Neben den klassischen Jobs rund um Pferde gibt es auch neue Jobs. Vor allem im Bereich Gesundheit wächst das Angebot für die Besitzer und ihre Lieblinge auf vier Hufen. Zu den „neuen“ Berufen gehört auch der Osteopath, der mit viel Fingerspitzengefühl für Gesundheit sorgt. Ein Job-Portrait…
Das Wort scheint uralt, schließlich leitet es sich von den beiden altgriechischen Begriffen Ostéon (=Knochen) und páthos (=Leiden) ab. Doch die Kombination zur Osteopathie ist aus Sicht der Medizingeschichte eine „neuere“ Erfindung. Denn erst vor rund 150 Jahren legte der US-amerikanische Arzt Andrew Taylor Still mit seinen Erkenntnissen den Grundstein für diese Therapieform. Seine Theorie: Der Osteopath kann mit seinen Händen die Grundspannung von Muskeln, Knochen und Gelenken feststellen und so gestörte Funktionen erkennen. Durch die Behandlung werden die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert und gefördert. Seitdem eroberte die Osteopathie die Naturmedizin – und kam schließlich auch bei den Pferden an.
Doch was macht ein Pferde-Osteopath genau? „Einfach gesagt: wir erfühlen Blockaden im Pferd und lösen sie“, erklärt Selina Dörling, Pferde-Osteopathin aus Holm bei Hamburg. Sie kam durch ihre erste große Liebe zu dem Beruf – der Liebe zu Pferden. „Ich war ein typisches Ponymädchen, saß mit sieben Jahren zum ersten Mal im Sattel.“ Mit 16 kam das erste eigene Pferd. „Justin ist heute fast 30 und es geht ihm immer noch sehr gut.“ Für sie ist er ihr Schicksalspferd. „Er war mein Türöffner für meinen Beruf.“
Denn als Justin zu ihr kam, „war er eigentlich von Anfang an krank“. Der Wallach litt an Arthrose, „so schlimm, dass die Ärzte in der Klinik sagten, dass er eingeschläfert werden muss. Ich suchte Rat bei einem Heilpraktiker – und er hat Justin von der Schippe geholt. Da war mir klar, dass ich auch Pferden will. Und dass es mehr gibt, als nur Schulmedizin.“
Der Beruf im Schnell-Überblick
| Voraussetzungen | Keine Voraussetzungen |
| Ausbildungswege | In Deutschland gibt es mehrere Schulen, die eine Ausbildung zum Pferdeosteopathen anbieten. Sie duaert von 15 bis 30 Monaten, kostet ab 3500 Euro |
| Abschluss | Je nach Anbieter gibt es ein Zertifikat oder ein Diplom |
| Verdienst | Selbstständig, im Schnitt berechnen Pferdeosteopathen zwischen 120 bis 150 Euro für eine Grundbehandlung |
Trotzdem beginnt sie eine Ausbildung zur Tierarzthelferin. „Ich wollte den medizinischen Hintergrund, auch um zum Beispiel ein Blutbild lesen zu können und Röntgenbilder zu verstehen.“ Dazu beginnt sie eine Ausbildung zur Pferde-Osteopathin. „Ich habe schon immer mit meinen Händen gearbeitet und wusste, dass sie mein Weg sind.“ Denn bei der Osteopathie geht es um spezielle sanfte Handgrifftechniken, die Blockaden und Fehlstellungen im Pferd lösen. „Ich möchte nicht nur die Symptome bekämpfen, ich gehe an die Ursache. Und beseitige sie.“
„Pferde haben ein langes Schmerzgedächtnis!“
Dabei hat sie nicht nur Gelenke, Bindegewebe und Muskulatur im Blick, sondern vor allem die inneren Organe. „Sie werden in der aktuellen Osteopathie leider oft vergessen“, sagt sie. Dabei kann eine Taktunreinheit hinten rechts sowie ein Husten beim Anreiten am Dickdarm liegen. „Wer er zum Beispiel aufgast, drückt er aufs Zwerchfell und auf die Lunge. Dadurch kann das Pferd die Hinterhand nicht mehr mitnehmen – und hustet.“

Bei ihrem ganzheitlichen Blick aufs Pferd betrachtet sich auch die Psyche ihrer vierbeinigen Patienten. „Es geht dabei nicht um Psychologie, sondern um Biologie: Eine Verletzung löst ein Traumata aus – am Gewebe und auch im Kopf.“ Eine der häufigsten Ursachen ist dabei bei Wallachen das Kastrationstrauma. „Pferde haben ein langes Schmerzgedächtnis. Bei der Kastration entsteht ein Trauma im Gewebe, dass Schmerzen verursacht. Die Folge: Das Pferd trennt sich von seiner Hinterhand, bleibt in einem Erstarrungszustand“, so Selina Dörling. Sichtbar wird dies oft erst nach Jahren. „Es kann nach zehn Jahren plötzlich einer Lungenproblematik führen.“ Dazu kommt, so Selina Dörling, dass bei der Kastration auch das Nervengeflecht in Mitleidenschaft gezogen werden kann. „Das führt zu Problemen im Knie und Sprunggelenk und zu Arthrose.“
„Ich muss eine Beziehung zu dem Pferd aufbauen“
Durch spezielle Griffe kann sie diese Blockaden lösen. „Ich arbeite dabei mit meinen Händen und mit meiner Intuition.“ Dass, so Selina Dörling, sei wichtig bei der Arbeit eines Osteopathen. „Die Intuition ist der Lehrweg, der nach der Ausbildung kommt. Denn das Fachwissen können wir uns alle aneignen. Aber als Osteopath müssen wir in unsere Patienten hineinhören, ihnen zuhören.“ Dieses Wissen gibt sie weiter, bildet Menschen mit medizinischer Vorbildung aus. Ein Punkt, der ihr dabei sehr am Herzen liegt: „Ich muss eine Beziehung zu den Pferden aufbauen.“ Sie vergleicht es mit einer Mutter und ihrem Säugling. „Sie kann ja mit ihrem Baby auch nicht reden, sondern muss einen anderen Weg der Kommunikation finden. Das mache ich eben mit Pferden. Ich lasse sie machen, sie zeigen mir den Weg.“ Dazu gehört auch, dass Pferde sich während der Behandlung bei ihr bewegen dürfen. „Es sind Fluchttiere. Deshalb binde ich sie nicht irgendwo an.“

Und auch ohne Besitzer behandelt sie Pferde nicht. „Zuerst gucke ich mir das Pferd an, höre mir die Krankheitsgeschichte an. Dann stelle ich meine Fragen. Diese Kommunikation ist ganz wichtig, um die richtige Ursache finden zu können.“ Bei ihren Behandlungen arbeitet sie auch nach dem Motto „so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Nach ein oder zwei Behandlungen sollte die Ursache gefunden und gelöst sein.“
Mittlerweile hat sie hunderten Pferden geholfen – „und jeder Moment war ein besonderer.“ Aktuell hatte sie ein 22-jähriges Pferd als Patient. „Es war ganz apathisch und abgemagert, hat Cushing, Stoffwechselprobleme. Es hieß, das Pferd muss eingeschläfert werden. Nachdem ich es behandelt habe, begann innerhalb von Minuten das Fell zu glänzen, es kam das Leben im Pferd zurück. Jetzt läuft und frisst es wieder. Das sind die Momente, die mich berühren. Und die mir Kraft geben.“








