Reitlehrerin Viviane Elstner kennt die heilende Kraft der Pferde. Und sie weiß, dass nicht jede Familie sich diese besonderen Momente leisten kann. Deshalb verschenkt die 24-Jährige Zeit mit ihren Partnern auf vier Hufen. pferde.de sprach mit ihr über zweite Chancen für Pferde, warum sie ihre Zeit verschenkt – und wieso sie am Anfang auch Zweifel hatte…
Pferde fand Viviane Elstner schon immer toll. „Mit vier Jahren saß ich das erste Mal im Sattel – und bin seitdem nie wieder weggekommen“, sagt sie lachend. Auch in den Jahren danach drehte sich alles in ihrem Leben um Pferde. „Wenn mich jemand fragte, was ich später machen will, sagte ich immer: etwas mit Pferden. Aber ob Reitlehrerin oder Tierärztin – das stand für mich noch nicht fest.“
Tierärztin wurde sie nicht, stattdessen machte sie eine Ausbildung zur Sport- und Fitnesskauffrau. Damit schien ihr Kindheitswunsch in der Schublade zu verschwinden. Doch mit 19 Jahren holte Elstner sich ihr erstes eigenes Pferd: Samira, damals 1,5 Jahre alt. Und die Shire-Horse-Stute brachte sie zurück zu ihrem Traumberuf – wenn auch auf Umwegen.
Pferde retten – bevor sie zum Wanderpokal werden
Denn zuerst hatte Elstner ein Problem: „Ich suchte nach dem passenden Stall für Samira. Aber ich habe ihn nie gefunden.“ Die Lösung: „Ich habe mit meinen Eltern den Hof von meinem Uropa in Jägersdorf übernommen.“
Damit konnte sie den Stall bauen, den sie sich für Samira wünschte – mit Offenstallhaltung im Sommer und großen Boxen für die Winternächte. Und sie hatte gleichzeitig die perfekten Voraussetzungen für ihren Kindheitstraum: „Dafür habe ich dann die Trainer C-Lizenz als Reitlehrerin gemacht.“

Aber bevor es losging, brauchte sie ein Schulpferd. Auch da hatte sie genaue Vorstellungen: „Ich wollte Pferden eine Chance geben, die es nicht so gut im Leben hatten. Und sie davor retten, ein Wanderpokal zu werden.“ Sie fand Alvin, ein ehemaliges Rennpferd. „Ich habe ihn aus schlechter Haltung geholt.“ Die Entscheidung hat sie nie bereut: „Er ist heute mein absolutes Verlasspferd.“
„Ich führe mein Traumleben!“
Kurz darauf kam Tigra (18) zu ihr, ein Rheinisch Deutsches Kaltblut. „Auch sie kam aus schlechter Haltung.“ Wie auch Clintara (16) ein Deutsches Sportpferd. „Sie war aus dem Springsport aussortiert.“ Und auch die beiden vierjährigen Mini-Shettys Rommel und Murphy nahm sie auf. „Die beiden standen im Nachbar-Dorf, wurden eigentlich nur als Rasenmäher auf vier Hufen genutzt. Ich konnte die Besitzer überzeugen, dass die beiden mehr brauchen…“
Seitdem dreht sie ihr ganzes Leben um die Pferde. Morgens um 4 Uhr steht sie auf, um 4.30 Uhr lässt sie die Pferde auf die Weide. „Vormittags arbeite ich dann im Büro, ab mittags auf dem Hof.“ Wochenende? Feiertage? „Gibt es nicht“, sagt Elstner. „Nur einmal im Jahr gönne ich mir für fünf Tage Urlaub.“
Sie lacht: „Manche sagen, dass ich mehr auf mich achten soll. Aber ich antworte dann: Warum? Ich führe mein Traumleben! Und wenn ich zur Weide gehe, die Pferde rufe und sie sofort im Vollspeed angaloppiert kommen, weiß ich: Auch sie führen ein gutes Leben.“

Pferde stehen immer an erster Stelle
Diese Verbundenheit, die sie zu ihren Pferden hat, will sie auch an ihre Reitschüler weitergeben. „Manchmal kommen Kinder zu mir, die sagen, dass sie schon lange reiten. Und dann gucken sie mich bei ihrer ersten Stunde erstaunt an und wollen wissen, warum das Pferd noch nicht gesattelt ist.“ Elstner lacht. „Das Thema ist aber schnell erledigt. Ich erkläre ihnen, dass das Putzen nicht nur wichtig, sondern auch schön ist. Und dass auch Bodenarbeit und mit den Pferden spazieren gehen Spaß bringt. Manche sind erst einmal skeptisch. Aber wenn sie dabei sind, sind sie schnell begeistert.“
Dabei stehen ihre Pferde für Elstner immer an erster Stelle. „Es kann auch mal Tage geben, an denen sie nicht gut drauf sind. Dann wird nicht geritten. Stattdessen machen wir etwas anderes mit den Pferden, zum Beispiel Bodenarbeit.“ Dazu hat sie maximal zwei Kinder in ihrer Gruppe. „Ich möchte mich um jedes Kind intensiv kümmern können.“ Das Konzept kommt an, auch Erwachsene kommen gerne zu ihr. Was alle lieben? „Im Sommer gehen wir bei 30 Grad mit den Pferden baden…“

