Pferdemenschen sind oftmals der festen Überzeugung, dass Pferde eine ebenso facettenreiche Gefühlswelt haben wie wir Menschen. Doch können Pferde tatsächlich Emotionen wie Stress, Freude, Angst, Trauer oder Schmerzen richtig einordnen und vor allem auch äußern? Woran erkenne ich, ob mein Pferd beispielsweise gestresst ist? Das ist nämlich gar nicht so einfach, wie angenommen.
Erst einmal vorweg: Natürlich können Pferde Emotionen spüren. Italienische Forscher haben in einer lang angelegten Studie festgestellt, dass sich der Herzschlag von Mensch und Pferd nach kurzer Zeit synchronisiert, sobald ein Pferd und die dazugehörige Bezugsperson miteinander Kontakt haben. Die Wissenschaftler werteten diese spezielle Situation als ein Zeichen von tiefer Zuneigung – menschlich gesprochen.
In der Tierwelt ist Zuneigung mit Vertrauen gleichzusetzen. Am wohlsten fühlen Pferde sich, wenn der Mensch sich auf der linken Seite aufhält. Durch den Blickkontakt leitet es alles, was in seinem Sichtfeld ist, an die rechte Hälfte des Gehirns weiter, denn dort sitzt das Zentrum für aufregende Erlebnisse.
Wann ist ein Pferd entspannt?
Pferde sind aufgrund ihrer Natur als Fluchttier grundsätzlich immer aufmerksam, können sich selbstverständlich aber auch entspannen. Wenn sie sich in einer Situation sicher fühlen, kannst Du das an folgenden Anzeichen erkennen:
- Entlastete Hinterbeine
- Entspannte, seitlich abgekippte Ohren
- Locker hängende Unterlippe und ein entspannter Kiefer, manchmal auch in Kombination mit langsamen, gelegentlichem Kauen
- Halb geschlossene Augen, die nach Dösen aussehen
- Gesenkter Hals
Die entspannteste Haltung für ein Pferd ist die Haltung, in der sie grasen. Ein angespanntes, ängstliches oder gestresstes Pferd wird nicht fressen.

Wenn Pferde Angst oder Stress haben
Angst und Stress liegen den Pferden im Blut. Da Pferde Fluchttiere sind, reagieren sie auf für sie unbekannte oder schlecht einzuschätzende Situationen schreckhaft. Je nach Situation kann das Pferd Neugier und Skepsis äußern. Das heißt, dass nicht jedes ängstliche Pferd dies durch panische Handlungen zum Ausdruck bringt. Da Pferde nicht über die gleichen kognitiven Fähigkeiten wie Menschen verfügen, können sie sich auch vor Dingen erschrecken, die für uns völlig banal sind.
Klare Anzeichen dafür, dass Pferde Angst oder Stress haben, können folgende Beispiele sein:
- Fest verschlossenes Maul
- Aufeinander gepresste Kiefer
- Erstarren, wobei alle Muskeln angespannt sind, damit sie im Zweifel sofort los laufen können
- schlagender, eingezogener oder aufgestellter Schweif
- Der Blick „saugt“ sich am Objekt des Schreckens fest, das Pferd blinzelt nicht
- Augen weit aufgerissen, man erkennt häufig das Weiß
- Tänzeln
- Prusten
- Falten über den Augen
Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass Pferde immer mit einem der „vier Fs“ reagieren: Fight, Flight, Freeze oder Flirt. Zu Deutsch: Kampf, Flucht, Erstarren oder Kommunizieren.
Häufig ist auch eine Aneinanderreihung oder willkürliche Abfolge der „vier Fs“ zu erkennen. Beispielsweise kann ein Pferd erst aufmerksam ein Geräusch wahrnehmen, dann erstarren, dann hin und her tänzeln, dabei wiehern und schlussendlich wieder erstarren. In solchen Momenten weiß das Pferd nicht genau einzuordnen, was der Auslöser ist und wie es auf ihn reagieren sollte.

Der Umgang mit Angst und Stress beim Pferd
Wir Menschen dürfen in so einem Moment das Pferd nicht abstrafen, müssen selbst Ruhe bewahren und unserem Vierbeiner signalisieren, dass alles in Ordnung ist. Das ist nicht immer ganz einfach. Wer einmal ein aufgebrachtes Pferd an der Hand oder unter sich hatte, weiß, dass Ruhe zu bewahren immer viel leichter gesagt ist, als getan. Angst oder Stress kannst Du jedoch nicht mit Dominanz oder im schlimmsten Fall Brutalität entgegentreten. Dein Pferd meint es in dem Moment schließlich nicht böse.
Im Idealfall kannst Du das Problem ausfindig machen und das Pferd behutsam mit der Angstquelle konfrontieren. Sobald es sich entspannt, solltest Du es loben. Wichtig ist allerdings auch, das Pferd nicht zu überfordern. Denn das kann den Stress vergrößern. Du solltest nichts erzwingen und es lieber später erneut angehen. Mit Ruhe und Gelassenheit. Du weißt schließlich, dass die Tüte oder Parkbank völlig ungefährlich ist, Dein Pferd leider nicht.
Manchmal versteht Dein Pferd auch einfach nicht, was Du möchtest. Oder es vertraut Dir nicht genug, um eine bevorstehende Situation zu meistern. Der Grund für Stress oder Furcht kann ganz verschiedene Ursprünge haben. Umso wichtiger ist es, dass Du Dein Verhalten und Deine Rolle in der Pferd-Mensch-Beziehung immer wieder kritisch hinterfragst und daran arbeitest.

