Pferde kommunizieren nicht nur mit ihrer Körpersprache. Auch ein Blick ins Gesicht verrät ihnen viel. Eine britische Studie zeigt jetzt: Am Ausdruck im Gesicht erkennen Pferde viel mehr, als bislang gedacht…
Dass Pferde auch verschiedene Gesichtsausdrücke zur Kommunikation nutzen – diese Erkenntnis ist nicht neu. Und sie wurde bereits von mehreren Studien belegt. Doch wie ausgefeilt ist diese Form der Kommunikation? Wie viele Nuancen gibt es in den Gesichtern der Pferde? Diese Frage beschäftigte ein britisches Forschungsteam um Dr. Kate Lewis von der Universität Portsmouth. Das Ergebnis hat sogar die Forschenden überrascht…
Sie analysierten für ihre Studie Videomaterial von 36 Pferden in unterschiedlichen sozialen Situationen. Mit dabei waren zum Beispiel freundliche Kontakte, spielerische Interaktionen sowie Konflikte. Dann katalogisierten die Forschenden die Gesichtsausdrücke mithilfe des Equine Facial Action Coding Systems (EquiFACS), das einzelne Muskelbewegungen im Pferdegesicht exakt beschreibt. Das Ergebnis: Sie entdeckten insgesamt 805 verschiedene mimische Ausdrücke. Diese konnten 22 unterschiedlichen Verhaltensweisen zugeordnet werden.

Pferdemimik: Von Aggression bis Spiel
Die Studie, die im „PeerJ“ veröffentlicht wurde, unterteilte die Aktionen in vier Bereiche: Aggression, Aufmerksamkeit, Freundlichkeit und Spiel. Dabei zeigte sich, dass aggressive Begegnungen durch abgeflachte, nach hinten gerichtete Ohren, hochgezogene innere Brauen, erweiterte Nasenlöcher und gesenkte Köpfe gekennzeichnet sind. Diese Ausdrücke dienen als klare Signale für aggressive Absichten, die es Artgenossen ermöglichen, potenzielle Konflikte zu vermeiden.
Wenn Pferde wachsam sind oder zum Beispiel etwas untersuchen, sind ihre Ohren in der Regel nach vorne gerichtet. Zu den zusätzlichen Indikatoren gehören verstärktes Blinzeln sowie Veränderungen der Kopfhaltung, um unter anderem Gegenstände besser sehen zu können.

Ohren nach vorne sind kein Zeichen für Freundlichkeit
Beim Spielen war die Unterlippe der teilnehmenden Pferde oft gesenkt, das Kinn angehoben, die Lippen geöffnet, das Maul weit geöffnet. Die Ohren waren gedreht und nach hinten gelegt. Beim Spielen ist auch die Sichtbarkeit des Augenweißes erhöht, die Nase nach vorne geschoben und der Kopf eher nach oben oder nach rechts gedreht.
Überraschend war die Einordnung der Mimik beim freundlichen Umgang. Entgegen der landläufigen Annahme zeigen Pferde bei freundschaftlichen Interaktionen oft einen neutralen Gesichtsausdruck“, so die Forschenden in einer Mitteilung. Während „Ohren nach vorne“ traditionell als Zeichen für positive Emotionen angesehen wird, sahen die Forscher diese Bewegung in diesem Zusammenhang nicht regelmäßig.

Kontext zählt: Gleiche Gesichtsbewegungen in verschiedenen Situationen
„Dies ist das erste Mal, dass wir systematisch dokumentieren konnten, wie Pferde Gesichtsbewegungen zu bedeutungsvollen Ausdrücken kombinieren“, sagte Dr. Leanne Proops, außerordentliche Professorin für Tierverhalten und Tierschutz. „Es eröffnet neue Möglichkeiten, die Emotionen von Pferden zu verstehen und das Wohlbefinden zu verbessern.“
Und weiter: „Wir haben festgestellt, dass Pferde oft die gleichen Gesichtsbewegungen in verschiedenen Kontexten verwenden, aber die Kombinationen und Intensitäten variieren“, so Dr. Kate Lewis. „Diese Flexibilität unterstreicht, wie wichtig es ist, bei der Interpretation des Verhaltens von Pferden den gesamten Körper und den Kontext zu berücksichtigen.“

Neue Gesichtsbewegung bei Pferden entdeckt
Die Forschenden identifizierten auch eine bisher undokumentierte Gesichtsbewegung. Sie wird jetzt als AUH21 bezeichnet und betrifft den Platysma-Muskel. Dieser oberflächliche Hautmuskel befindet sich am Hals des Pferdes und dient hauptsächlich dazu, Fliegen abzuwehren und die Haut im Nacken- und Untergesichtsbereich zu straffen. Diese Aktion, die dazu führt, dass sich die Seite des Gesichts zusammenzieht und die darunter liegenden Strukturen stärker hervortreten, wurde nur bei Menschen und Gibbons beobachtet. Seine Entdeckung kann den Vergleich zwischen den Arten verbessern und bei der Beurteilung von emotionalen Zuständen und Schmerzen bei Pferden helfen.
„Diese Arbeit ist ein Wendepunkt für jeden, der mit Pferden arbeitet“, sagte Dr. Proops. „Es gibt uns einen neuen Blick, durch den wir ihr Verhalten betrachten und interpretieren können, was letztendlich zu einer besseren Versorgung und stärkeren Mensch-Tier-Beziehungen führt.“








