Im Winter suchen viele Pferdebesitzer nach einer neuen Beschäftigung fürs Pferd. Da stehen Zirkuslektionen ganz oben. Aber Vorsicht: Nicht zu jedem Pferd passt jede Lektion. Langzügel-Spezialistin Amrei E. Rieso verrät, worauf Zirkus-Neulinge achten müssen.
Kompliment, Verbeugen oder der spanische Schritt – immer häufiger erobern diese Zirkuslektionen „normale“ Ställe. Und das ist auch gut so, sagt Amrei E. Rieso: „Diese Arbeit hat eigentlich nur Vorteile – für Pferd und Mensch.“
Die Langzügel-Spezialistin aus Bad Oynhausen (Nordrhein-Westfalen) weiß, wovon sie spricht: Fünf Jahre trat sie mit ihren Ponys bei Europas größter Pferdeshow „Apassionata“ auf, ist heute fast jedes Wochenende unterwegs, gibt Seminare oder zeigt ihr Können vor großem Publikum. Doch wie kam sie selbst eigentlich auf die Zirkus-Idee? „Das hat sich so ergeben“, sagt sie lachend. „Als Kind gab es in meiner Nachbarschaft ein Gestüt für Mini-Pferde, bei dem ich jede freie Minute verbracht habe. Reiten war da nicht möglich, ich wollte trotzdem etwas mit den Pferden machen.“ Und so entstand die Idee ein paar Kunststücke zu üben.

Das baut Vertrauen zwischen Pferd und Reiter auf
Durch die Arbeit hat sie schnell festgestellt, wie gut ein bisschen Zirkus für Pferd und Reiter ist. „Für beide ist es eine Abwechslung vom Alltag und bringt einfach Spaß“, erklärt Amrei E. Rieso. „Dazu kommt, dass es für das Pferd auch eine gymnastizierende Wirkung hat und auch das Gleichgewicht trainiert. Übungen wie der spanische Schritt fördern zum Beispiel die Schulterfreiheit. Und dann baut es Vertrauen zwischen Pferd und Reiter auf.“
Doch so leicht es aussieht, wenn das Pferd die Lektionen beherrscht – ganz so einfach ist der Start nicht. „Eine Grundlage ist, dass zwischen Pferd und Reiter die Rangfolge geklärt ist und die Grunderziehung stimmt. Stehen bleiben, sich anfassen lassen, rückwärts richten, Hufe geben – das alles sollte das Pferd bereits beherrschen. Und: das Pferd muss bereits Vertrauen zu seinem Menschen haben.“ Denn: „Bei Übungen wie dem Kompliment oder der Verbeugung nimmt das Pferd den Kopf zwischen die Beine und kann so ja nicht mehr schnell weg – für ein Fluchttier ein echter Vertrauensbeweis.“ Deshalb, so Amrei E. Rieso, sollte man sein Pferd und dessen Vorgeschichte auch gut kennen. „Für traumatisierte Pferde sind solche Lektionen Höchstleistungen – da würde ich mit anderen Übungen beginnen.“
Auf jedes Pferd individuell eingehen
Überhaupt ist es wichtig, dass man individuell auf sein Pferd eingeht. „Bei einem dominanten Pferd sollte man nicht mit Steigen oder dem spanischen Schritt, der ja ein Imponiergehabe ist, beginnen. Da sind Übungen, die Richtung Boden gehen, als Start viel besser.“ Bei zurückhaltenden Pferden hingen kann der spanische Schritt durchaus dafür sorgen, „dass sie mehr aus sich herauskommt“, so die Expertin.

Eine weitere Grundlage ist – Geduld! „Wer immer nur mit Druck arbeitet, sollte es lieber nicht versuchen“, so Amrei E. Rieso. „Bei dieser Arbeit ist positive Verstärkung wichtig: Ganz viel Lob, eine Möhre – das gehört einfach dazu.“ Kleiner Tipp von ihr am Rande: „Nehmt Möhren, keine kleinen Apfelstücke. Gerade bei verfressenen Pferden ist sonst schnell mal die Hand im Pferdemaul…“
Und was braucht man neben Motivationsfutter? Nicht viel: ein Halfter, ein langer Strick (oder eine Trense mit Langzügeln) und eine Gerte – das reicht bereits. Manche nehmen für Übungen wie zum Beispiel das Kompliment auch Hilfsmittel wie eine Bein-Longe. Die ist jedoch umstritten – „und gehört nur in Hände eines Profis“, so Amrei E. Rieso, die selbst nicht damit arbeitet.
Die Abwechslung macht es
Stattdessen guckt sie lieber genau hin, wie das Pferd an dem Tag drauf ist. Und überfordert es nicht. „Diese Arbeit soll ja Spaß in den Alltag bringen. Wenn das Pferd heute kein Kompliment machen will, dann schaue ich, welche Übung es mir anbietet. Und trainiere diese.“ Und zwar nur ein paar Mal. „Hat das Pferd eine Lektion zwei, drei Mal richtig gut gemacht, höre ich auf. Denn 150 Wiederholungen sind kein Spaß, sie nerven das Pferd und stressen den Menschen.“ Ein ausgeklügelter Trainingsplan ist deshalb nicht ideal, so die Expertin: „Jeden Montag 40 Minuten Kompliment üben – das bringt weder Pferd noch Reiter vorwärts. Die Abwechslung macht es. Dann arbeiten die Pferde auch gerne mit.“
Das Gute an den Zirkus-Lektionen ist: Es stellt sich schnell der erste Erfolg ein. „Wenn man es richtig macht, kann man am Ende eines Wochenendes nach vier Trainingseinheiten bereits das Kompliment abrufen“, so Amrei E. Rieso. Doch wie beim Reiten gilt auch im Zirkus: Stetiges Training bringt Pferd und Mensch vorwärts. „Wenn die Grundlagen gelegt sind, muss man auch dranbleiben. Sonst vergessen Pferd und Mensch, wie es geht.“
Und was soll man machen, wenn nichts mehr klappt? „Dann sollte man nicht genervt weiter üben, sondern sind fachkundige Hilfe holen, damit nicht großer Frust auf beiden Seiten entsteht.“ Wer dafür regelmäßig ein bisschen Zirkus mit seinem Pferd macht, „kann nur gewinnen. Die neue Arbeit schweißt beide zusammen und sorgt für gute Laune.“ Und das ist nicht nur an dunklen Wintertagen perfekt!









