Sie sind wahre Arbeitstiere, die neuen Mitarbeiter der Stadt Berlin. Kein Wunder, denn Henry, Bubi und Pauli sind Pferde – und haben einen wichtigen Job im Wald. Genauer: Sie sind Rückepferde. Und kleine Stars, sogar die Berliner Umweltstaatssekretärin begrüßte sie. pferde.de sprach mit Gespannführerin Janine Birkholz und Revierförsterin Ulrike Lucas über den Forst-Alltag mit Pferden und warum vier Hufe für die Natur so wertvoll sind
Die Arbeitsbedingungen? Sehr gut! Dienst ist von Montag bis Freitag jeweils von 8 bis 14 Uhr, Unterkunft und Verpflegung werden gestellt, „Putzfrau“ inklusive, selbst der Urlaub wird bezahlt und die An- und Abreise übernommen. Trotzdem hatte die Stadt Berlin es nicht leicht, die Stellen neu zu besetzen. Warum? Ganz einfach: Diese Experten sind heiß begehrt. Schließlich arbeiten sie nicht nur rein ökologisch, sie sind auch tolle Sympathieträger. Kurz: Es sind Rückepferde, also Pferde, die im Wald zum Bewegen von gefällten Bäumen eingesetzt werden.
Und die sind wirklich schwer zu bekommen. „Ein ausgebildetes Pferd wird eigentlich nie weiterverkauft“, weiß Ulrike Lucas. Die 40-Jährige ist Revierförsterin in Berlin und brauchte einen Nachfolger für Moritz, der nach einer Kolik Ostern 2021 erlöst werden musste.
Und so hat sie alles versucht: Kollegen und die Tierärztin wurden informiert, sie hat viel rumtelefoniert. Ihre Hoffnung: Ein Kutschpferd finden, dass schon ein bisschen die Arbeit kennt.
Henry zog von Rügen nach Berlin
Doch die Anforderungen an Rückepferde sind hoch. Sie müssen nicht nur stark sein, sondern auch ruhig und cool. Und so fielen einige Kandidaten raus: Einer war zu empfindlich, ein anderer zu unruhig. Am Ende bestand Henry das Bewerbungsverfahren: Das Rheinisch-Deutsches Kaltblut, fünf Jahre alt, zog von Rügen nach Berlin.

Seitdem ist Henry bei Janine Birkholz (35) in Ausbildung. Mit Pferden kennt sie sich aus: „Ich bin früher als Kind geritten.“ Nach ihrer Ausbildung zur Forstwirtin bei den Berliner Forsten wollte sie gerne Gespannführerin werden. Und hatte Glück. Erst war sie mit Moritz im Wald im Einsatz, seit Januar bildet sie mit Henry ein Team. „Er ist sehr bemüht und will alles richtig machen“, lobt sie ihren vierbeinigen Lehrling.
Rückepferd Henry hat noch Zeit
Ihr Arbeitstag beginnt um 6.30 Uhr. Zuerst werden Hof und Koppel sauber gemacht, dann die Pferde geputzt, verladen und zum aktuellen Einsatzort gebracht. Ihr Gebiet: das Berliner Forstrevier Grünau zwischen Teltowkanal, Langem See bis Richtershorn, über das Adlergestell hinweg Richtung S-Bahnhof Eichwalde hinüber bis hoch nach Bohnsdorf.
Kaum angekommen, wird das Geschirr aufgelegt und dann erst einmal gefrühstückt. Schließlich gelten für die tierischen Berliner Angestellten die gleichen Rechte wie für ihre menschlichen Kollegen. Henry hat sogar noch ein paar Sonderrechte: „Er ist erst fünf, da muss er noch nicht so schwer ziehen. Bis er sechs ist, machen wir es sachte“, erklärt Birkholz. „Und nach einer Stunde lässt seine Konzentration noch nach, da braucht er eine Pause.“