Ihre erste Aktion ging ziemlich schief
Auch für Elstner sind solche Ausflüge besonders wertvoll. „Das sind Momente, die Kinder nie vergessen. Die sie wie einen Schatz in ihrem Herzen haben.“ Umso trauriger machte es sie, als ihr immer wieder klar wurde, dass nicht alle Kinder solche Erinnerungen bekommen. „Vor vier Jahren hörte ich immer häufiger: Alles wird teurer, auch die Reitstunden. Das können wir uns jede Woche nicht mehr leisten.“ Das ließ sie nicht mehr los.
„Kurz vor Weihnachten kam ich dann auf die Idee: Ich verschenke Zeit mit meinem Pferd an bedürftige Familien.“ Unter den vielen, die sich melden, sucht sie fünf Familien aus. „Damals hatte ich noch nicht das richtige Gespür“, sagt sie heute. Denn: „Es gab auch Familien, die mich von vorne bis hinten veralbert haben. Die kamen mit den fettesten Autos zum Hof, das Kind trug die neueste, teure Reithose. Da habe ich schon an mir und der Idee gezweifelt…“
Doch es gab eben auch die anderen Familien, für die es ein ganz besonderes Geschenk war. Und dann spielte der Zufall mit: „Ich sah bei uns in der Gegend ein paar Mal einen Wünschewagen, der Menschen mit Schicksalsschlägen einen Wunsch erfüllt. Da dachte ich mir: Das ist es. Ich biete die Zeit mit meinem Pferd Kindern mit Schicksalschlägen oder Beeinträchtigungen an.“ Denn aufgeben – nein, das wollte sie nicht.

„In einer Welt, die manchmal herausfordernd sein kann, glaube ich daran, dass kleine Freuden große Wirkung haben können. Unsere Pferde sind nicht nur wunderbare Tiere, sie haben auch die Fähigkeit, Herzen zu berühren und Kinderaugen zum Leuchten zu bringen.“
Zeit mit Pferd: Alvin spürt, was die Kinder brauchen
Seitdem verschenkt sie, gemeinsam mit ihrer Freundin Michi, immer wieder mal Zeit mit Pferden. Gerade erst hatten die beiden wieder einen Aufruf bei Facebook gepostet. Mehr als zehn Familien haben sich gemeldet. Jetzt werden die passenden Termine gesucht. Denn eins ist für Elstner klar: Wenn diese Kinder kommen, dann bekommen sie so viel Zeit, wie sie möchten. Was auf dem Programm steht? „Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal putzen wir die Pferde, manchmal gehen wir spazieren oder reiten auch ein paar Runden. Ein Kind wollte nur eine Stunde mit mir auf der Koppel sitzen und die Pferde beobachten.“
Als tierischen Partner hat sie dann Alvin an ihrer Seite. „Er baut sofort die Verbindung zu ihnen auf, schnuppert an ihnen, kommt näher.“ Sie lacht. „Da lasse ich ihn machen, stehe eigentlich nur daneben. Er spürt zu 100 Prozent, was die Kinder brauchen.“ Was er in der Zeit erreicht, erstaunt sie immer wieder. „Bei mir war ein Kind, das ist autistisch, hat Epilepsie und ADHS. In der Schule wurde es oft gemobbt. Hier auf dem Hof war es zuerst ganz schüchtern. Dann kam Alvin immer näher. Und plötzlich hat es sich vor ihn gesetzt und geweint.“ Elstner stockt kurz. „Alvin hat sofort reagiert und das Kind abgeschleckt.“ Die Nähe zu dem Pferd hat dem Kind Kraft gegeben. „Und heute ist es tatsächlich selbstbewusster.“
Wenn Elstner diese Geschichten von den Eltern hört, weiß sie: Die „verschenkte“ Zeit ist die wertvollste Zeit. „Wenn ich sehe, wie glücklich die Kinder sind und ihre strahlenden Augen sehe – dann weiß ich: Pferde können wirklich Seelen heilen.“








