Hunde sind in Sachen Nasenarbeit super. Und Pferde? Sie sind auch tierische Spürnasen – und können von dem duften Training rundum profitieren, sagt Rachaël Draaisma. Sie entwickelte eine spezielles Schnüffel-Training für unsere Partner auf vier Hufen. pferde.de sprach mit der Niederländerin über die ersten Schritte bei der Nasenarbeit, für wen es geeignet ist – und warum Pferde als Spürnasen richtig entspannen können…
Pferde sind als Fluchttiere besonders aufmerksam – und reagieren auf jede Veränderung in ihrer Umgebung. Doch wie können wir Menschen ihnen ihre Gefühle, Ängste und auch Schmerzen ansehen? Diese Frage beschäftigte die Niederländerin Rachaël Draaisma. Sie studierte das Verhalten der Pferde, entdeckte die Signale, die Pferde nutzen, um zum Beispiel andere zu besänftigen und Konflikte abzuwenden. Und sie entwickelte mehrere spezielle Duftarbeit-Übungen für Pferde. Sie bringt ihnen zum Beispiel bei, mit der Nase einer Fußspur zu folgen, damit sie verlorene Personen oder Futtersäcke finden können. Pferde als Spürnasen – die Idee dazu kam ihr bei ihrer Arbeit als Hundetrainerin…
pferde.de hat mit ihr über die Nasenarbeit für Pferde gesprochen:
Sie sind Hundetrainerin, wie sind Sie aufs Pferd gekommen?
Ich glaube, ich bin von Anfang an ein Pferdemädchen und ich habe seit meinem sechsten Lebensjahr Reitunterricht genommen und in Pferdeställen gespielt. Ich habe mein erstes Pferd bekommen, als ich 14 Jahre alt war, und jetzt habe ich immer noch ein Pferd. Mein ganzes Leben lang war ich jeden Tag mit Pferden zusammen.
Wir hatten auch immer Hunde zu Hause, also waren Hunde und Pferde für mich immer mit meinem Leben verflochten. Als ich 2002 anfing, nach einem Beruf für mich zu suchen, dachte ich: Als Verhaltenstrainer für Pferde habe ich nicht so gute Chancen – das war damals ja noch nicht so gefragt. Also begann ich als Hundetrainerin. Für mich ging es dabei nicht nur um die klassische Hundeerziehung. Ich wollte, dass sich Hunde sicher und gut fühlen.

Wie kamen Sie auf die Idee, bei Pferden Duftarbeit zu nutzen?
Bei den Hunden habe ich im Laufe der Jahre gemerkt: Nasenarbeit hilft ihnen auch bei Schmerzen, Stress und Verhaltensproblemen. Das machte mich neugierig. Ich fragte mich: Funktioniert das auch mit Pferden? So habe ich die Körpersignale der Pferde unter der Leitung von Turid Rugaas genau studiert. Und dann ein Schnupper-Training entwickelt, das zu ihnen und ihrem natürlichen Verhalten passt. Das Ziel ist es, die Komfortzone der Pferde zu erweitern, damit sie mit den Reizen in unserer menschlichen Welt umgehen können – ohne Angst, aber mit Neugier und proaktivem Verhalten.
Kann ich mit jedem Pferd Duftarbeit machen?
Ich habe noch kein Pferd gesehen, wo es nicht funktioniert hat. Denn alle Pferde haben eine Nase. Auch wenn sie sehr alt werden, die Nase funktioniert eigentlich immer. Und: Wir wissen von Menschen mit Alzheimer, dass die Nase eines der Organe ist, das sehr lange Zeit aktiv bleibt. Ich habe mit Pferden gearbeitet, die zwei Wochen alt waren und mit Pferden, die 36 Jahre und älter waren. Ich denke, jedes Pferd kann davon profitieren – egal, ob Pony, Freizeitpferd, Turnierpferd.

