Mal beginnt es schleichend, mal kommt es von einem Tag auf den anderen: Headshaking, also das unkontrollierte Kopfschütteln beim Pferd. Und das kann für Pferd und Reiter gefährlich werden. 7 Fakten zur „Schüttel-Krankheit“.
Bereits vor mehr als 200 Jahren wurde das Headshaking in der Literatur erwähnt – und doch ist die Ursache bis heute unbekannt. Und es ist zwar eine schwerwiegende Erkrankung, aber keine Krankheit im eigentlichen Sinne, sondern ein Symptom von vielen Krankheiten.
Doch was genau ist Headshaking? An der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo) läuft seit Jahren eine Studie dazu. Darin heißt es: Headshaking äußert sich in Form von unkontrolliertem Kopfschlagen, welches in der Regel nicht durch einen erkennbaren äußeren Stimulus ausgelöst wird.
Hier die wichtigsten Fakten:
1. Drei Formen von Headshaking
Rund ein bis zwei Prozent aller Pferde leiden unter Headshaking. Und bei rund 80 Prozent tritt es zwischen dem sechsten und zehnten Lebensjahr zum ersten Mal auf. Dabei unterscheidet man drei verschiedene Formen:
- Stereotypes Headshaking: Eine Verhaltensstörung, die zum Beispiel durch schlechte Haltung oder Stress ausgelöst wird. Diese Variante tritt eher selten auf.
- Symptomatisches Headshaking: Das Verhalten hat eine klare Ursaceh, zum Beispiel Schmerzen im Halsbereich, eine Ohrentzündung beziehungsweise Parasiten in den Ohren oder Zahnprobleme.
- Idiopathisches Headshaking: Es kann kein spezifischer Auslöser fürs Headshaking gefunden werden.
Mit rund 90 Prozent ist das idiopathische Headshaking die häufigste Form des zwanghaften Kopfschüttelns. Mittlerweile wird auch TMHS zu dieser Form gezählt: Wird der fünfte Hirnnerv, medizinisch: Trigeminus, als Auslöser ermittelt, sprechen Ärzte vom trigeminusmediiertem Headshaking (TMHS).

2. Noch mehr Symptome
Beim Headshaking ist das plötzliche und immer wiederkehrende Auf- und-Abschlagen oder auch Schütteln des Kopfes das Hauptsymptom. Aber es kann noch weitere Hinweise geben:
- Reiben der Nüstern an den Vorderbeinen
- mit dem Huf zur Nüster schlagen
- vermehrtes Schnauben oder Niesen
- Reiben der Nase am Boden oder an der Wand
- klarer oder weißlicher Nasenausfluss
- Lippen- und Zungenspiel
- Zucken der Gesichtsmuskeln
- Vermeiden von Helligkeit, Sonne, Wärme und Wind
3. Headshaking – von mild bis schwer
Headshaking ist eine sehr individuelle Erkrankung. Und so gibt es auch unterschiedliche Schweregrade – sozusagen von mild bis nicht mehr kontrollierbar. Bei Grad 1 treten die Symptome zum Beispiel nur selten auf, das Pferd ist noch normal reitbar. Grad 2 gilt als mittelgradig, das Pferd ist mit Schwierigkeiten noch reitbar.
Bei Grad 3 gibt es häufige und sehr deutliche Symptome. Das Reiten wird sehr schwierig, ist aber noch möglich. Bei Grad 4 ist das Pferd unreitbar und auch nicht mehr kontrollierbar. Die schwerste Form ist Grad 5 – das Pferd wird dabei zu einer Gefahr für sich selbst und den Menschen.
4. Auslöser? Es gibt wohl rund 60…
Wie immer in der Medizin ist auch beim Heashaking die Suche nach dem Auslöser die Grundlage für eine mögliche Behandlung. Und genau diese Suche ist gar nicht so leicht. Denn: Wissenschaftler haben mittlerweile etwa 60 mögliche Ursachen für das Headshaking bei Pferden gefunden. Dazu gehören zum Beispiel:
- Parasiten auf der Haut
- Milben oder Entzündungen in den Ohren
- eine allergische Rhinitis oder eine Erkrankungen der oberen Atemwege
- Probleme mit den Zähnen
Aber: Die Hauptrolle spielt der Trigeminusnerv, durch eine Nervenschädigung werden teils starke Schmerzen ausgelöst. Dabei unterscheiden Experten zwei Varianten: Gibt es in der Umgebung des Trigeminusnervs eine Entzündung, sprechen Mediziner vom symptomatischen TMHS. Ist der Nerv selbst überempfindlich oder geschädigt ist, ist es das idiopathische Headshaking.
