Qualzucht bei Pferden? Gibt es nicht, mögen jetzt einige denken. Doch Tierschützer schlagen Alarm. Denn: Einige Rassen leiden schon lange, bezahlen den Züchterwahn sogar mit dem Tod. pferde.de hat bei zwei Tierschützerinnen nachgefragt…
Bei dem Wort Qualzucht denken viele an Hunde wie die Französische Bulldogge. Oder auch an Katzen wie die Nacktkatzen. Doch auch bei Pferden gibt es Qualzuchten, sagen Experten. Der Deutsche Tierschutzbund spricht zum Beispiel von „grotesken Züchtungen“, die kaum schmerzfrei leben können.
Doch was sind Qualzuchten eigentlich? Und welche Rassen sind betroffen? Wir haben zwei Expertinnen gefragt: Andrea Mihali, Tierärztin und Fachreferentin für Equiden beim Deutschen Tierschutzbund, und Jana Hoger, Fachreferentin bei „Peta“ für den Bereich Tierische Mitbewohner.
Gibt es Qualzuchten bei Pferden?

Andrea Mihali: Je nachdem wer gefragt wird, wird es anders definiert. Die einen nennen es etwas beschönigend Erbkrankheiten, die anderen Qualzucht. Wichtig ist dabei auch zu wissen, dass Qualzuchten vor keiner Spezies halt machen. Bei den Heimtieren sind sie relativ bekannt. Sie treten aber genauso bei Reptilien und landwirtschaftlich genutzten Tieren auf. Immer da, wo Menschen entweder einem gewissen Trend hinterherrennen, die Tiere speziell aussehen oder eine zum Teil extreme Leistung erbringen sollen. Natürlich gibt es Abstufungen im Schweregrad der Folgen und die Frage ist immer, wie mit Trägertieren in der Zucht umgegangen wird.

Jana Hoger: Bei Pferden ist das Thema Qualzucht bisher oftmals noch nicht bekannt, jedoch sehr weit verbreitet. Denn auch Pferde wurden für unterschiedliche, menschliche Aspekte vermehrt und gezüchtet. Bei Pferden spielt auch beim Thema Qualzucht die Leistungszucht eine Rolle. Hierbei handelt es sich um eine Zucht auf maximale Geschwindigkeit oder Sprungkraft, welche zu Gelenkverschleiß, Herzproblemen und Verhaltensstörungen führen kann.
Was versteht man unter Qualzuchten?
Mihali: Unter Qualzuchten fallen Tiere, die wegen bestimmter angezüchteter, meist äußerer Merkmale ein Leben mit Einschränkungen, Schäden, Leiden oder Schmerzen führen. Dabei können die Merkmale und einhergehenden Folgen äußerlich, also optisch direkt sichtbar sein. Oder sie sind eben nicht offensichtlich und betreffen zum Beispiel innere Organe.
Manche Nachteile für die Tiere werden auch ganz bewusst in Kauf genommen, wenn wir beispielsweise an Minishettys denken, die aufgrund ihres Konstrukts – zu kleines Becken im Vergleich zum „übergroßen“ Fohlenschädel – zu Schwergeburten und Geburtskomplikationen neigen. Andere Krankheiten werden versucht durch gezielte Anpaarungen wie beispielsweise beim Overo Lethal foal syndrome (OLWS) zu vermeiden. Beim OLFW sterben die weißen Fohlen einen embryonalen Tod, also noch im Mutterleib, bei der Verpaarung zweier Overo-Schecken.
Hoger: Qualzuchten bei Pferden sind problematisch, da sie die Lebensqualität der Tiere erheblich beeinträchtigen. Qualzuchten bedeuten für die betroffenen Tiere ein Leben, das nur unter Schmerzen, Leiden oder Schäden möglich ist und oftmals auch frühzeitig zum Tod führt.
Seit wann gibt es Qualzuchten bei Pferden?
Hoger: Qualzucht bei Pferden ist kein neues Phänomen – sie wurde lange nicht als solche erkannt. Erst mit wachsendem Tierschutzbewusstsein wird sie heute zunehmend kritisch betrachtet. Was aus Tierschutzsicht natürlich sehr positiv zu bewerten ist. Qualzucht bei Pferden existiert in ihrer heutigen Form seit mehreren Jahrzehnten, hat sich aber schleichend entwickelt.
Historisch wurden Pferde schon seit der Antike gezielt gezüchtet, zunächst für Arbeit, Krieg und Transport – oftmals abhängig vom menschlichen Nutzen der Tiere. Im 19. und 20. Jahrhundert rückten Schönheitsideale und sportliche Leistung in den Fokus. Erste gesundheitliche Probleme durch Überzüchtung traten auf. Seit den 2000er-Jahren wird auch bei Pferden zunehmend über Qualzucht diskutiert.