Sind Pferde gerne tierische Spürnasen?
Auf jeden Fall. Denn Pferde schnüffeln aus eigenem Antrieb. Sie entdecken und untersuchen ihre Umwelt auf natürliche Art mit der Nase.
Folgen Pferde der Spur wie Hunde?
Ja. Ich versuche einem Pferd beizubringen, Fußspuren zu folgen, also einer menschlichen Schrittspur. Wenn ich damit anfange, führe ich ein Tuch ein, einen so genannten Riecher. Das Tuch fungiert als Ausgangspunkt der Strecke. Der Spurenleger steht auf dem Tuch. Das Pferd lade ich dann ein, seinen Fußstapfen zu folgen. Warum das Tuch und die besonderen Fußstapfen auf dem Tuch, denen man folgen muss? Ganz einfach: Es gibt überall Spuren. Das Pferd muss darauf hingewiesen werden, welchem der vielen Fußstapfen es folgen soll.

Wie lernen Pferde, einer Fußspur zu folgen?
Bevor das Pferd versteht, dass es der Fußspur folgen muss, legen wir einen speziell entwickelten Duftbeutel in die Nähe des Riechers. Der Duftbeutel ist mit Futter gefüllt und mit dem Sand der Arena bedeckt. Nur der Netzteil des Beutels ist zur Luft hin offen. Wenn das Pferd mit dem Kopf nach unten geht, um den Riecher zu untersuchen, riecht es das Futter aus dem Duftbeutel. Es berührt den Sack und der Pferdeführer hebt den Sack an: Das Pferd bekommt seine Belohnung. Diese Arbeitsweise lehrt das Pferd, dass immer dann, wenn es den Riecher sieht, Futter zu finden ist.
Und wir stimulieren das Pferd von Anfang an, seine Nase und nicht seine Augen zu benutzen. Die folgenden Schritte dienen dazu, die Meter vom Riecher bis zum Futterbeutel zu verlängern. Das Pferd lernt dann, wenn ich in die Fußstapfen trete, bin ich schneller am Duftbeutel und am Futter. Die Spur wird nur durch Schritte gemacht, ich verwende keine zusätzlichen Düfte, um meine Schritte hervorzuheben. Der ganze Zweck besteht darin, das Pferd dazu anzuregen, intensiv mit seiner Nase zu arbeiten.
Sind Pferde talentierte Spürnasen?
Auf jeden Fall! Denn die Welt der Pferde ist voller Düfte, es gibt überall Spuren von Menschen und anderen Tieren. Es ist für sie im Prinzip das Normalste der Welt, mit ihrer Nase zu arbeiten. Meistens erkennen wir an der Nase unseres Pferdes, wenn es ängstlich ist: Wir hören es schnauben und Gerüche einatmen. In meiner Arbeit wollen wir jedoch, dass das Pferd seine Nase benutzt, wenn es eine erkundende und neugierige Stimmung hat – als starker Gegenpol zur Angst.

Wenn mein Pferd den ersten Schritt verstanden hat – wie geht es weiter?
Wenn wir über Geruchsverfolgung sprechen, beginnt man mit kleinen Spuren, dann bauen wir die Spuren immer länger. Und wenn Sie in einem großen Bereich arbeiten können, können Sie Ihr Pferd mindestens 40 Minuten lang Spuren folgen lassen, die es beschäftigen. Sie können es auch Spuren folgen lassen, die um und über Hindernisse führen. Sie können geteilte Strecken oder ältere Strecken oder andere Variationen haben.
Spürnasen Pferd: Was kann noch für Duftarbeit genutzt werden?
Eine weitere Form der Duftarbeit ist der Duftgarten. Dies ist inspiriert von Anne Lill Kvam. Es ist eine angereicherte Umgebung, in der Sie Ihrem Pferd Pappteller mit Handtüchern anbieten, auf denen Sie verdünnte Gerüche verstreut haben. Das Pferd kann entscheiden, ob und in welchem Tempo es die Gerüche untersuchen möchte. Dies ist besonders nützlich, um Pferde an viele menschliche Gerüche zu gewöhnen, wie Seife, Aftershaves, Ketchup-Geruch, Desinfektionsgeruch oder auch Teeblätter.