Der Trigemus ist der stärkste sensible Nerv des Kopfbereiches. Und an ihm „hängen“ viele andere Bereiche, zum Beispiel die Haut von Schläfe und Scheitel, die Bindehaut am unteren Augenlid sowie die obere Lippe und die Nüstern. Teile des Nervs sind auch mit den Zähnen des Oberkiefers verbunden.
5. Diagnose – die langwierige Suche
Auch die Diagnose ist nicht leicht – und funktioniert im Prinzip im Ausschlussverfahren. Dafür haben Wissenschaftler sogar einen Leitfaden entwickelt, der die Diagnose erleichtern soll. Dazu ist es sinnvoll, wenn Du Videoaufzeichnungen Deines Pferdes beim Headshaking mitbringst, da es ja nicht auf Befehl damit beginnt…
Zu Beginn der Untersuchung geht der behandelnde Tierarzt danach, welche Krankheit wahrscheinlich ist. Das heißt: Zuerst kommt die klinische Untersuchung mit Blutprobe. Dann folgt die weitere Abklärung, zum Beispiel durch eine Endoskopie der oberen Atemwege, Röntgen oder CT des Kopfes sowie Ultraschall. Bringt das alles keine Klarheit, können auch spezielle Verfahren wie die Reizmessung des Nervs folgen.
6. Auch das Wetter spielt eine Rolle
In vielen Fällen ist Headshaking auch eine Frage der Jahreszeit. Denn je nach Wetter können die Symptome deutlich ausgeprägter sein. Das hat sich die TiHo einmal genauer angesehen. Das Fazit: Sonne beziehungsweise Licht scheint die Symptome zu befeuern. Denn vor allem im Frühjahr und Sommer traten bei 59 bis 73 Prozent aller untersuchten Pferde die Anzeichen auf.

Weitere Ergebnisse:
- Helle, sonnige Tage: bei 52 bis 64 Prozent aller untersuchter Pferde
- Pferde meiden Licht: 35 Prozent
- Nachts weniger: 52 bis 74 Prozent
- im Stall besser: 77 Prozent
- an Regentagen besser: 58 Prozent
- bei windigen Tagen besser: 22 Prozent
- an windigen Tagen schlechter: 22 Prozent
7. Behandlung kann ganz individuell sein
Was bei dem einen Pferd hilft, kann bei dem anderen gar nichts bringen – beim Headshaking gibt es nicht die eine spezielle Behandlungsmöglichkeit. Was schlicht an den unterschiedlichen Auslösern liegt. Beim lichtinduzierten Headshaking wird der Trigeminusnerv oder Sehnerv durch die Sonneneinstrahlung gereizt. Daher treten die Symptome vor allem im Sommer beziehungsweise bei intensivem Sonnenschein auf. Da kann es schon helfen, wenn Du zum Reiten in die dunkle Halle gehst.
Auch Nasennetze können helfen. Sie filtern zum einen Wind und Pollen, zum anderen liegen sie auf den Tasthaaren und hemmen so die Nervweiterleitung etwas. Nach einer Auswertung mehrerer Studien scheint es, dass diese Netze in etwa 25 Prozent der Fälle helfen.
Auch Kaubewegungen können den Schmerz auslösen. Da kann eine gebisslose Zäumung positiv wirken. Und: Magnesium führt bei vielen Headshakern zu einer Verbesserung der Symptomatik. Der Grund: Magnesium stabilisiert die Zellmembran der Nervenzellen. So kann der Trigeminusnerv nicht so leicht erregt werden.
Tierärzte haben für Headshaker keine speziellen Medikamente für Pferde zur Verfügung. Dafür werden Medikamente genommen, die beim Menschen wirken. Dazu gehören Cyproheptadin und Carbamazepin – sie dämpfen die Sensibilität des Nervs. Leider sind die Medikamente ziemlich teuer. Und: Müssen sie andauernd gegeben werden, kann das Pferd apathisch werden und auch das Risiko für eine Kolik steigt.
Bei der Neuromodulation mit EquiPENS werden Elektroden an Nerven implantiert, um den Schmerz zu modulieren. Bei einer ersten Testreihe konnten fünf von sieben behandelten Pferden wieder geritten werden, das Risiko von Nebenwirkungen war minimal.
Wissenschaftlerin Veronica Roberts von der Veterinärmedizinischen Universität Bristol hat das Trigeminus-induzierte Headshaking beim Pferd 2018 in einer Studie näher analysiert. Ihr Fazit: „Es gibt keine sichere und wirksame Behandlung. Es gibt zwar Fortschritte beim Verständnis der Erkrankung und der Entwicklung neuer Behandlungen“, sagt sie. Jedoch sind größere Fortschritte unwahrscheinlich, solange nicht die Ursachen für das Entstehen der Krankheit umfassend geklärt ist.