Kenne Dein Pferd
Leider gibt es keine allgemeingültigen Aussagen, anhand derer Du schnell feststellen kannst, ob Dein Pferd gerade gestresst ist oder gar Angst hat. Jedes Pferd zeigt Angst oder Stress auf seine eigene Art. Der Schlüssel zum Erfolg besteht also erst einmal darin, das eigene Pferd zu kennen. Das gelingt am Besten, indem Du es regelmäßig beobachtest. So kannst Du mit der Zeit erkennen, in welchen Situationen Dein Pferd wie reagiert. Du lernst also einzuschätzen, ob Dein Pferd gerade beispielsweise vor Aufregung, Schmerz oder Wut die Lippe kräuselt. Gerade die Situationen, in denen Dein Pferd sehr offen seine negativen Emotionen zur Schau stellt, sind besonders lehrreich.
Manche Reaktionen deuten auf Stress hin, etwa wenn die Pferde sich aus einer für sie unangenehmen Situation herauswinden wollen. Allerdings kann das auch schnell als Ungehorsam aufgefasst werden. Doch auch in so einem Fall solltest Du das Pferd nicht einfach blind abstrafen. Es wird schließlich seine Gründe haben, weswegen es diese Situation umgehen möchte. Beispielsweise könnte Dein Pferd stehenbleiben und die erste logische Konsequenz – sofern alles andere ausgeschlossen wurde – könnte sein, dass das Pferd schlichtweg die Arbeit verweigert.
Statt ohne Rücksicht auf Verluste Deinen Standpunkt klar zu machen, solltest Du Dich fragen, warum Dein Pferd so reagiert und nicht mit Dir arbeiten möchte. Je mehr Du Dich mit Deinem Pferd auseinandersetzt, desto besser wirst Du auch lernen, die Emotionen und Reaktionen zu deuten. Nur dann kannst Du gezielt und angemessen reagieren, Dein Pferd unterstützen oder aber eben auch in die richtigen Bahnen lenken.

Die körperlichen Folgen von Stress für Pferde
Aber warum ist es denn nun eigentlich so wichtig, dass man lernt, gestresste Pferde zu erkennen? Die Psyche ist ein nicht zu unterschätzender Faktor, wenn es um die Gesundheit geht. Dauerstress sorgt für Cortisol-Ausschüttung, welches das Immunsystem unterdrückt. Mögliche Folgen sind Darmprobleme oder Stoffwechselstörungen. Auch Magengeschwüre können durch Dauerstress entstehen.
Und das ist bei Pferden keine Seltenheit: Laut verschiedener Studien leiden etwa 60 Prozent der Sport- und Freizeitpferde und etwa 90 Prozent der Rennpferde an Magengeschwüren. Nur rund sechs Prozent der Weidepferde leiden unter Magengeschwüren. Das verdeutlicht, dass auch Haltung und Fütterung Stress verursachen können, nicht nur das bloße Reiten oder gar Turnierambitionen. Wer ein Magengeschwür bei seinem Pferd diagnostiziert bekommt, sollte neben der Behandlung des Symptoms also auch die Ursache erforschen.
Neben der Haltung und Fütterung gibt es weitere Faktoren, die im Alltag der Pferde zu Stress führen können:
- Training: Trainieren wir korrekt? Trainieren wir angemessen? Bin ich überfordert? Ist mein Pferd überfordert? Sollten wir mehr Pausen einlegen? Brauche ich einen Trainingsplan?
- Freier Auslauf: Braucht mein Pferd einen Freund auf dem Paddock? Kommt es mit allen aus der Herde zurecht? Ist es ranghoch? Oder rangniedrig? Hat es auf dem Paddock oder der Weide genug zu tun? Ist ihm langweilig?
Mit Haltung, freier Bewegung, kontrollierter Bewegung im Training und Futter sind die vier Grundpfeiler des Pferdealltags schon abgedeckt. Nicht immer ist das Problem sofort ersichtlich. Deshalb es umso wichtiger, jedes noch so harmlos wirkende Geschehen genauer unter die Lupe zu nehmen.
Oder vielleicht doch nur schlechte Laune…?
Grundsätzlich sagt man, dass das Problem immer am anderen Ende des Stricks ist, beziehungsweise im Sattel sitzt. Das stimmt in der Theorie, in der Praxis ist es allerdings so, dass Pferde Individuen sind. Sie haben also eine eigene Gefühlswelt und auch mal schlechte Tage. An diesen Tagen kann es passieren, dass sie ein Ventil nutzen, um ihren Emotionen Platz zu schaffen.
Vielleicht war es an dem Tag besonders stressig in der Herde auf der Weide, vielleicht hat es sich in der Box verlegen und es zwickt irgendwo ein bisschen. Doch das ist natürlich nicht immer der Auslöser. Und wenn gewisse Verhaltensmuster regelmäßig an den Tag gelegt werden, kann nicht ständig die schlechte Laune dafür verantwortlich gemacht werden. Und wenn doch, so solltest Du schleunigst herausfinden, warum Dein Pferd ständig schlecht gelaunt ist.
Fazit
Das Thema Stress bei Pferden ist komplex, denn der Ursprung ist ebenso vielfältig wie die Äußerung der Gefühle. Pferde leiden oftmals leise vor sich hin, sodass es manchmal gar nicht so leicht ist, sofort den vollen Umfang des Problems zu erkennen. Wichtig ist, dass Du alle Möglichkeiten in Betracht ziehst und bei tiefer sitzenden Problemen – unabhängig davon, ob psychischer oder physischer Natur – nicht nur die Symptome, sondern auch den Ursprung behandelst. Auch, wenn das für Dich selbst unbequem werden könnte, weil Du Dein eigenes Verhalten dem Pferd gegenüber, auf welche Art auch immer, potentiell überdenken musst.








