragfähig. Daher sollte man eigentlich meinen, dass sich ein kurzes, kompaktes Pferd besser zum Tragen eines Reiters eignet als ein langes, "weiches" Pferd. Die Realität sieht aber anders aus, gerade die kurzen Pferde sind oft fest und lassen sich nur schwer lösen. Warum eigentlich? Zum einen wird ein kurzer, weniger elastischer Rücken punktuell stärker belastet als ein längerer. Erschwerend kommt hinzu, dass der Sattel bei einem kurzen Rücken häufig auf den Querfortsätzen der Lendenwirbelsäule zum Liegen kommt. Anders als im Brustwirbelbereich, in dem der lange Rückenmuskel von den gelenkig mit der Wirbelsäule verbundenen Rippenbögen getragen wird, sind die Querfortsätze im Lendenwirbelbereich starr, was zu unübersehbarer Abwehrspannung führt. Die Abwehrspannung ist folglich bei sehr kurzen Pferden wesentlich stärker und auch schwerer zu beseitigen. Ergo: Ein Reiter kann auch zu groß für ein Pferd sein. Fazit Sollte Ihr Pferd massive Probleme mit der Losgelassenheit und Anlehnung haben, sollten Sie sowohl die anatomischen Eigenschaften Ihres Pferdes als auch Ihre reiterliche Einwirkung gründlich unter die Lupe nehmen. Seien Sie dabei selbstkritisch und suchen Sie nicht nur die Fehler beim Pferd. Bedenken Sie, dass das Pferd keine bösen Absichten hat. Es reagiert nur! Beim korrekt gebauten Pferd sind Verspannungen und Rückenprobleme IMMER das Ergebnis anhaltender falscher Einwirkung durch den Reiter. Umgekehrt können aber auch Pferde mit einer problematischen Anatomie des Rückens dauerhaft im Sport eingesetzt werden ohne Schaden zu nehmen, wenn sie entsprechend ausgebildet und konsequent trainiert werden.
(aus: Pferde Fit&Vital

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