Wie genau ist die Mimik eines Pferdes? Dieser Frage gingen zwei Forscher aus England nach. Das Ergebnis: Wer genau hinsieht, kann sogar erkennen, ob das Pferd frustriert oder enttäuscht ist…
Die Mimik der Pferde ist viel feiner, als viele bislang vermutet haben – das bewiesen zwei englische Wissenschaftler. Sie haben festgestellt, das sogar Frustration und Enttäuschung im Gesicht der Tiere steht. „Es gibt gute Gründe, anzunehmen, dass Pferde in einer emotional komplexen Welt leben“, schrieben Claire Ricci-Bonot und Daniel Simon Mills in der Zeitschrift „Applied Animal Behavior Science“. „Sie sind im Allgemeinen gesellige Tiere, die in einem komplexen sozialen System leben und in der Lage sind, über subtile visuelle Signale mit anderen zu kommunizieren.“ Dazu gehören zum Beispiel die Augenrichtung, die Stellung der Ohren und der Gesichtsausdruck.
Die beiden Forscher sind überzeugt, dass Pferde häufig negative emotionale Zustände zeigen, die oft nicht erkannt würden. Der Grund, so das Duo der University of Lincoln: Ein Großteil unseres Verständnisses von Pferdeausdrücken basiert eher auf Geschichten als auf wissenschaftlichen Beweisen. Um die Emotionen im Pferdegesicht zu verdeutlichen, haben sie eine Studie durchgeführt. Als tierische Teilnehmer waren 31 Pferde unterschiedlichen Geschlechts im Alter zwischen zwei und 23 Jahren dabei. Diese Pferde wurden in drei Situationen getestet, in denen es um die potenzielle Verfügbarkeit von Futter ging.
Drei Phasen: Erwartungsvoll, enttäuscht oder frustriert
Zuerst wurden die Pferde darauf trainiert, in einer standardisierten Stallumgebung auf eine Futterbelohnung zu warten. Futterpellets wurden in einem Gerät unter einem durchsichtigen Plexiglasschirm platziert, der nach zehn Sekunden zurückgeschoben wurde, um dem Pferd den Zugang zum Futter zu ermöglichen.

Sobald sie sich an das Gerät gewöhnt hatten und nach zehn Sekunden mit dem Futter gerechnet hatten, wurden sie in drei Situationen getestet:
- Es gab die Erwartungsphase, in der sie die Belohnung erwarteten, was als positiver emotionaler Zustand angesehen wurde.
- Dann gab es eine Frustrationsphase, in der sie eine Minute lang auf die Futterbelohnung warten mussten, dann wurde das Plexiglas zurückgeschoben und sie konnten es fressen.
- Die Enttäuschungsphase bestand darin, dass zwar Zugang gewährt wurde, aber kein Essen verfügbar war. Die beiden letztgenannten Situationen galten als negative emotionale Zustände.
Vorfreude ist nicht erkennbar
Alle Interaktionen wurden zur späteren Untersuchung auf Video aufgezeichnet. Dabei wurde die Analyse der Videoaufzeichnungen von Gesichtsausdrücken mit dem Horse Facial Action Coding System (EquiFACS) durchgeführt. Das ist ein System zur Kodierung von Gesichtsbewegungen auf der Grundlage der Kontraktion der darunter liegenden Muskeln sowie ihres Verhaltens.
Spezifische mit Vorfreude verbundene Gesichtsmerkmale konnten bei der Studie nicht festgestellt werden. Dafür fanden die Forschenden heraus, dass es neun Handlungen und Verhaltensweisen gab, die unterschieden, ob Pferde frustriert oder enttäuscht waren.

Frustriert – dann beißen Pferde oft in die Krippe
Im Vergleich zur Enttäuschung zeigte sich, dass die Pferde bei Frustration dazu neigten, mehr Weißes in ihren Augen zu zeigen. Sie drehte ihre Ohren stärker und neigten auch eher dazu, ihren Kopf nach links zu drehen. Und: In der Frustrationssituation war die Wahrscheinlichkeit, dass Pferde in den Futternapf beißen, höher als bei der Enttäuschung.
Im Gegensatz dazu waren Kennzeichen der Enttäuschung unter anderem die Tendenz, mehr zu blinzeln, die Nüstern zu heben, die Zunge mehr zu zeigen und mehr Kauverhalten zu demonstrieren. Es bestand auch die Tendenz, das Futter abzulecken. Die Autoren fanden außerdem einen geschlechtsspezifischen Effekt: Stuten blinzeln in der Enttäuschungsphase häufiger als Wallache oder Hengste.

Ob ein Pferd enttäuscht ist – das kann man deutlich erkennen
„Die Ergebnisse verdeutlichen, dass es unterschiedliche Qualitäten einer bestimmten emotionalen Wertigkeit, also Frustration und Enttäuschung, geben kann, die sich von den zu diesem Zeitpunkt gezeigten Gesichtsausdrücken unterscheiden lassen“, so die Forscher. „Wir müssen jedoch betonen, dass unser Ergebnis möglicherweise auf die Ernährungssituation beschränkt ist und daher weitere Forschung erforderlich ist.“ Und: Da Gesichtsausdrücke, die Vorfreude signalisieren, nicht identifiziert werden konnten, stelle sich die wichtige Frage, ob die Zeit vor dem Füttern ein positives Ereignis für Pferde sei, so die Wissenschaftler.








