Am Anfang stand die Liebe zu Pferden – und der Wunsch ihnen zu helfen. Daraus entstand das Projekt Möhrchengeber, das bundesweit Pferden und Besitzern in Not hilft. pferde.de sprach mit Christine Kienhöfer, eine der Gründerinnen, über ihr Herzensprojekt.
Schon als Kind saß Christine im Sattel. Dann kam das Leben dazwischen, sie war als Unternehmerin beruflich sehr eingespannt. Bis sie vor zwölf Jahren spürte: Es geht nicht mehr ohne. „Damals habe ich mit dem Reiten wieder angefangen“, erzählt die heute 58-Jährige – eine Entscheidung, die sie immer wieder treffen würde: „Pferde geben mir einfach sehr viel.“
Vor zwei Jahren kam dann die Idee, den Pferden auch etwas zurückzugeben. „Es gibt einfach viele Tiere, die in Not sind. Aber es gibt kein Tierheim für Pferde. Das wäre ja auch viel aufwendiger, als ein Tierheim für Hunde und Katzen.“ Und die Idee eines festen Heims oder Gnadenhofs schien nicht die beste Lösung. „Wir wollten überall, also bundesweit helfen.“ So gründete sie mit ihrer Frau die „Beyond Unisus Stiftung“, die Menschen und Tieren helfen soll. Ihr erstes Projekt: „Möhrchengeber“– die vernetzte Pferdehilfe.

Dino stand schon auf dem Transporter zum Schlachter
Die Idee dabei: „Durch ein Netzwerk können wir wachsen und irgendwann wirklich bundesweit aktiv sein.“ Und der Gedanke trifft den Nerv. Im März 2021, nur zwei Monate nach der Gründung, kam das erste Pferd zu ihnen: Dino, ein polnisches Kaltblut. „Er stand eigentlich schon auf dem Transporter zum Schlachter. Wir konnten die Besitzerin überzeugen, dass es für Dino noch eine andere Zukunft gibt und haben ihn erst mal zur Diagnose in eine Klinik gebracht.“ Ergebnis: Der Wallach litt unter starker Arthrose. „Es war uns allen von Anfang an klar: Wir tun alles, damit er ein schönes Leben führen kann, aber er darf nicht leiden. Deshalb haben wir ihn auch nicht vermittelt. Die Entscheidung ihn gehen zu lassen war absehbar und wir wollten sie nicht einem neuen Besitzer aufbürden.“
Für Dino begann ein neues Leben: „Er war lustig, voller Leben und erst 14 Jahre alt. Ein Clown auf vier Hufen, der trotz seiner schweren Krankheit vergnügt durchs Leben ging. Oft hat er sich übernommen beim Spielen und war dann einige Tage schrittlahm – aber er kam immer wieder zurück.“ Ihre Hoffnung: „Wir wollten ihm noch ein paar schöne Monate gönnen.“

Die bestmögliche Stelle für jedes Pferd finden
Und das haben sie geschafft. 14 Monate genoss Dino die Liebe und Aufmerksamkeit, tobte mit seinen tierischen Freunden über die Koppel. „Aber dann veränderte er sich und aus dem lustigen Clown wurde ein zurückgezogener Einzelgänger. Er lief kaum noch und blieb zurück, wenn seine Herde auf die Koppel ging“, erzählt Christine. Und sie wussten: Für Dino war die Zeit gekommen. „Es war der letzte Liebesdienst, den wir ihm noch erweisen konnten. Deshalb haben wir ihn gehen lassen. Aber Dino wird immer unsere Nummer Eins bleiben.“
So bleibt Dino unvergessen – doch längst ist er nicht das einzige Pferd, das „Möhrchengeber“ gerettet hat. In nur 18 Monaten wurden 50 Pferde aufgenommen, weitere zehn Pferde konnten direkt vermittelt werden. Denn genau das ist das Ziel: „Wir wollen die bestmögliche Lebensstelle für jedes Pferd finden.“ Und die kann ganz individuell sein, vom Freizeitpferd bis zum Beisteller. „Das wird von Pferd zu Pferd ganz individuell entschieden.“
Besitzer von Amadeus starb
Wenn ein Pferd zu ihnen kommt, wird es zuerst tierärztlich untersucht, kommt zum Hufschmied. Dann bekommt es die Zeit, die es braucht, um an Körper und Seele zu gesunden. Erst dann suchen wir einen passenden Stallpartner.“ Das ist eine Stärke des Netzwerks: „Wir haben insgesamt schon 25 Stallpartner, die von einem bis zu vier Pferden nehmen.“ Dabei hat jeder Stallpartner ganz besondere Vorteile“, findet Christine: „Der eine liegt an der See und ist ideal für Pferde mit Atemwegserkrankungen. Der andere ist auf Fohlen und Jungpferde ausgerichtet und kann auch beim Einreiten helfen. Der nächste ist eine tolle Reha-Stelle. So kommt, wenn die Transportstrecke passt, jedes Pferd in den Stall, der am besten zu seinen Bedürfnissen passt.“