Gibt es immer mehr Qualzuchten bei Pferden?
Mihali: Wer sucht, der findet. Deshalb könnten wir die Vermutung anstellen, dass es Erbkrankheiten seit der zielgerichteten, „modernen“ Zucht auf bestimmte Merkmale gibt. Natürlich sind einige schon länger bekannt und andere werden neu entdeckt, da die genetischen Detektionsmöglichkeiten immer ausgereifter werden. Also werden eventuell auch einfach mehr detektiert. So zum Beispiel auch eine „neue“ Erbkrankheit bei Freibergern, auf die man 2024 aufmerksam wurde: Hypertriglyceridämie-induzierte Pankreatitis (HIP). Betroffene Fohlen werden mit Durchfall und Fieber eingeschläfert. Seit diesem Jahr gibt es einen Gentest für Zuchttiere.

Welche Pferde sind von Qualzuchten betroffen?
Mihali: Überrepräsentiert sind die Quarter Horses inklusive Paint Horses und Appaloosas. Doch die Liste der Erbkrankheiten ist endlos lange, da weiß ich gar nicht wo ich anfangen und aufhören soll. Die der Quarter Horses sind bereits relativ bekannt – wie die hyperkaliämische periodische Paralyse (HYPP) –, andere weniger. Bei der HYPP ist bekannt, dass sie bei Nachkommen des berühmten Hengstes Impressive aufgetreten ist. Der lebte in den 70er Jahren.
Die Minishettys und das OLWS habe ich ja schon erwähnt. Andere Beispiele wären:
- Junctional Epidermolysis Bullosa des Kaltbluts (in Europa vor allem das bretonische Kaltblut): Dabei fehlt die Verbindung zwischen Ober- und Unterhaut, die Haut zu Blasen neigt, sich ablöst, was zu Infektionen und wahnsinnig schmerzhaften Zuständen führt. Eine „Nutzung“ wäre nicht möglich, da jeder Gegenstand auf der Haut die Haut aufreißen kann. Die Fohlen sterben aber sowieso während der ersten Tage/Wochen oder werden eingeschläfert.
- Die Severe Combined Immunodeficiency Disease (SCID) bei arabischen Pferden und ihrer Kreuzungen: Immundefizienzerkrankung, es können also gewisse spezialisierte Immunzellen nicht gebildet werden. Somit versterben die Fohlen eigentlich in den ersten Monaten wegen fehlender Infektabwehr.
- Cerebelläre Abiotrophie auch bei arabischen Pferden: Nervenzellen im Kleinhirn sterben ab, was zu Störungen im Bewegungsablauf führt (Ataxie).
- Durch die Zucht auf massive Kleinwüchsigkeit bei Falabellas kann es zu Schädelmissbildungen kommen, welche den normalen Fress-/Kauakt stören und als Folge zu Verdauungsstörungen bis zu tödlich endenden Koliken führen können.
- Bei Friesen wurde ein genereller Defekt im Kollagenaufbau festgestellt. Die Folgen sind vielfältig und umfassen etwa eine Überbeweglichkeit im Fesselgelenk, eine erweiterte Speiseröhre (Neigung zu Schlundverstopfung), Aortenruptur im Fohlenalter.
- Helmschecken/splashed white (verschiedene Rassen wie Isländer, Paint Horse, Quarter Horse): Hier handelt es sich um eine spezielle Fellfärbung. Die Tiere sind gescheckt mit einer enorm breiten Blesse (manchmal bis über die Augen) sowie weißen Beinen bis weit oben. Diese Fellfärbung ist mit Taubheit verbunden, aber nicht alle sind betroffen. Je größer die Ausbreitung der weißen Fellfärbung an Kopf und Beinen desto eher sind die Pferde taub. Blauäugigkeit geht auch mit einem höheren Risiko einher.
Ich könnte die Liste noch lange fortführen…

Von Atemproblemen bis Erbkrankheiten
Hoger: Heutzutage gibt es auch in der Pferdezucht etliche Rassen, die von massiver Qualzucht betroffen sind. Diese gehen von Miniaturpferden bis hin zu Großpferden oder Pferden mit speziellen Farbtypen.
- Miniaturpferd: Sie gelten als niedlich und kinderfreundlich, doch ihre extreme Kleinzüchtung bringt erhebliche Probleme mit sich. Viele Tiere leiden unter Zwergwuchs-bedingten Fehlbildungen, Zahnfehlstellungen und Atemproblemen. Die disproportionale Körperform führt zudem häufig zu Gelenkproblemen und eingeschränkter Beweglichkeit.
- Friese: Die majestätischen Friesen mit ihrer langen Mähne und dem hohen Kniehub sind in Shows und Filmen beliebt. Doch die Zucht auf Ästhetik hat Folgen: Die dichte Behaarung begünstigt Hautprobleme wie Mauke und Ekzeme. Zudem treten vermehrt erbliche Erkrankungen wie Hydrocephalus (Wasserkopf) und Zwergwuchs auf. Auch der übertriebene Bewegungsstil kann zu orthopädischen Problemen führen.
- Quarter Horse (Halter-Typ): In der Halter-Szene der Quarter Horses wird auf extreme Muskelmasse gezüchtet – ein Schönheitsideal, das für die Tiere zur Last wird. Die übermäßige Muskulatur führt zu Bewegungseinschränkungen, Stoffwechselstörungen wie PSSM (eine Muskelerkrankung) und frühem Gelenkverschleiß. Die Tiere wirken imposant, sind aber oft gesundheitlich stark eingeschränkt.
- Arabisches Vollblut: Arabische Vollblüter gelten als besonders edel und ausdauernd. Doch bestimmte Linien tragen genetische Defekte in sich. Das Lavender Foal Syndrome führt bei Fohlen zu schweren neurologischen Störungen und endet meist tödlich. Auch SCID, eine angeborene Immunschwäche, ist verbreitet. Die Zucht auf ein bestimmtes Erscheinungsbild kann zudem Atemprobleme begünstigen.
- Rocky Mountain Horse: Diese Rasse ist für ihre auffällige silberfarbene Fellfarbe bekannt – ein Merkmal, das mit einem Gendefekt verknüpft ist. Viele Tiere leiden unter MCOA (Multiple Congenital Ocular Anomalies), einer Augenkrankheit, die zu Zysten, Sehschwäche oder sogar Blindheit führen kann. Die Zucht auf Farbe erfolgt hier oft auf Kosten der Augengesundheit.

