Der Name klingt fast liebevoll: Kissing Spines, übersetzt küssende Dornfortsätze. Doch dahinter steckt eine Erkrankung an der Wirbelsäule, die das Pferdeleben drastisch verändert. Die gute Nachricht: Mit gezieltem Training kannst Du weiter reiten – ohne dass Dein Pferd leidet. pferde.de verrät die wichtigsten Fakten.
Immer häufiger hören Pferdebesitzer die Diagnose Kissing Spines. Bei dieser Erkrankung nähern sich die Dornfortsätze der Rückenwirbel einander immer weiter an, bis sie sich berühren – also „küssen“ – und schmerzhaft aneinander reiben.
Im Extremfall können die Dornfortsätze sogar überkreuzen oder überlappen, dann sprechen Mediziner von Overriding Spines. Besonders häufig kommt es zwischen dem zwölften bis zum 18. Brustwirbel vor, denn dort ist der Abstand zwischen den Wirbeln besonders eng. Und genau dort liegt der Sattel…
Ursache für Kissing Spines ist oft falsches Reiten
Kissing Spines machen sich meist zwischen dem sechsten und dem neunten Lebensjahr bemerkbar, manchmal sogar schon früher. Grundsätzlich sind Pferde mit einem Senkrücken eher für das Kissing-Spines-Syndrom gefährdet. Bei manchen Pferden stehen schlicht die Dornfortsätze von Natur aus enger. Auch Schäden an den Bändern oder an der Muskulatur des Rückens können diese Erkrankung hervorrufen – oft ist dafür ein Sturz die Ursache.
Meist entwickelt sich die Krankheit jedoch durch eine falsche Ausbildung und falsches Reiten. Daran ist auch ein „Trend“ mit Schuld: Immer häufiger werden Pferde sehr früh angeritten und ausgebildet. Während früher Pferde erst mit vier oder fünf Jahren eingeritten wurden und danach ausreichend Zeit hatten, Muskeln aufzubauen, bis die eigentliche Dressurarbeit begann, kommen Pferde heute mit drei Jahren unter den Sattel und direkt in die Dressurausbildung.
Das kann die Wirbel irreversibel schädigen. Eine zu harte Reiterhand, fehlende Dehnung und mangelnde Aufwölbung des Rückens in der täglichen Arbeit können ebenfalls zu den krankhaften Veränderungen an den Dornfortsätzen führen.
1. Symptome richtig deuten
Ein Problem von Kissing Spines: Es gibt nicht das eine, klare Symptom, um die Krankheit zu erkennen. Oft beginnt es mit einer geringeren Leistungsfähigkeit.
Zu den möglichen Symptomen zählen:
- Sensibilität beim Abtasten und Putzen des Rückens
- Lahmheit
- Steifheit
- Durchdrücken des Rückens beim Aufsteigen oder Anreiten
- stockende Übergänge
- inaktive Hinterhand
- schwerfällige oder keine Anlehnung
- Probleme in der Versammlung
- kein „über den Rücken reiten“
- Verweigerung vorm Sprung
- kein „in die Tiefe dehnen“
- Taktfehler
- häufiges Umspringen im Galopp
- häufiger Kreuzgalopp
- unterm Sattel bocken oder „weglaufen“ bei bestimmten Lektionen
- schief getragener Schweif
2. Nach der Diagnose die Schmerzen nehmen
Besteht der Verdacht auf Kissing Spines, kann eine Röntgenaufnahme und in einigen Fällen auch eine Szintigraphie zeigen, wo genau die Krankheit sitzt und wie stark sie ausgeprägt ist. Dabei unterscheidet man nach Petersson drei Grade:
- 1. Grad: verkleinerte Zwischenräume zwischen zwei oder mehreren Dornfortsätzen mit geringgradiger Sklerosierung der Corticalisränder
- 2. Grad: zwei oder mehr sich berührende Dornfortsätze mit mittelgradiger Sklerosierung der Corticalisränder
- 3. Grad: zwei oder mehr sich berührende oder überlappende Dornfortsätze mit Sklerosierung der Corticalisränder und/oder osteolytische Zonen (zystoide Defekte)
In den meisten Fällen werden bei der Behandlung dann verschiedene Methoden kombiniert. Dazu gehören Medikamente, Chiropraxis, Akupunktur, Osteopathie und Physiotherapie.

