Früher war Peyo ein Dressurpferd. Doch weltweit berühmt wurde er nach seiner Sportlerkarriere – als „Dr. Peyo“. Denn der Hengst hat scheinbar einen ganz besonderen Sinn für Menschen, die an Krebs erkrankt sind. Und dann will er nur eins: sie trösten. Eine Geschichte über die ganz besondere Kraft der Pferde…
In Krankenhäusern gelte strenge Hygiene-Regeln. Deshalb ist es schon schwer, dass ein Hund dort Patienten besuchen darf. Aber ein Pferd? Das darf als Therapiepony zum Beispiel ins Altenheim. In einem Krankenhaus ist ein Besuch bestimmt unmöglich – denkt man. Doch in Frankreich sieht das anders aus. Dort ist „Dr. Peyo“ als Arzt auf vier Hufen für eine ganz besondere Therapie zuständig. Seine Einsatzgebiete: Palliativmedizin, Geriatrie, Pädiatrie und Psychiatrie.
Angefangen hat alles durch einen Zufall: Bei Dressurturnieren fiel Hassen Bouchakour auf, dass sein Hengst Peyo besonders auf Menschen reagierte, die besondere Bedürfnisse haben. „Eigentlich hat er viel Temperament und mochte Körperkontakt gar nicht so sehr. Doch er blieb immer bei Menschen stehen, die gerade mit körperlichen oder seelischen Problemen zu kämpfen hatten“, erinnert sich Bouchakour gegenüber dem „Guardian“.
Und er sah, dass Peyo den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Eine Erkenntnis, die den Franzosen tief beeindruckte. Er beschloss, dass er die Gabe seines Pferdes da einsetzen will, wo sie gebraucht wird.
Im Krankenhaus ist Peyo der Chef
Daher gründete er den Verein „Les Sabots du Coeur“ – auf deutsch: die Hufe des Herzens. Seitdem besucht Hassen Bouchakour mit Peyo so oft wie möglich die Krankenhäuser in Frankreich. Vor allem in seiner Heimat Calais ist der Hengst im Einsatz. Dabei muss er strenge Hygiene-Regeln beachten. So wurde vor dem ersten Einsatz erst einmal ein Gesundheitsprotokoll erstellt.
„Peyo wird entwurmt, geschoren und vor jedem Besuch untersucht“, so Bouchakour. Geht es los, wird der Hengst komplett gereinigt. „Wenn ich ihn mit Desinfektionstüchern säubere, dann ist es, ihn zu schützen“, so Bouchakour. „Zum Glück mag er es.“ Und: Peyo hat gelernt, anzuzeigen, wann er nach draußen gehen muss…

Wenn er im Krankenhaus ist, entscheidet Peyo, was passiert. „Es war zuerst ungewohnt, nicht mehr das Kommando zu haben“, so Bouchakour. „Aber ich muss zugeben: Ich habe keine Kontrolle mehr, wenn er jemanden entdeckt hat. Wenn er sich entschieden hat, kann ich ihn nicht zurückhalten. Es ist ein Bedürfnis, es ist instinktiv, es ist in ihm.“
Wie er erkennt, wohin Peyo will? Ganz einfach: Der Hengst bleibt vor einem Zimmer einfach stehen, zeigt mit dem Huf Richtung Tür. Wird sie geöffnet, geht er hinein.
Patienten haben mehr Energie – und weniger Schmerzen
Für die Patienten ist Peyo mehr als eine Abwechslung. Bei einigen konnten dank Peyos Besuche die Schmerzmittel reduziert werden, andere bekommen neue Energie. Dabei baut der Hengst ganz innige Beziehungen auf – wie zum Beispiel zu Daniel, ein ehemaliger Reiter, der Krebs im Endstadium hat. „Sobald wir mit Papa über Peyo sprechen, weint er, hat ein Leuchten in seinen Augen“, sagt sein Sohn Gerald.
Oder zu Roger. Der Mann wird eigentlich zu Hause gepflegt, muss aber immer wieder für eine Bluttransfusion ins Krankenhaus. Wenn er dort seinen „Lieblingsarzt“ trifft, ist alles gut für ihn. „Heute Abend geht er gut schlafen, weil er Peyo gesehen hat. Sobald er ihn sieht, schläft er wie ein Baby“, sagt seine Frau. Und Peyo weicht nicht von seiner Seite, bringt ihn sogar zum Krankenwagen, der Roger nach seiner Behandlung nach Hause bringt.
Peyo kann Krebs und Tumore erkennen
Mittlerweile hat das Duo mehr als 3.300 Patienten besucht. Und sie wollen weitermachen. „Ich bin bis zu einem gewissen Grad der Kollateralschaden dieses Pferdes“, sagt Bouchakour mit einem leichten Lächeln. „Ich habe das nicht verlangt. Es hat eine Weile gedauert, bis ich es akzeptiert habe. Schließlich beendete er meine erfolgreiche Karriere als Sportler.“ Doch was die beiden heute machen, ist ihm wichtiger.
Auch Wissenschaftler haben sich bereits mit Peyo beschäftigt. Begleitet von Veterinärexperten und Ärzten wie Onkologen, Psychiatern, Kinderärzten und Forschern nimmt Bouchakour mit Peyo an wissenschaftlichen Forschungsprogrammen in Palliativstationen teil. Dabei stellte sich heraus, dass Peyo offenbar Krebs und Tumore beim Menschen erkennen kann.
„Nach vier Jahren Forschung und Beobachtung und nach Tests an mehr als 500 Pferden in den letzten Jahren, einschließlich seiner eigenen Fohlen, konnten Ärzte und Tierärzte eine solche Gehirnfunktion nur bei Peyo beobachten.“
„Du kannst in Frieden gehen, wirst nicht vergessen“
Peyo interessiert der ganze Wirbel nicht. Im Krankenhaus macht er das, was er will. Ansonsten genießt der 19-jährige Hengst sein Leben – und lässt sicher gerne mal verwöhnen. Das steht für Bouchakour nämlich an erster Stelle: „Peyo ist meine andere Hälfte, er ist mein Lebenspartner, er ist alles für mich.“
Zusammen genießen sie nach einem anstrengenden Tag im Krankenhaus eine Auszeit am Strand in Calais.
„In der Vergangenheit starben Menschen zu Hause. Heute ist es so schwer, weil Menschen oft in Isolation sterben und wir den Tod als Drama ansehen“, so Bouchakour. „Es ist eine einzigartige Erfahrung, sich um eine Person zu kümmern, die vor dem Tod steht, bei ihnen zu bleiben und ihnen zu sagen: ‚Mach dir keine Sorgen, Du kannst in Frieden gehen, Du wirst nicht vergessen werden.‘“