Ein Konzept, dass auch Reit-Stars überzeugt: Ute Holm-Schäuble, mehrfache Europameisterin in verschiedenen Westernreitdisziplinen, Pferdetrainerin Yvonne Gutsche-Doebelin sowie VOX-Pferdeprofi Katja Schnabel sind bereits Schirmherrinnen. Und gerade kam Anja Beran dazu, die nicht nur Schirmherrin, sondern wie die anderen Schirmherrinnen auch, mit ihrem Gut Rosenhof Partnerstall wurde.
So unterschiedlich die Helfer und Unterstützer sind, so verschieden sind auch die Schicksale der geretteten Pferde. Unter ihnen ist Haflinger Amadeus, dessen Besitzer verstarb und die 83-jährige Witwe mit seiner Versorgung überfordert war. Dank „Möhrchengeber“ hat er den Jackpot geknackt. „Er hat eine neue Möhrchengeberin gefunden, die ebenso wie er gut gealtert und rüstig ist. Sie hat viel Pferdeerfahrung und Zeit, um sich liebevoll um Amadeus zu kümmern.“
Fritzi wäre zu einem Wanderpokal geworden
Auch Stella bekam durch die „Möhrchengeber“ eine neue Chance: Die Noriker-Stute wurde erst vom Schlachtfohlen-Markt gerettet, doch dann war ihr Halter alters- und gesundheitsbedingt überfordert und sie musste aus schlechter Haltung geholt werden. „Der Mann, der sie transportiert hat, hat sich direkt in sie verliebt und nach einer Probezeit wurde sie dort aufgenommen.“
Auch Quarter Horse Fritzi kam zu den „Möhrchengebern“. „Er hat berühmte Vorfahren und lief in Italien im Reining“, erzählt Christine. Was genau er dort erlebte? Unklar. Doch irgendwann konnte und wollte er nicht mehr. „Er kam dann zu einer Familie nach Deutschland. Leider war Fritzi von Anfang an lahm, so dass die Familie nach einem Jahr Kummer, Sorge und finanziellen Aufwendungen am Ende der Kräfte war.“ Jetzt wird der 13-jährige Wallach ganz sanft wieder aufgebaut. „Es wäre wohl zu einem Wanderpokal geworden. Bei uns bekam er die Zeit und Geduld, die er brauchte.“ Und Fritzi zeigt schon jetzt, wie gut ihm das tut. „Wir sind optimistisch, dass er sogar wieder bedingt reitbar wird.“

Happy End mit Liebe auf den ersten Blick
Das Tolle: Fritzi hat eine neue Besitzerin – und damit sein Happy End erlebt. Das gilt auch für Quarter Horse Buddy. „Er stammt aus einer hochwertigen Zucht und hat berühmte Vorfahren“, berichtet Christine . „Anscheinend gab es in seinem Zuchtbetrieb Probleme mit der Pferdehaltung, so dass Buddy zusammen mit anderen Pferden beschlagnahmt wurde. Wir haben ihn freigekauft, um ihm die Chance zu geben aufzuchtbedingte Defizite aufzuholen. Er bekam ein solides Basistraining im Handling und in der Bodenarbeit. Körperlich und seelisch hat er sich wunderbar entwickelt. Er ist eine ganz coole Socke.“ Und der vierjährige Wallach hatte ebenfalls Glück: „Für seine neue Möhrchengeberin war es Liebe auf den ersten Blick. Wir sind sicher, dass die beiden viel Spaß zusammen haben werden und Buddy ein tolles Leben als Freizeit- und Westernpferd vor sich hat.“








