Harriet Jensen hat sich mal auf dem Pferdemarkt umgesehen – und fragt sich, was da eigentlich gerade los ist. Ungeputzt und durchschnittlich, dabei aber über den grünen Klee gelobt, das scheint aktuell Standard zu sein. Ein Meinungsstück.
Guckt man sich auf dem aktuellen Pferdemarkt um, gerät man doch schnell ins Grübeln: Meinen die Verkäufer das ernst? Wollen die das Pferd vielleicht gar nicht verkaufen? – Sondern am Ende einfach nur sagen „Naja, ich hab es versucht“ – obwohl sie in Wahrheit nichts unversucht ließen, um das Pferd doch nicht an den Mann bringen zu können?
Angeboten werden einem die seltsamsten und skurrilsten Pferde, die teilweise nicht einmal ordentlich zurecht gemacht sind. Ungeputzt, komplett dreckige Hufe, schief geschnittene Mähne – wenn sie denn überhaupt frisiert ist – und eine abgewetzte Schabracke. Manchmal stehen die Pferde zusätzlich noch katastrophal im Futter und sehen einfach nur aus wie mal eben schnell für ein paar Fotos aus der letzten Ecke hervor gezaubert.

Wie die Verkäufer im Übrigen wissen wollen, ob die Pferde brav beim Schmied sind, fragt man sich beim Anblick der Hufe immer wieder. Denn schnell drängt sich da die Vermutung auf, dass das Pferd den Schmied höchstens einmal gesehen hat, wenn der für andere da war. Doch unabhängig von den Pferden, die etwas fragwürdig gezeigt werden, hat laut eigenen Aussagen fast jeder Verkäufer den nächsten Nationenpreissieger bei sich im Stall stehen. Das volle Paket. Mit viel Luft nach oben.
Je nach Kontext und Seriosität der Anzeige merkt man übrigens schnell, ob „Luft nach oben“ bedeutet, dass das Pferd im Laufe seiner weiteren Ausbildung sein vollkommenes Vermögen ausschöpfen können wird, oder ob damit eher gemeint ist, dass es so katastrophal ausgebildet ist, dass automatisch Luft nach oben ist.
Verkaufsanzeige oder doch abschreckendes Negativ-Beispiel für den Reitsport?
Was teilweise auf den Verkaufsbildern und -videos zu sehen ist, könnten Boulevard-Formate nicht schöner für eine Negativ-Doku über den Reitsport in Szene setzen. Dreijährige Pferde mit Schlaufzügeln, Springreiter, die ohne Helm und ohne korrektes Augenmaß mit Pferden gegen Sprünge scheppern und strampelnde Dressurpferde, die überall hintreten, nur nicht unter den Schwerpunkt.
Aber wer – oder was – macht den Markt eigentlich so kaputt aktuell? Es scheint, als würden Verkäufer und Käufer gleichermaßen daran beteiligt sein. Denn auch die Gesuche lassen einen mit den Ohren schlackern. Schwarz soll das Pferd sein, mit vier mal weiß, einer gleichmäßigen Blesse. Keine Unarten, brav beim Schmied und auf dem Anhänger. Man muss direkt beim Turnier los reiten können, nicht älter als sechs Jahre, Potential für ganz oben. Die kleine Tochter soll aber bitte auch drauf reiten lernen können, der Mann möchte mal ins Gelände und eine A oder L Dressur wäre eigentlich auch ganz nett.

Überhöhte Erwartungen
Natürlich muss das Pferd kerngesund sein und bitte nur vom Züchter direkt kommen, damit man alles nachvollziehen kann. Ein TÜV sollte am besten schon vorhanden sein, dieser wiederum darf nur mit Bestnoten bestanden werden. Beim Springen kein Steher und bitte keine Stute. Der Preis soll natürlich der Qualität entsprechen, aber nicht mehr als 8.000 Euro betragen, denn man sucht ja nicht den nächsten Olympioniken.
Bei diesen teilweise richtig dreisten Gesuchen fragt man sich, ob die Leute eigentlich wissen, was ein korrekt ausgebildetes Pferd mit klarem Kopf und einem gesunden Körper eigentlich kostet – an Zeit, Nerven und Geld. Da versteht man fast schon, dass die Angebote teilweise wie hingeworfen klingen, weil sich aufgrund der dubiosen Nachfragen die Mühe für Pferde in einer gewissen Preiskategorie anscheinend nicht so richtig lohnt.
Das ist unheimlich schade und wird im Zweifel vor allem den Pferden absolut nicht gerecht, die am wenigsten für Angebote und Nachfragen können. Die suchen, meist ohne es zu wissen, einfach nur ein schönes Heim, in dem sie gut behandelt werden und eine nette Zeit verbringen können.
Ist der Pferdemarkt zu retten?
Schlussendlich müssen sich beide Seiten an die eigene Nase fassen. Möchte ich seriös Pferde verkaufen, sollte ich mich genau so geben: Anzeigen ohne Rechtschreibfehler, in denen die wichtigsten Fragen geklärt werden und aussagekräftige Fotos und Videos. Möchte ich ein anständiges Pferd haben, muss ich auch eine bestimmte Summe X einkalkulieren. Denn gute und gesunde Pferde fallen nicht von Bäumen. Sie werden gezüchtet, ausgebildet und gehegt und gepflegt, damit sie ihre Gesundheit behalten – mental und körperlich.
Hat man nur einen bestimmten Betrag zur Hand, sollte man sich überlegen, ob man entweder noch etwas spart, bis man sich das gewünschte Pferd tatsächlich leisten kann. Oder man muss mit Abstrichen leben, wie beispielsweise Verhaltensauffälligkeiten oder dem ein oder anderen Makel.
Makel machen übrigens Pferde nicht automatisch schlecht! Viele Pferde leben mit ihren angeblichen Makeln, wie auch wir Menschen mit unseren: unbehelligt und uneingeschränkt.