Feger ist der tierische Chef
Dafür kann er die Kommandos schon gut: Bei „Hüh“ geht es los, bei „Brr“ bleibt er stehen. „Wist“ heißt links, „Hott“ rechts – und bei „Zupp“ legt er den tierischen Rückwärtsgang ein. Immer an seiner Seite: Feger, 15 Jahre alt, ein Schwarzwälder Kaltblut. „Und sein tierischer Chef“, sagt Birkholz lachend. Feger wird von Robert Springer geführt.
Als Team zeigen Henry und Feger bereits, was in ihnen steckt. Und sie spielen ihre Vorteile mit Bravour aus – als super-sympathische Bio-Arbeiter. Der Vorteil der Pferde: Sie fressen Hafer, keinen Diesel. Dazu sind sie leichter als die schweren Maschinen und somit bodenschonender. Dazu sind die Kollegen auf vier Hufen wendig, weichen Hindernissen aus. Unwegsames Gelände mit Abhängen? Kein Problem für Henry, Feger und ihre Kollegen.

Rückepferde können ziehen – und pflügen
„Unsere Berliner Wälder sind nach den Kriterien des ,Forest Stewardship Council‘ (FSC) und ,Naturland‘ zertifiziert, da wird eine bodenschonende Bearbeitung verlangt. In Naturschutzgebieten wie am Teufelssee und der Krummen Lanke müssen wir mit Pferden arbeiten“, erklärt Försterin Lucas. Zwar schaffen die Pferde im Schnitt „nur“ eine Tagesleistung von 20 Kubikmetern bewegtem Holz. Dafür erreichen sie jede Stelle im Wald, können auch pflügen. „Vor allem der 40-Meter-Abstand zwischen zwei ,Rückegassen‘, also den Fahrwegen für die Maschinen, ist für die Pferde im Wald ideal“, so Ulrike Lucas. Diese 40-Meter-Regel verlangen die Gütesiegel FSC und Naturland, mit denen die Berliner Forsten zertifiziert sind.
Und das bedeutet für Henry und Feger: Sie ziehen Holz, das maximal fünf Meter lang ist, über eine Strecke von 40 bis 100 Metern, dann geht es „leer“ zurück. „Im Gespann können sie auch starkes Holz ziehen“, so Birkholz. Nach fünf Stunden Arbeit heißt es für die tierischen Kollegen: Feierabend! Dann geht es zurück zu ihrem Hof am Rande von Berlin. Dort bilden die beiden eine Herde – und sind mittlerweile auch Freunde geworden. Was sie unterscheidet? Vor allem ihr Alter. Feger, der Coole, lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Henry, der Junge, ist dagegen von neuen Dingen begeistert – zum Beispiel vom Spielball auf dem Paddock. „Er liebt ihn, Feger findet den nicht so toll.“

Im Sommer geht es in die Ferien
Und noch etwas hat Henry für sich entdeckt: den Badespaß. „Das findet er klasse. Danach wälzt er sich dann im Sand.“ Auch seine menschliche Kollegin findet Henry richtig klasse. „Zuerst war er ein bisschen frech. Jetzt ist er ein Kuschler, holte sich seine Streicheleinheiten ab.“
Im Sommer kommen Henry, Feger und ihre Kollegen nach Brandenburg – zum Urlaub auf der Weide. „Dann haben sie ein paar Wochen absolut frei.“ Danach geht es zurück, denn ab Herbst beginnt die Waldarbeit wieder. Und damit der Arbeitsalltag für Henry, Feger und ihre vier Kollegen, die in Berlin übrigens kein Comeback erlebten. „Rückepferde waren schon Mitte der 80er Jahre, also zu DDR-Zeiten, hier im Einsatz“, erzählt Lucas. „Heute haben wir drei Standorte mit jeweils zwei Pferden.“
Und die Rückepferde sind sogar Stars. Nach Henry kamen jetzt auch Pauli und Bubi als neue Kollegen in den Berliner Grunewald – und wurden sogar ganz offiziell von der Berliner Umweltstaatssekretärin Silke Karcher begrüßt. Henry hatte diese Ehre nicht, aber das ist ihm herzlich egal. Er macht seinen Job gerne. Als Lohn gibt es Lob, Möhren, Extra-Streicheleinheiten und eine entspannte Paddock-Runde mit seinem tierischen Kumpel. Mehr will er nicht…








