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Mega-Trend Working Equitation

Anke Rottmann by Anke Rottmann
4. Juli 2019
Working Equitation lernen

Bild: Privat

Eigentlich wollten sich nur ein paar iberische Rinderhirten in ihrem Können messen. Daraus entstand die Working Equitation – und sie begeistert aktuell Deutschlands Pferdewelt. Das Beste: Hier kann jeder mitmachen!

Eine Holzbrücke, an den Seiten rot-weiße Flatterbänder und schmale Ständer, die sich im Wind leicht hin- und her bewegen: Das Hindernis ist „Tibor“ eindeutig nicht geheuer. Trotzdem zögert der 13-jährige Friese nur kurz, geht dann mutig über die Brücke. Und mit jedem Schritt wird das Lächeln seiner Reiterin Sylvia (44) fröhlicher. Denn für sie ist dieser kurze Moment eine Bestätigung. „Working Equitation tut uns gut“, sagt sie. „Sie macht ‚Tibor‘ mutiger und mich auch. Wir trauen uns heute einfach mehr zu.“

Seit ein paar Wochen trainiert Sylvia alle 14 Tage mit acht anderen Reiterinnen in Felm (bei Kiel). Dann verwandelt Reitercoach Inken Manz den Springplatz der Reitanlage Mumm in einen Trainings-Trail – mit Brücke, Stier, Slalom und Gatter. „Das ist einer der Vorteile der Working Equitation“, sagt die 43-Jährige mit leuchtenden Augen. „Man braucht kein aufwändiges Gelände, man kann fast überall trainieren.“

„Hier lerne ich Dressur fast nebenbei“

Sie selbst ritt bereits auf den ersten Working Equitation-Turnieren, die in Schleswig-Holstein stattfanden. „Das waren immer drei Prüfungen, Dressur, Stil- und Speedtrail“, sagt sie lachend. Wie sie dazu kam? „Ich mochte schon immer Trails und für mich ist Gelassenheitstraining die Grundlage einer vertrauensvollen Zusammenarbeit von Pferd und Reiter“, sagt sie. „Die Working Equitation verbindet beides. Als ich es zum ersten Mal ausprobiert habe, war ich gleich infiziert.“

Haflinger bei Working Equitation Bodenarbeit
Foto: Privat

Ihre Begeisterung vermittelt sie auch ihren Reiterinnen, die jetzt zum Gatter müssen. Anreiten, halten, die Zügel die ganze Zeit nur in der linken Hand, mit der rechten Hand das Gatter öffnen, durchreiten und wieder das Gatter schließen – okay, so soll es einmal aussehen. Doch bis es so weit ist, liegt noch ein Stückchen Arbeit vor ihren Reiterinnen. Heute schaffen es alle mit ihren Pferden ruhig und gelassen ans Gatter zu reiten und mit Hilfe des Pferdekörpers das Metall erst zur Seite und dann zurück zu schieben. „Für mich ist dieses genaue Reiten die Herausforderung“, sagt Corinna. Sie hat erst mit Mitte 40 Jahren mit dem Reiten angefangen und „Dressur liegt mir nicht so“, gibt sie lachend zu. Mit ihrem Cruzado-Spanier-Mix „Monty“ (10) ist sie am liebsten im Gelände unterwegs. Warum es sie jetzt plötzlich doch auf den Reitplatz zieht? „Hier lerne ich Dressur fast nebenbei. Und denke nicht so viel darüber nach, weil wir immer neue Aufgaben bewältigen müssen. Das ist ideal für mich!“

„Als ob ‚Sidney‘ Sinn in der Arbeit sieht“

Als nächstes ist Annika dran. Für die 30-Jährige sind die Momente bei der Working Equitation etwas Besonderes. Denn ihr „Sidney (13), ein Holsteiner-Friesen-Mix, hatte sich bislang bei der Dressur komplett verweigert. „Er blieb dann einfach stehen, hat dicht gemacht und nichts ging mehr“, erzählt Annika. Einmal über den Reitplatz galoppieren? Unmöglich! „Er war ein reines Ausreitpferd.“ Bis sie mit ihm zum ersten Mal bei Inken Manz zur Working Equitation kam. „Es ist, als ob ‚Sidney‘ plötzlich einen Sinn in der Dressur sieht. Jetzt galoppiert er sogar Runde um Runde mit mir über den Platz!“

Gleich nach ihr reitet Melanie (28) mit ihrer Freiberger Stute „Valle“ (10) das Gatter an. Beide schaffen es auf Anhieb und traben fröhlich zur nächsten Trail-Station. „Meine ‚Valle‘ ist klug und schnell gelangweilt. Sie braucht immer neue Aufgaben, bei der Working Equitation blüht sie auf“, sagt Melanie. Ines (34) nickt. Sie ist mit ihrer Islandstute „Fiona“ (9) dabei, eigentlich sind die beiden Champions auf Islandturnier. „Hier kriege ich den Kopf frei, werde total locker. Es macht einfach nur Spaß!“

„Hier bekommen Lektionen einen Sinn“

Genau darum geht es, sagt Inken Manz – um gemeinsames Erleben und Spaß. „So wird das Reiten ein Abenteuer, bei dem die Rittigkeit des Pferdes trainiert wird – und der Zusammenhalt zwischen Reiterin und Pferd. Die beiden müssen ein Team sein, damit sie alles schaffen.“ Ihre Leidenschaft für die Working Equitation hat sie auch an ihre Tochter Mia weitergegeben. „Dressur habe ich nicht gemocht“, sagt die 14-Jährige. Lieber hat sie mit dem PRE „Campo“ (9) gemütlich das Gelände erkundet. „Aber hier bekommen die einzelnen Lektionen plötzlich einen Sinn. Seitengänge, Galoppwechsel – all das brauchen Rinderhüter bei ihrer täglichen Arbeit.“ Mia überlegt kurz. „Und auch für mich ist das alles nützlich: Wenn ich ausreite, kann ich mir jetzt auch mal ein Gatter öffnen…“

Working Equitation
Bild: Privat

Inken Manz nickt dazu: „Dieses Training ist auch für Geländereiter ideal. Denn sie bekommen Sicherheit, lernen unbekannte Hindernisse zu überwinden. Das hilft auch beim normalen Ausritt.“ Und dann leuchten ihre Augen wieder auf: „Das ist das: Ob Spring-, Dressur- oder Geländereiter, ob Haflinger, Friese oder Isländer – hier kann jeder mitmachen. Das ist einmalig. Genau deshalb liebe ich die Working Equitation!“

Das ist Working Equitation

Sie entstand im iberischen Raum. Zuerst wollten sich Rinderhüter in ihrem Können messen. Grundlagen ihres Wettkampfes sind die verschiedenen Arbeitsreitweisen, die sich aus der berittenen Arbeit mit Rindern, wie sie insbesondere Portugal, Spanien, Frankreich und Italien seit Jahrhunderten praktiziert wird, ergeben. Mit zunehmender Modernisierung drohten diese Arbeitsreitweisen in Vergessenheit zu geraten. Da entstand die Idee, für diese einen internationalen Verband, Standards und Vergleichswettkämpfe ins Leben zu rufen – Working Equitation war endgültig geboren. Seit 2008 gibt es sie auch in Deutschland. Ein Working Equitation-Wettbewerb besteht aus drei Prüfungen – Dressur, Dressurtrail und Speedtrail. Bei einigen Turnieren gibt es dazu auch Rinderarbeit

Tags: BodenarbeitReiten lernenReitplatzReitweisen entdeckenWorking Equitation

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