„Mal eben kurz“ ist im Reitstall ein dehnbarer Begriff. Da werden aus zwei Minuten schnell zwei Stunden. Warum eigentlich? Darüber sinniert Harriet Jensen in ihrer Kolumne.
Mein Mann schüttelt mittlerweile nur noch den Kopf, wenn ich sage, dass ich noch einmal kurz in den Stall fahre. Er kennt diese Aussage und weiß, dass „kurz“ ein Wort ist, das auf unbestimmte Zeit ausdehnbar ist. Er weiß, dass ich nicht zuverlässig bin, wenn es um die Zeitansage meines Stallaufenthalts geht. Denn irgendwas ist immer!
Das muss nicht einmal etwas Schlimmes sein, es kann auch sein, dass ich spontan entscheide, dass ich noch schnell alle meine Trensen säubern (Affiliate-Link) und fetten (Affiliate-Link) könnte, wenn ich an dem Tag eh nicht reite – dass ich nicht reite ist nämlich der Indikator für „kurz“, endet jedoch eigentlich immer mit mindestens der gleichen Dauer, wenn nicht sogar länger.
Denn wenn man das, was man normalerweise als Zeitaufwand sieht, nämlich mit dem Pferd an der Hand oder aus dem Sattel heraus zu arbeiten, mal nicht macht, weil das Pferd frei hat, dann füllt man sich die Zeit im Stall mit den ganzen Dingen, die man „kurz“ mal schnell machen kann. Beispielsweise die Schränke auszumisten, die Boxen besonders ordentlich abzuäppeln, die Boxen zu waschen, die Tröge zu desinfizieren, die Decken (Affiliate-Link) ordentlich zusammenzulegen, die Stiefel zu putzen, die Haferkörner nach Größe zu sortieren und mit den Miteinstallern zu quatschen.
So viel zu tun, so wenig Zeit
Außerdem kann man dann endlich mal den Waschplatz bis in die letzte Ritze säubern, die Fenster putzen und die Schabracken (Affiliate-Link) enthaaren. Der Putzkasten (Affiliate-Link) muss auch mal sortiert werden. All das macht man „kurz“ nebenbei, wenn man nur mal eben schnell nach dem Rechten sieht. Ich gebe es gerne zu, ich bin richtig schlecht darin, meine Zeit realistisch einzuschätzen und bin manchmal ganz erschrocken, wie schnell ein paar Stunden rum sind.
Natürlich bin ich ebenfalls nicht in der Lage einzuschätzen, wie lange ich auf dem Pferd sitze. Da ich die Angewohnheit habe, die Dauer auf dem Pferd davon abhängig zu machen, was wir machen und wie es läuft. Das heißt von 20 bis 90 Minuten ist alles dabei und bei beidem denke ich gefühlsmäßig, dass es gleich lang gedauert hat.
Dass ich, wenn ich mal an einem Problem sitze oder eines meiner Pferde besonders viel Energie hat, bei den 90 Minuten auf dem Pferd (exklusive Vor- und Nachbereitungszeit) ordentlich ins Hintertreffen gerate mit meinen anderen Plänen an dem Tag, wundert mich natürlich jedes Mal aufs Neue. Der Lerneffekt diesbezüglich ist gleich null, was sehr schade ist, denn in meinem Leben abseits der Pferde bin ich ein wahres Organisationstalent und habe kein Problem mit Uhrzeiten oder Terminen.
Im Reitstall ticken die Uhren anders
Meine Theorie ist, dass es auch etwas mit den Uhren in Reitanlagen zu tun hat, da diese meist nicht gehen. Wenn sie dann nach monatelanger Funktionsunfähigkeit plötzlich wieder laufen, glaube ich natürlich nicht der Angabe des Zifferblatts – es hat schließlich die letzte Monate nicht die Wahrheit gesagt, wieso sollte das nun auf einmal anders sein?
Neben der Uhr auf meinem Handy glaube ich also keinen anderen Uhren – und auf eben diese Uhr blicke ich ausgesprochen selten, weil ich der Meinung bin, dass ich schon mein höchstes Maß an Tempo an den Tag lege und der ständige Blick auf die Uhr mich eher Zeit kosten würde, als dass er tatsächlich irgendeinen positiven Effekt hätte.
Schlecht bin ich beispielsweise auch darin, meine Wege ordentlich einzuschätzen: Der Weg auf die Weide dauert in meinem Kopf nur zwei Minuten, ich sehe sie schließlich von meiner Stallgasse aus. Dass Sehen nicht automatisch bedeutet, dass der Weg kurz ist, hat sich bei mir noch nicht so ganz manifestiert. Denn wenn eine Strecke gerade ist, es dort keine nennenswerten Bäume gibt, dann kann man natürlich etwas weiter gucken. Das macht die Strecke aber eben nicht kürzer. Und wenn ich zur Weide gehe, muss ich ja auch irgendwie zurückkommen. Um die Pferde auf die Weide zu bringen, muss ich sie vorher aufhalftern.
Du merkst, so richtig durchschaut habe ich das System noch nicht, denn die Pferde „mal eben schnell“ auf die Weide zu bringen ist mit deutlich mehr Aufwand verbunden, der eben auch Zeit kostet, als einfach nur die Tore aufzureißen und alle finden den Weg schon irgendwie selbst. Natürlich tappe ich selbst auch in die Falle. Denn so unfähig ich bin, meine eigene Zeit ordentlich einzuschätzen, so gut bin ich darin, eventuell falsche Zeitangaben meiner Miteinstaller zu entlarven.
Wenn diese mich also fragen, ob ich „mal eben schnell“ dieses oder jenes für sie tun könnte, dann ist mir in dem Moment bewusst, dass das alles nicht „mal eben schnell“ gemacht ist. Das Pferd beispielsweise umzudecken, Gamaschen (Affiliate-Link) anzulegen und es aufs Paddock zu bringen und danach noch einmal das Heunetz (Affiliate-Link) zu füllen.
Das macht man gerne, aber „mal eben schnell“ ist das natürlich nicht gemacht. Meine Miteinstaller wissen das aber nicht, weil sie diese Aufgabe für sich selbst als „kurz“ eingestuft haben. So, wie ich es auch tun würde, wenn es mein Pferd wäre.
Liegt der Schlüssel in der Selbstüberlistung?
Automatisch stellt sich die Frage: Sind wir Reiter wirklich nicht in der Lage, Zeit und Raum anständig einzuschätzen? Oder lügen wir uns bewusst unterbewusst in die eigene Tasche und versuchen, uns mit dem Wort „kurz“ ein wenig zu rechtfertigen, weil wir wissen, dass wir sogar an den angeblich pferdefreien Tagen doch recht viel Zeit mit den Pferden verbringen?
Wir haben mittlerweile daheim ein eigentlich schlaues System, leider habe ich es durchschaut und nutze es deswegen auch aus. Wenn mein Mann mir sagt, dass ich bitte um Uhrzeit X daheim sein soll, dann weiß ich mittlerweile, dass das mit einer Stunde Pufferzeit gerechnet ist. Diese Pufferzeit mache ich mir natürlich zunutze, um noch einmal „kurz“ etwas zu machen, bevor ich nach Hause fahre. Dauert ja nicht lange…