Gibt es noch weitere Trends bei Züchtern, die zur Qualzucht führen?
Mihali: Jede Konzentrierung auf ein spezielles Äußeres oder mit einer speziellen Leistung verbundenes Merkmal kann in der Folge zu Qualzucht führen, da dabei ja vor allem Tiere miteinander verpaart werden, die das entsprechende Merkmal aufweisen. Und das sind zu Beginn meist nur wenige Tiere. Dies führt zu einem höheren Verwandtschaftsgrad, so dass in den Genen festgesetzte Erbrkankheiten mit einer höheren Wahrscheinlichkeit an viele Nachkommen vererbt werden. Allgemein bekannt ist auch, dass eine genetische Vielfalt für die Nachkommen gesünder ist.
Wir vertreten die Position, dass das Hauptaugenmerk der Zucht auf der physischen und psychischen Gesundheit der Zuchttiere und der Nachkommen liegen muss und nicht auf einigen Merkmalen des Aussehens oder der Leistung, die dann in der Folge zu Problemen führen. Ein Beispiel möchte ich hier noch nennen: Die Rennpferde, die so extrem auf Schnelligkeit gezüchtet wurden und werden und deshalb hoch im Blut stehen, neigen im Vergleich zu anderen Rassen oder generell gesagt anders als Warmblüter und Kaltblüter häufiger zu Verhaltensstörungen. Verhaltensstörungen werden laut Tierschutzgesetz zu den Leiden gezählt. Auch deshalb, weil sie selbst durch eine Haltungsoptimierung nicht unbedingt heilbar sind und das Tier ein Leben lang begleiten.
Es liegt in unserer Verantwortung, gesunde Generationen zu züchten und vorbelastete Zuchttiere aus der Zucht auszuschließen. Vielleicht sollten wir auch das ganze Konzept von Rassen überdenken, um dem genetischen Flaschenhals pro Rasse entgegenzuwirken.
Hoger: Leider entstehen immer neue Trends, wenn es um die Zucht von Pferden geht, bei denen Pferde nach menschlichen Schönheitsidealen gezüchtet werden – ganz egal ob die Tiere darunter leiden oder nicht. Und vor allem auch, in welcher Form. Als Tierschutzorganisation wünschen wir uns, dass Menschen sich mehr auf die Bedürfnisse der Tiere einstellen und darauf, dass es auf dieser Welt unfassbar viele Pferde gibt, für die sich kein Mensch verantwortlich fühlt.

Können Qualzuchten verboten werden?
Mihali: Die Zucht von Tieren mit Qualzuchtmerkmalen (und bei Hunden auch die Ausstellung von Hunden mit Qualzuchtmerkmalen) ist in Deutschland bereits verboten. Allerdings muss hierfür jede einzelne Zucht durch ein Veterinäramt überprüft und vor Gericht begutachtet und verboten werden. Eine Umsetzung lässt also massiv zu wünschen übrig. Es braucht aus Sicht des Deutschen Tierschutzbundes eine Qualzuchtverordnung, die genau festlegt, was als Qualzuchtmerkmal und in welcher Ausprägung gilt. Dazu benötigt es zusätzlich ein Import-, Werbe-, Ausstellungs- und Haltungsverbot von Tieren mit Qualzuchtmerkmalen. Der Deutsche Tierschutzbund hat bereits einen Entwurf für eine solche Verordnung geschaffen.
Hoger: In Deutschland ist Qualzucht laut §11b des Tierschutzgesetz verboten. In der Praxis wird dies jedoch noch immer nicht konsequent umgesetzt. Wir wünschen uns aus Tierschutzsicht, dass gegen Qualzucht konsequent vorgegangen wird.








