Eine Übersichtsstudie zeigt: Auch Hengste brauchen soziale Kontakte. Wenn diese fehlen, kann es Probleme geben. Welche das sind, verrät pferde.de Dir hier.
Sie gelten als dominant, schwierig und sogar gefährlich: Hengste haben selbst unter Reitern nicht den allerbesten Ruf. Das zeigte bereits eine Studie über Vorurteile gegenüber Hengsten. Doch woher kommt das „aggressive“ Verhalten? Ist es vielleicht ein Problem der Haltung? Brauchen Hengste soziale Kontakte? Diesen Fragen gingen Forscher aus Polen und England nach. Sie wollten wissen: Wie weit unterscheidet sich das Verhalten von Hengsten, die bei Menschen leben, von ihren freilebenden Artgenossen?
Für ihre Übersichts-Studie untersuchten Aleksandra Górecka-Bruzda, Joanna Jaworska und Christina R. Stanley 172 wissenschaftliche Arbeiten. Dabei fanden sie heraus: Hengste haben ganz eindeutig soziale Bedürfnisse. „Indem wir diese verstanden haben und wie Hengste darauf reagieren, haben wir die Bedeutung des sozialen Umfelds für den Hengst hervorgehoben“, schrieben sie in der Zeitschrift „Animals”.
Dabei, dass gaben die Forscherinnen zu, ist das Leben eines freilebenden Hengstes auch stressig. So muss er zum Beispiel ständig seine Herde vor Rivalen schützen . Aber im Allgemeinen erleben wilde Hengste ein stabiles Sozialleben, entweder mit Stuten oder mit Artgenossen in einer Junggesellengruppe. Dieser Lebensstil steht in starkem Kontrast zu dem von Pferden, die von Menschen gehalten werden.

Hengste werden früh von ihren Müttern getrennt
„Hengste, die unter von Menschen kontrollierten Bedingungen gehalten werden, haben normalerweise keinen Hunger oder Durst. Sie können sich ohne Unbehagen ausruhen. Sie sind geschützt, geimpft, entwurmt und ihre Hufe sind in gutem Zustand“, so die Forscherinnen. „Wenn sie in der Zucht eingesetzt werden, müssen sie nicht um den Zugang zu fruchtbaren Stuten kämpfen. Sie haben oft ein höheres Maß an sexueller Aktivität und bringen insgesamt mehr Fohlen hervor als freilaufende Hengste. Man könnte daher argumentieren, dass sie ein Leben in relativem Luxus erleben.“
Doch dabei wird etwas übersehen, erklärt das Forscherinnen-Trio: „In vielen Fällen leben Hengste ein einsames Leben in einer relativ kargen Umgebung und haben oft keinen direkten sozialen Kontakt zu anderen Pferden.“ Ihre Überprüfung zeigte, dass sich das Sozialleben der von Menschen gehaltenen Hengsten vom Fohlenalter bis ins hohe Alter zumindest in einigen wichtigen Entwicklungsstadien stark von dem unter natürlichen Bedingungen unterscheidet. Die bedeutendsten Unterschiede:
- Sie werden viel früher (normalerweise mit vier bis sieben Monaten) von den Müttern getrennt, als dies unter natürlichen Bedingungen der Fall wäre (etwa im Alter von zwei Jahren).
- Hensgte haben in allen Lebensphasen keinen Kontakt zu Stuten und lernen kein natürliches Sexualverhalten von Stuten.
- Sie sollen sich mit jeder Stute paaren – oft mit einer, mit der sie nicht vertraut sind.
- Sie sollen sogar verwandte Stuten decken, wenn die Züchter dies wollen.

Erwachsene Hengste leben sozial isoliert
Obwohl in den meisten Zuchteinrichtungen junge Hengste zusammen aufgezogen werden, trennt sich ihr Weg dann. Die meisten werden Wallache. Die erwachsenen Hengste wiederum leben sozial isoliert. „Die soziale Rolle, für die sie sich entwickelt haben, wird nicht erfüllt. Und das tröstliche soziale Feedback ihrer Familien- oder Begleitgruppen bekommen sie nicht“, die Forscherinnen weiter. Dies führe häufig zu Frustration, die zu abnormalem Sexualverhalten, unerwünschten, sich wiederholenden Verhaltensweisen, bekannt als Stereotypien, und Selbstverstümmelung führe.
„Unsere Überprüfung gibt jedoch eine Grundlage, auf die man sich bei der Planung und Verwaltung von Hengstunterkünften beziehen kann“, so die Wissenschaftlerinnen. „Nur, wenn wir das soziale Umfeld verstehen, in dem sich Hengste entwickelt haben, können wir hoffen, dies nach Möglichkeit in Gefangenschaft zu replizieren.“ Aus den von ihnen überprüften Studien lassen sich entsprechend Empfehlungen zusammenfassen. „Offensichtlich wäre die Weideaufzucht oder die Haltung eines Hengstes mit Stuten und Fohlen das ganze Jahr über die wünschenswerteste Methode, um die Bedürfnisse eines Hengstes zu befriedigen“, so das Trio.
Gruppenhaltung und Sozialboxen helfen
Wo dies nicht praktikabel ist, muss sichergestellt werden, dass alternative Vorkehrungen getroffen werden, um die natürlichen Triebe der Hengste zu unterstützen. Die wichtigsten und praktikabelsten Verbesserungen konzentrieren sich auf das Sozialleben. Dabei kann es sich um die Gruppenhaltung von Hengsten handeln oder zumindest um den direkten Kontakt zwischen den Hengsten, zum Beispiel in „Sozialboxen“ – eine vielversprechende Methode, um soziale Bindungen zu ermöglichen und damit das Sozialleben der Hengste zu verbessern. „Da Weidegang und ständige Fortbewegung im Freien die vorherrschenden Aktivitäten im Zeitbudget des Pferdes sind, ist der Zugang zu umweltgerechten Auslaufflächen und Weiden unerlässlich.“
Ein weiterer wichtiger Punkt, so das Team: Die Fortpflanzung ist unter natürlichen Bedingungen auf einen kurzen saisonalen Zeitraum beschränkt. Werden Hengste gehalten, schlagen die Forscherinnen vor, dass unnötige sexuelle Erregung vermieden werden sollte, wenn keine Paarung stattfindet. So kann die Frustration und potenzielle Aggression bei Hengsten reduziert werden.
„Wenn diese einfachen Empfehlungen umgesetzt werden können, werden deutliche Verbesserungen des Wohlergehens der Hengste schnell möglich sein“, sagt das Trio. Sie hoffen, mit ihrer Arbeit neue Perspektiven und auch neue Wege in der modernen Hengsthaltung aufgezeigt zu haben: „Es ist zu hoffen, dass ein besseres Verständnis des Lebens von wilden Hengsten dazu führt, dass ihre Bedürfnisse in der Haltung besser erfüllt werden.“