Worauf muss ich bei der Duftarbeit noch achten?
Wenn die ersten Übungen funktionieren, nehme ich Objekte oder Gegenstände und stelle sie zum Beispiel in die Reithalle. Dann lade ich das Pferd ein, diese Objekte zu erkunden, also zu erschnüffeln. „Verwendest Du Lebensmittel?“, werde ich oft gefragt. ‚Es kommt darauf an‘, ist meine Antwort. Wenn das Pferd viel Erkundungsdrang und einen hohen Spieltrieb hat, sowie das Bedürfnis, Gegenstände zu fühlen, zu beißen, zu berühren, zu lecken – dann ist Futter nicht notwendig.
Wenn das Pferd keinen Erkundungstrieb hat, kann man versuchen, die Einstellung mit Objekten zu ändern, die es erkunden möchte. Essen kann ihm helfen, in Schwung zu kommen. Das geht nicht bei einem Pferd, das sich das Futter wegschnappt, weil es das Futter will, aber nicht daran interessiert ist, es zu erkunden. Sie sollten das Futter so platzieren, dass das Pferd dazu angeregt wird, intensiv nach dem Futter zu suchen, auch später in Kombination mit den Gegenständen.
Und was bringt die Spürnasen-Arbeit den Pferden?
Zuerst einmal Abwechslung. Im normalen Training müssen sie meistens auf Kommandos hören und gelernte Lektionen zeigen. Beim Schnüffel-Training haben sie dagegen die freie Wahl. Sie dürfen ihre Sinne einsetzen und schnüffeln aus eigenem Antrieb. Dadurch haben sie Spaß. Und sie bekommen Selbstvertrauen. Denn: Wenn Pferde neugierig und mutig agieren, bleibt kein Platz für Angst. Deshalb blühen viele Pferde bei der Nasenarbeit auf.
Der Duftgarten und die mit Gegenständen angereicherten Umgebungen helfen dem Pferd zudem, seine Selbstregulation zu üben. Das Pferd ist derjenige, der sich den Objekten nähern und sich zurückziehen kann. Dadurch erhält es die Möglichkeit, kleine Bewegungen in der inneren Spannungsleiter zu erfahren. Sie ermöglicht es , die Spannung in kleinen Schritten zu üben und daraus heraus zu regulieren. Im Vergleich dazu geht ein Pferd, das diese Erfahrung nicht hatte, in einem Wimpernschlag von null auf 100. Ein Pferd, das sich selbst regulieren kann, hat weniger höhere Stöße und fährt schneller wieder runter.

Kann Duftarbeit auf bei Verhaltensproblemen helfen?
Ja. Ich arbeite auch mit vielen Instituten zusammen, die Pferdetrainer oder Verhaltensberater ausbilden. Die Duftarbeit hat eine beruhigende Wirkung auf Pferde. Wenn Pferde Stress oder Schmerzen haben, schüttet ihr Körper viel Cortisol aus. Durch die Arbeit mit der Nase produziert ihr Körper Dopamin. Dopamin, das bei angstfreien Erkundungen ausgeschüttet wird, hat eine senkende Wirkung auf das Cortisol: Dann beruhigt es.
Die Duftarbeit ist ein sehr natürliches Verhalten für Pferde. Einer der Vorteile der Arbeit: So können wir Spannung beim Pferd abbauen. Wir üben also Entspannung innerhalb einer Aktivität mit Pferden. Das führt dann auch dazu, dass Pferde zum Beispiel weniger ängstlich oder aggressiv gegenüber Menschen sind.
Spürnasen: Wer kann die Duftarbeit nutzen?
Im Prinzip jeder. Denn es hilft, wie schon gesagt, allen Pferden. Auch Turnierreiter können sie nutzen und die Nasenarbeit direkt auf dem Turnier machen, um ihr Pferd zu entspannen und nervlich abzukühlen. Sie können sie verwenden, um sie zu sozialisieren und auch, um sie an die Gerüche auf einem Turnier zu gewöhnen, wie Tabakgerüche der Zuschauer.
Wer mehr über die Duftarbeit erfahren will: Rachaël Draaisma bietet auch Online-Kurse. Sie hat mehr als 100 Filmclips zu dem Thema, die ab Juni auch auf Englisch zur Verfügung stehen.








