Wenn Pferde älter werden, stehen ihre Menschen meist vor einer schweren Entscheidung: Was soll mit dem Freund auf vier Hufen geschehen? Oft wird dann ein Platz auf einer Rentner-Weide gesucht, damit es dem Liebling in den letzten Jahren gut geht. Dass er auch in seinem alten Zuhause ein tolles Leben führen kann, beweist Kathi Dwenger aus Hamburg. Sie bietet ihrem Norweger-Mix Hannes ein echtes Wohlfühl-Programm für Senioren…
Wenn die Hamburgerin Kathi Dwenger auf die Weide geht, muss sie nur kurz rufen, schon kommt Hannes auf sie zu. Gemütlich, Schritt für Schritt, laufen die beiden dann zusammen Richtung Putzplatz. Hektik oder Stress gibt es für sie nicht. Alles ist entspannt, ruhig. „Seniorenfreundlich“, sagt Kathi lachend.
Denn ihr Hannes ist schon stolze 30 Jahre alt und damit im besten Pferde-Rentenalter. Aber „nur“ auf der Oldie-Weide stehen? „Das wäre ihm viel zu langweilig“, sagt Kathi.

Sie muss es wissen: Seit 13 Jahren sind die beiden unzertrennlich. Für Kathi, die mit zehn Jahren mit dem Reiten anfing, war der Norweger-Mix ihre erste Reitbeteiligung. „Als ich mit ihm anfing, habe ich mit ihm vor allem Dressurarbeit gemacht“, erinnert sie sich. Dazu interessierte sich Kathi für Bodenarbeit. „Ich wollte Hannes Abwechslung bieten.“ Langzügel, Horsemanship – „er machte alles begeistert mit. Er wollte Neues lernen, gefordert werden.“
Diagnose: Nie wieder reitbar!
Doch mit dem Alter kamen bei Hannes die ersten Zipperlein. 2014 dann die Diagnose: Sehnenschaden, nie wieder reitbar. „Er hatte starke Schmerzen. Da stand auch die Frage im Raum, ob es besser für ihn ist, wenn er erlöst wird“, sagt Kathi. „Aber er zeigte deutlich, dass er leben will. Er ist ein Kämpfer.“
Und nicht mehr reitbar – diese Aussage schreckte Kathi nicht ab. „Ich war fast jeden Tag bei ihm, habe ihn mit Bodenarbeit langsam wieder aufgebaut.“ Damit es nicht zu langweilig wird, baute sie kleine Zirzensik-Lektionen ein. „Alles auf sein Alter abgestimmt. Beim Kompliment geht er nicht auf den Boden, sondern verneigt sich nur.“

Die Arbeit zeigte Erfolg: Hannes wurde wieder fit – und genoss zwei Jahre später endlich wieder gemütliche Ausritte mit Kathi. „Zu dieser Zeit kam auch das Angebot der Besitzerin, dass ich Hannes ganz übernehmen könnte.“
„Er war mein Anker, als es mir nicht gut ging“
Ein 27 Jahre altes Pferd nehmen – „da haben natürlich manche den Kopf geschüttelt und gefragt: Was willst Du denn noch mit dem“, sagt Kathi. „Aber für mich war klar, dass ich Hannes nehme. Er ist mein Seelenpferd.“

Denn nicht nur sie war immer für ihn da – auch er hat ihr geholfen. „Es gab eine Phase in meinem Leben, da ging es mir wirklich schlecht. In diesen Monaten war er mein Anker. Wenn ich bei ihm war, konnte ich alles vergessen, einfach durchatmen.“
„Senioren-Programm“ fürs Pferd
Ihn auf die Rentnerweide schicken – „daran habe ich nicht eine Sekunde gedacht“, so Kathi. Stattdessen überlegt sie sich ein „Senioren-Programm“ für ihn, wie sie lachend sagt. „Da ich seinen Rücken nicht mehr jeden Tag durchs Reiten belasten wollte, suchte ich eine andere Arbeit, die seine Muskeln trainiert. Und etwas ziehen können auch ältere Pferde. So entstand die Idee, das auszubauen – und mal zu gucken, wie er sich als Kutschpferd macht.“
Dafür macht Kathi erst einmal ihr Fahrabzeichen, dann fragte sie einen Profi, was er von ihrer Idee hält. „Der schüttelte erst mal den Kopf, als er hörte, dass Hannes schon 28 ist. Aber als er ihn sah, sagte er: Mach es!“

