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Reitsport: Fragwürdige Trainingsmethoden und geduldete Zustände

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6. Januar 2023
Reiter auf einem Pferdeturnier.

Foto: unsplash.com/Louise Pilgaard (Symbolfoto)

Die Pferdewelt verändert sich rasant – zum Guten, aber scheinbar auch manchmal zum Schlechten. Ist der Reitsport Tierquälerei, wie einige aktuelle Vorfälle und Tierschützer suggerieren? Dieser Frage widmet sich Harriet Jensen in diesem Meinungsstück.

Die Pferdewelt entwickelt sich momentan in verschiedene Richtungen. Teilweise verbessern sich die Umstände für die Pferde immer weiter und eine artgerechte Haltung mit viel Auslauf und bedarfsgerechter Fütterung rücken immer weiter auf den Plan. Teilweise verschlechtern sich die Zustände jedoch auch, da der Reitsport ein wichtiger Wirtschaftssektor ist und im Rahmen des stetigen Wachstums „höher, schneller, weiter“ nicht nur eine Floskel, sondern fast schon ein Leitsatz geworden ist.

Die Nachrichten über fragwürdige Trainingsmethoden häufen sich. – Wobei sich natürlich automatisch die Frage aufdrängt, ob das schon immer so gemacht wurde und es in der heutigen, digitalisierten Welt nur schneller publik wird, wenn irgendwo Schindluder mit den Pferden getrieben wird. Immer wieder tauchen Negativschlagzeilen auf, sei es das Drama im Modernen Fünfkampf bei den vergangenen Olympischen Spielen oder die Barr-Affäre um Ludger Beerbaum: Es scheint fast so, als wolle sich der Reitsport im Licht der Öffentlichkeit Stück für Stück demontieren.

Ganz vorne dabei in der Verantwortung sind dabei die offiziellen Seiten, die nicht nur die Interessen der großen Namen im Sport vertreten, sondern eben auch die deutlich breitere Masse der Amateurreiter und -reiterinnen, die aus Spaß an der Freude mit ihren Pferden Zeit verbringen und diese als ihre Familienmitglieder sehen. Diese werden nämlich in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit durch solche Situationen ebenfalls im schlimmsten Fall als Tierquäler wahrgenommen.

Ein junges Mädchen küsst einen Schimmel.
Foto: unsplash.com/Jusdevoyage (Symbolfoto)

Ist der Reitsport Tierquälerei?

Mit dieser Frage beschäftigt sich eine vermutlich allen bekannten Tierrechtsorganisation nicht zum ersten Mal. Jeder Vorfall ist Wasser auf den Mühlen der Gegner des Pferdesports – schnell drängt sich die Frage auf, ob Sport mit Tieren grundsätzlich tierschutzwidrig ist. Ganz nüchtern können wir festhalten, dass die Pferde uns einen großen Gefallen tun, wenn sie uns auf sich reiten lassen. Wir sind ihnen zu Dank verpflichtet und dieser Dank sollte sich nicht nur in Möhren und Äpfeln äußern, sondern vor allem in unserem Umgang mit ihnen.

Wir sind für unsere Pferde verantwortlich, müssen ihre Bedürfnisse erfüllen und ihnen genau zuhören. Das erfordert oftmals ein großes Maß an Stille unsererseits. Unterm Strich steht, dass es sehr wohl möglich ist, Pferde korrekt und ohne Zwang und Druck zu reiten – auch in höheren Klassen im ambitionierten Turniersport ist das möglich.

Das Problem bei dem respektvollen Umgang mit den Tieren ist jedoch, dass schnelle Erfolge meist ausbleiben, der Weg ist deutlich länger und Zeit ist in jedem Business bekanntlich Geld. Pferde sind ein kostspieliges Unterfangen, weswegen jeder Tag, den ein Züchter oder Händler seine Pferde länger bei sich stehen hat, ein Risiko darstellt. Also entsteht eine Abwärtsspirale: Die Pferde müssen immer schneller immer mehr Leistung bringen, das Anreiten und die Ausbildung erfolgen unter hohem Druck und einige Pferde können diesem Druck nicht standhalten.

Einige Pferde halten den Druck im Reitsport nicht stand.
Foto: unsplash.com/Luana Azevedo (Symbolfoto)

Die Folge sind „Problempferde“ oder auch Verhaltensauffälligkeiten, die sich das Pferd im Laufe der Zeit aneignet, um seinem Stress Luft zu machen. Von den körperlichen Folgen einer zu frühen und vor allem zu starken Belastung sprechen wir an dieser Stelle gar nicht erst. Für uns ist es völlig normal, dass dreijährige Hengste auf ihr Können bei Körungen zeigen, dass dreijährige Pferde beim Bundeschampionat ihre Runden in den Reitpferdeprüfungen ziehen und fünfjährige Pferde bereits einen M* Parcours absolvieren.

