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Hippotherapie – wie Pferde Menschen helfen können

Anke Rottmann by Anke Rottmann
17. März 2021
Ein Kind bei der Hippotherapie.

Foto: Rottmann Photography

Pferde sind mehr als die besten Freunde auf vier Hufen – sie können auch als Co-Therapeuten ganze Arbeit leisten. In der Hippotherapie beweisen sie seit Jahrzehnten, dass sie helfen und heilen können. Doch was genau ist eine Hippotherapie? pferde.de klärt auf

Wer genau die Hippotherapie erfunden hat, ist nicht geklärt. Bereits der griechische Arzt Hippokrates (460-377 v. Chr.) wies auf die heilende Wirkung des Pferderückens hin. 1569 schrieb der italienische Arzt Girolamo Mercuriale ein Buch über die Verwendung von Pferden in der Gymnastik. Und 1835 wies Leopold Fleckles, Doktor der Heilkunde und Mitglied der medizinischen Fakultät Wien, auf therapeutisches Reiten zur Heilung von Lungenkrankheiten hin.

Silber bei der Olympiade – trotz Kinderlähmung

Doch erst vor rund 60 Jahren sorgte Lis Hartel für Furore: Die Dänin holte bei den olympischen Spielen in Helsinki Silber. Das Besondere: Lis Hartel war Jahre zuvor an Polio erkrankt und konnte seitdem ihre Muskeln in den Unterschenkeln nicht mehr bewegen. Sie sagte, das Reiten habe ihr geholfen, die Kinderlähmung zu überwinden. Und auch wenn sie nicht alleine auf- und absteigen konnte – im Sattel feierte sie große Erfolge und wurde im dänischen Sport in die Hall of Fames aufgenommen.

Ein Jahr nach dem Erfolg in Helsinki begann in Deutschland der Arzt Max Reichenbach das „Reiten als Therapie“ systematisch anzuwenden. Er gilt als der Begründer des modernen Therapeutischen Reitens. Im Jahr 1970 wurde in Deutschland das „Kuratorium für Therapeutisches Reiten“ als erster Verband in diesem Bereich gegründet.

Heute ist die Bandbreite groß: Therapeutisches Reiten, Hippotherapie oder Reittherapie – ist doch alles gleich, oder? Falsch! Therapeutisches Reiten ist der Oberbegriff, unter dem sich verschiedene Teilbereiche vereinen:

  • Hippotherapie: Das ist im Prinzip eine Physio- beziehungsweise Ergotherapie auf dem Pferd. Dabei sitzen die Patienten auf dem Pferd, die im Schritt meist am Langzügel geführt werden. Durch die Pferdebewegung werden zum Beispiel Impulse auf Becken und Wirbelsäule des Patienten übertragen.
  • Heilpädagogisches Reiten: Der ganzheitliche Ansatz umfasst pädagogische, psychologische, rehabilitative und sozial-integrative Aspekte und soll alle Sinne ansprechen. Die Beziehung zum Pferd spielt dabei die Hauptrolle und soll die persönliche und soziale Entwicklung des Klienten fördern. Dafür reiten sie, pflegen das Pferd, helfen im Stall mit und Fortgeschrittene können Projekte wie zum Beispiel Geländeritte ausprobieren.
  • Heilpädagogisches Voltigieren: Wird meist für Kinder angeboten. Auch hier steht die ganzheitliche Förderung der Kinder auf körperlicher, emotionaler, geistiger und sozialer Ebene im Vordergrund. Dabei geht das Pferd im Schritt an der Longe, während die Kinder verschiedenen Sitzübungen machen. Das fördert neben dem Gleichgewicht zum Beispiel auch den Mut.
Ein Kind sitzt beim Voltigieren auf einem Pferd.
Foto: pexels.com/Alexander Dummer (Symbolfoto)

Dreidimensionale Bewegungen stärken Muskeln

Doch wie genau hilft Hippotherapie? Ganz einfach: Bei der Hippotherapie sitzen Kinder und Erwachsene mit Handicap direkt auf dem Pferderücken und nehmen so die dreidimensionalen Bewegungen des Pferdes wahr. So werden zum Beispiel Verspannungen gelöst und Blockaden überwunden.

Die Bewegungsimpulse, die vom Pferd ausgehen, werden auf Becken und Wirbelsäule übertragen und fordern den Patienten dazu auf, mit dem eigenen Körper zu reagieren und ihnen entgegenzuwirken. Dazu wird die Muskelspannung positiv beeinflusst: Schlaffe Muskeln spannen sich an, spastische, also zu stark gespannte, Muskulatur hingegen gibt nach. Dadurch wird die gesamte Haltung vor allem des Oberkörpers geschult.

Ebenso werden das Körpergefühl, die Selbsteinschätzung und Wahrnehmung des Patienten positiv beeinflusst, die Konzentrationsfähigkeit und der Gleichgewichtssinn gefördert.

Pferde beweisen sich bei der Hippotherapie als Heiler und Helfer.
Foto: Rottmann Photography

Hippotherapie beschert Erfolge – aber Krankenkassen zahlen nicht

 Das Problem bei der Hippotherapie: Krankenkassen kommen nicht dafür auch. Zwar wurde in Deutschland schon 1982 bei einer Krankenkasse die Kostenübernahme einer Hippotherapie beantragt – doch erst 2002 urteilte das Bundessozialgericht, dass die Therapie nicht finanziert werden muss ( Az. B 1 KR 36/00 R). Begründung: Es gibt keine Anerkennung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen.

Vier Jahre später hielt auch das Bundesministerium für Gesundheit einen therapeutischen Nutzen der Hippotherapie als nicht nachgewiesen. Seitdem hat sich von Seiten der Politik nichts mehr getan. Dabei gibt es mittlerweile mehrere Studien, die positive Effekte eindeutig nachweisen konnten.

So zeigte eine Studie, dass wöchentliche Hippotherapie, die als Ergänzung zur gewohnten individuellen Standardtherapie eines Patienten durchgeführt wird, signifikant die Gleichgewichtsfähigkeit (Berg Balance Skala BBS) sowie die schnelle Ermüdbarkeit (genannt „Fatigue“), Spastizität und Lebensqualität bei Patienten mit Mulitpler Sklerose (MS) verbessert.

Studie mit Auszeichnung

Professor Martin Häusler, Leiter der Sektion Neuropädiatrie und Sozialpädiatrie an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Aachen, und seine Kollegin Dr. Ute Deutz, Oberärztin am Aachener Klinikum, sowie eine ganze Reihe weiterer Forscher haben sich in einer randomisierten, offenen Cross-over-Studie mit dem Einfluss von Hippotherapie auf Motorik und Lebensqualität von Kindern mit bilateraler Zerebralparese befasst.

Ihr Ergebnis: Vor allem bei Kindern mit besserer Motorik und erhaltenem Gehvermögen zeigte sich eine signifikante Verbesserung der Geh-, Lauf- und Springfähigkeiten. Für ihre Studie wurden sie mit dem Lilly Quality of Life Preis 2019 ausgezeichnet.


Dieser Artikel erscheint im Rahmen der

Tags: HippotherapieReittherapieTherapeutisches Reiten

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