Im Sommer Kutsche fahren, im Winter mit den Kindern Schlitten – noch immer nicht genug für Kathi und Hannes. Sie probiert aus, wie Hannes reagiert, wenn er Baumstämme statt einer Kutsche zieht. „Das hat er sofort ganz cool gemeistert.“
Und sie hat noch eine Idee: „In Süddeutschland ist es ganz normal, dass Pferde in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Das hat mich interessiert.“ Sie macht einen Ackerkurs mit Kaltblütern und noch vor der Heimfahrt kauft sie in einem Kleinanzeigenportal einen Grubber, eine Egge kommt noch dazu. „Seitdem schleppen wir zum Beispiel den Reitplatz bei unserem Stall.“

„Hannes gibt anderen Hoffnung!“
Wird das dem Senior nicht zu viel? „Nein, wir sind ja nicht stundenlang im Einsatz. Oft dauert eine Sache nur ein paar Minuten, dann kommt das Nächste dran.“ Das ist auch ihr Tipp: „Stellt Euch auf Euer Pferd ein. Wenn die Konzentration nachlässt, wechselt die Lektion.“ Sie selbst lebt genau das jeden Tag mit Hannes.
„Ich bin zwar der Boss, aber eigentlich bestimmt er, was wir machen. Wenn ich ihn hole, gucke ich schon genau, wie es ihm geht. Ist er richtig fit und sein Rücken ist entspannt? Dann reite ich ihn sogar, ganz gemütlich gehen wir dann ins Gelände. Und: „Schritt, Trab oder Galopp – das Tempo bestimmt er.“
Das Programm tut dem Wallach sehr gut. Den Tierarzt braucht er nur zur Impfung, ansonsten genießt er sein Leben im Aktivstall. „Und er hat für sein Alter noch gute Muskeln!“ Sorgt ihr Beschäftigungsprogramm nicht für Kopfschütteln bei den Stallkameradinnen? „Einige finden mich schon verrückt – aber im positiven Sinn“, sagt Kathi. „Und für viele, die ebenfalls ältere Pferde haben, sind Hannes und ich ein Stück Hoffnung: dass das Leben mit einem alten Pferd ganz viel Spaß bringen kann. Ich genieße jede Minute mit ihm!“
Doch auch Hannes‘ Leben ist endlich: Im März 2022, im Alter von fast 33 Jahren, schläft er in Kathis Armen friedlich ein. Ein emotionaler Abschied nach 16 gemeinsamen Jahren: „Sein Herzschlag war mein Hufschlag“, sagt Kathi.
Dank Kathi hatte Hannes ein liebevolles und abwechslungsreiches Rentnerleben. Jetzt galoppiert er hoffentlich über die ewig grüne Wiese…









Weiter so Kathi und Hannes!! Ihr seid ein tolles Beispiel und ein toller Ansporn. Wäre Hannes auf der Rentnerkoppel, würde es ihm sicher nicht mehr so gut gehen. So ist jeder Tag spannend für ihn. Ich habee auch einen 30-jährigen Hannoveraner. Er ist voller Lebenslust und wird noch altersgemäß geritten. Jeder Tag mit ihm ist eine Freude. Ich wünsche Euch noch viele schöne gemeinsame Jahre!
Das ist eine wunderschöne Geschichte (-: Ich bin nämlich auch der Ansicht, dass alte Tiere – ob Hund oder Pferd – gerne noch Aufgaben übernehmen und sehr dankbar sind, wenn man sich mit ihnen beschäftigt. Das hält sie körperlich und geistig fit. Und wenn man gut darauf achtet, sieht man doch auch sofort, ob es den Tieren dabei gut geht, oder man die Belastung ein wenig herunterfahren sollte. Danke für den schönen Artikel, der hoffentlich vielen Tierbesitzern Mut macht und Motivation bietet!