Die Ausbildung legt den Grundstein

Diese Pferde bringen eine enorme Leistung. Die Voraussetzung dafür ist, dass jene Tiere einen längeren Weg der Ausbildung hinter sich haben. Die jeweiligen Veranstaltungen sind schließlich nur das Ergebnis des Ausbildungswegs. Um auf dem Niveau zu laufen, müssen die Pferde anständig und ausgiebig vorbereitet werden, da kaum ein Besitzer oder Züchter sein Pferd zum Bundeschampionat oder zur Körung schickt, um einfach nur dabei zu sein. Diesen Zustand können wohl die wenigsten für sich beanspruchen.

Grundsätzlich spricht natürlich nichts gegen Veranstaltungen wie Körungen oder das Bundeschampionat, doch die Zeitfenster, in denen sie stattfinden oder auch die Voraussetzungen und Anforderungen sollten ordentlich überdacht werden. Wir wünschen uns Pferde, die nicht nur sportlich immer mehr leisten können, sondern auch Pferde, die uns lange begleiten. Das gilt nicht nur für die Freizeitreiter, sondern ebenfalls für die professionellen Pferdeleute. Denn ein gesundes, langlebiges Pferd kostet – ganz nüchtern betrachtet – auch weniger.

Wer in jungen Jahren also in ein langfristig angelegtes, korrektes, pferdefreundliches und vor allem auf die Gesundheit ausgelegtes Training setzt, den Pferden Zeit gibt, mental und körperlich zu wachsen, der hat schlussendlich deutlich mehr von seinen Pferden – sowohl auf emotionaler Ebene, als auch auf der wirtschaftlichen.

Natürlich sind nicht alle Spitzensportler oder professionellen Pferdehändler kaltherzig. Viele von ihnen würden sich täglich Arme und Beine ausreißen, um ihren Pferden das zu ermöglichen, was zum allgemeinen Wohlbefinden beiträgt. Es sind auch nicht nur die Profis, die die Dollarzeichen in den Augen haben, oftmals ist bereits der Amateurbereich voll von Menschen, die den Reitsport, die Ausbildung und den Pferdehandel mit etwas fragwürdigen Idealen verfolgen. Frei nach dem Motto: Der Zweck heiligt die Mittel.

Frau reitet Pferd bei einem Turnier.
Foto: unsplash.com/Mikayla Storms (Symbolfoto)

Für einen nachhaltigeren Pferdesport

Bereits auf sportlich eher niedrigem Niveau ist häufig ein schlechter Umgang mit Pferden zu beobachten. Was ist also nun dran an dem Vorurteil, dass der Reitsport Tierquälerei sei und Reiter skrupellos sind? Das ist schwer zu sagen, denn grundsätzlich möchte man niemandem böse Absichten unterstellen. Dass Pferde uns mit ihnen gemeinsam Sport machen lassen ist ein Privileg, nicht aber unser Recht. Und genau dieser Tatsache sollte sich der eine oder die andere noch einmal bewusst werden und kritisch hinterfragen, warum er oder sie sich damals für ein Leben mit den Pferden entschieden hat.

Fakt ist, dass unsere aktuelle sportliche Entwicklung, die Globalisierung des Pferdesports und Reitsport als Wirtschaftssektor nicht selten zu Lasten der Pferde gehen. Gerade bei steigender Popularität und neuen, medizinischen Erkenntnissen über die Psyche und den Körper der Pferde, sollte man sich fragen, ob einige unserer Regelwerke und Veranstaltungsrahmen überhaupt noch zeitgemäß sind und ob es nicht mehr Sinn machen würde, ein Zeichen für Nachhaltigkeit im Pferdesport zu setzen – abseits der Bekleidungsindustrie.

Nachhaltiges Pferdehandling ist vielleicht auf den ersten Blick nicht für jedermann attraktiv, zahlt sich jedoch sicherlich langfristig aus. Und selbst, wenn es nur positive Auswirkungen auf das allgemeine Wohlbefinden aller Pferde hat, haben wir schon einen großen Schritt nach vorne gemacht.

Tags: PferdegesundheitPferdehaltungPferdetrainingTierschutz

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