3. Neue Wege gehen – vom Freilauf bis zum Sattel
Die Diagnose Kissing Spines ist zwar ein Schock – aber in den meisten Fällen heißt es nicht, dass alles vorbei ist. Im Gegenteil: Wenn Du neue Wege gehst, kann Dein Pferd ohne Schmerzen leben – und mit Dir zusammen auch wieder das Reiten genießen.
Zu den Grundlagen gehört natürlich an erster Stelle ein schmerzfreies Pferd. Anschließend kann ein Osteopath die Grundmobilität wiederherstellen und Dir Übungen zeigen, damit Du Dein Pferd für die Zukunft elastisch halten kannst. Dazu sollte der Hufschmied genau auf korrekt gestellte Hufe achten und im Falle eines Falles mit einem korrigierenden Beschlag unterstützen.
Ebenso wichtig ist aber auch der Freilauf. Denn je intensiver sich die Pferde frei bewegen können, desto schneller können sich die Verspannungen im Rücken lösen.
Dazu solltest Du Deinen Sattel und seine Lage überprüfen. Er muss optimal sitzen. Bei Pferden mit Kissing Spines sollte der Sattel sehr weich gepolstert sein und dazu beitragen, dass Du nicht hinter dem 15. Brustwirbel sitzt. Bei den meisten Pferden mit Kissing Spines liegen die eng stehenden Dornfortsätze nämlich im hinteren Bereich des Sattels.
Vor allem aber solltest Du Dir bewusst machen, dass Du jetzt Zeit brauchst und einige Dinge im Alltag anders machen musst.
4. Mehr Muskeln an der Longe
Im nächsten Schritt geht es um den Muskelaufbau Deines Pferdes. Und das erst einmal ohne zusätzliches Reitergewicht. Heißt: Du solltest Dein Pferd am besten täglich longieren, damit Rücken und Bauchmuskeln trainiert und aufgebaut werden können.
Ideal ist die Arbeit an der Doppellonge – wenn Du damit Erfahrung hast. Ansonsten gilt: Nicht zu eng ausbinden, sonst drückt das Pferd den Rücken weg. Es muss Kopf und Hals frei tragen können. Das geht zum Beispiel mit dem Dreieckszügel, denn Du so lang schnallst, dass sich Dein Pferd an der Longe in die Tiefe strecken kann. Wenn Du lieber mit einem Kappzaum longierst, achte darauf, dass Dein Pferd nicht auseinander fällt beziehungsweise auf der Vorhand läuft – so werden keine Muskeln aufgebaut.

Neben dem korrekten Longieren kannst Du auch mit Handarbeit den Muskeln Gutes tun. So kannst Du zum Beispiel Lektionen wie Schulterherein, Halten – Rückwärtsrichten, daraus antreten lassen und wieder Rückwärtsrichten üben. Das hilft die Muskeln zu lockern und zu kräftigen
5. Richtig sitzen üben
Bei Kissing Spines braucht nicht nur Dein Pferd Training – vielleicht musst auch Du üben, nämlich das ausbalancierte Sitzen. Ideal wäre eine Sitzschulung beim Reitlehrer. Dabei übst Du nicht zu weit vorne zu sitzen, sonst belastest Du die Vorhand. Du darfst auch nicht zu weit hinten sitzen, sonst belastest Du die Kissing Spines. Außerdem solltest Du ohne Kraft reiten: Nachgeben und Feinkoordination sind ab jetzt wichtig.
Wenn Du dann wieder in den Sattel Deines Pferdes steigst, solltest Du zunächst möglich wenig Gewicht hineinbringen: Bügel kürzer schnallen, das Gewicht in die Bügel bringen und mit dem Fußgelenk abfedern. Kann Dein Pferd den Rücken gut aufwölben und ist der Bauchmuskel schon trainiert, kannst Du auch wieder normal einsitzen.

6. Grundlagen beim Reiten
Hier musst Du erst einmal im Prinzip ganz vorne anfangen. Genauer: die Grundlagen trainieren. Dazu gehört als eine der wichtigsten Übungen überhaupt, die man bei jedem Training und auch bei jedem Ausbildungsstand immer wieder einbinden sollte, das Zügelaus-der-Hand-kauen-Lassen. In der Dehnungshaltung kann das Pferd den Hals frei tragen, mit der Hinterhand unter den Schwerpunkt treten und den Rücken aufwölben. Nur in dieser Stellung können die Dornfortsätze auseinander gehen, der Rückenmuskel dehnt sich und der Bauchmuskel spannt sich an.
Im Anschluss gehören Übergänge und Tempounterschiede zu den sinnvollen und gut nutzbaren Trainingsfolgen. Dabei wird der Rücken locker, das Hinterbein aktiv, und Dein Pferd konzentriert sich auf Dich. Vor allem Trab-Galoppübergänge sind wichtig, da im Galopp die Bauchmuskulatur gefordert wird.
Dazu kannst Du über Stangen und Cavaletti reiten, das fördert die Losgelassenheit. Bei InOuts muss sich die Rücken und Bauchmuskulatur schnell hintereinander beugen und strecken, das kräftigt besonders gut. Und vor allem: Geh immer wieder ins Gelände. Beim Bergauf-Reiten trainierst Du Bauch- und Rückenmuskeln Deines Pferdes.
7. Gönn Deinem Pferd Wärme und Weide
Wenn möglich solltest Du Deinem Pferd nach dem Training eine Extra-Portion Wärme, zum Beispiel unterm Solarium, gönnen. So werden Stoffwechselprodukte gut abgebaut und die trainierten Muskeln können sich besser regenerieren. Dazu ist die Weide Dein bester „Trainingspartner“: Beim Fressen mit gesenktem Kopf wölbt Dein Pferd den Rücken auf, die Dornfortsätze gehen auseinander, der Rücken entspannt sich.









Vielen Dank für deine Rat Uber kissing spine sehr leicht zu verstehen und auch beruhigend ich war sehr traurig als ich mit diese Diagnose erfahren hat aber nach deinen Bericht habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben.
Gruß Nicky