Stuten sind zickig, Hengst Machos und nur ein Wallach ist ein wahrer Gentleman: Ja, viele Reiter haben Vorurteile… Aber ist da tatsächlich etwas dran? Welche Unterschiede gibt es wirklich? pferde.de klärt auf.
Mädchen lieben Rosa und Puppen, Jungs tragen Blau und spielen mit Autos: Rollenklischees wie diese sind längst überholt – trotzdem sind sie bei vielen noch verankert. Und sie hören auch bei Tieren nicht auf: Wenn es um das Geschlecht geht, landen tatsächlich auch Pferde in Gedanken-Schubladen.
Australische und britische Wissenschaftler um Kate Fenner von der University of Sidney wollten es genauer wissen und starteten eine große Online-Umfrage. Inhalt: Wie sehr prägt das Geschlecht eines Pferdes unsere Ansichten über seinen Charakter oder sein Temperament?
Für die Umfrage sollten die Teilnehmenden zum Beispiel drei Pferde vier Reitern zuteilen. Die Pferde: eine Stute, ein Hengst, ein Wallach. Die Reiter: ein Mädchen, ein Junge, eine Frau, ein Mann. Ein Reiter oder eine Reiterin blieb also immer übrig. Die 1.233 Teilnehmenden, vor allem Reiter mit langjähriger Pferde-Erfahrung, zeigten dabei deutlich, welche Vorteile vorherrschen.
Laut Studie wurde dem Mädchen, im Vergleich zum Jungen, gleich zwei- bis fünfmal häufiger ein Wallach zugeteilt. Die Hengste wurden hauptsächlich den Männern gegeben. Frauen saßen doppelt so oft wie Männer auf der Stute. Erstaunlich: Bei dem Jungen waren die Teilnehmenden meist unentschlossen. 50 Prozent der Befragten teilten ihm deshalb gar kein Pferd zu.

Stuten gelten als dominant, Hengste als schwierig
Zusätzlich sollten die Probanden den Pferden neun Eigenschafts-Paare zuteilen – dabei war jeweils eine positive und eine negative Eigenschafft genannt. Das Ergebnis: Stuten wurden von 74 Prozent als dominant bezeichnet. Gleichzeitig gaben 93 Prozent an, dass Stuten sicher, willig, gut trainierbar seien und eine positive Grundhaltung hätten. Hengste schnitten dagegen sehr unterschiedlich ab: 82 Prozent hielten sie für schwierig, 95 Prozent dabei aber für gut trainierbar. Die meisten positiven Eigenschaften bekam der „Gentleman“, der Wallach: Er gilt als ruhig, gut trainierbar und zuverlässig.
Dazu sollten die Probanden den Pferden jeweils eine Sportart zuteilen – entweder Springen, Dressur oder Wanderreiten. Wallache wurden dabei besonders häufig für das Wanderreiten bevorzugt (71,8 Prozent). Bei der Dressur wurden Hengste mit 42,1 Prozent und Wallache mit 42,6 Prozent fast gleichgesetzt. Beim Springen wurden wieder die Wallache mit 50,7 Prozent bevorzugt.
Wallache werden im Reitsport bevorzugt
„Die Ergebnisse zeigen, dass Wallache insgesamt besonders vorteilhaft beurteilt werden und diese im Allgemeinen im Reitsport bevorzugt werden“, so die Forscher. „Die Ergebnisse für Stuten sind schon weniger eindeutig – und jene für Hengste besonders widersprüchlich.“ Die Ergebnisse deuten insgesamt darauf hin, dass Reiter stark vorgefasste Vorstellungen haben, die ausschließlich auf dem Geschlecht des Pferdes basieren.
Das könnte, so die Forscher, „tiefgreifende Konsequenzen für das Training und das Wohlbefinden haben, denn wenn wir Pferde als schwierig, gefährlich, oder als dominant betrachten, dann werden wir sie wahrscheinlich anders behandeln als solche, die wir als ruhig, zuverlässig und einfach einschätzen.“

Eine weitere Studie sollte zeigen, ob diese Vermutung zutrifft: Ein Team aus australischen und neuseeländischen Forschern entwickelten dafür einen Test mit 151 Fragen an Pferdebesitzer. Dabei ging es vor allem um ein problematisches oder schwieriges Verhalten der Pferde. Da nur sehr wenige der teilnehmenden Pferdebesitzer Hengste hatten, wurden ihre Aussagen nicht gewertet.
Stuten sind keine Zicken, lassen sich aber schwerer einfangen
Das erstaunliche Ergebnis: Zwischen Stuten und Wallachen gibt es im tatsächlichen Zusammenleben mit Menschen kaum wesentliche Unterschiede. Lediglich bei drei Verhaltensweisen entdeckten die Forscher Interessantes: Wallache kauen gerne auf Dingen herum. Bei Stricken, mit denen sie angebunden sind, ist die Wahrscheinlichkeit 20 Prozent höher. Und bei Decken ist sie zwölf Prozent höher. Stuten lassen sich dagegen schwerer einfangen: Die Wahrscheinlichkeit, dass sie vom Menschen weggehen, ist um zehn Prozent erhöht.
Die Erklärung dafür fanden die Forscher in der freien Wildbahn: Stutenherden werden laut den Forschern vom Hengst zusammengehalten. Entsprechend reagieren sie auf in ihren Augen treibende Reize, die der Mensch beim Einfangen aussendet. Bei Wallachen finden die Forscher die Erklärung in Verhaltens-Studien: Danach beißen sich Hengst-Fohlen im Spiel öfter. Das könnte ein Grund sein, warum Wallache gerne Dinge zwischen die Zähne nehmen – als Teil ihres Erkundungsverhaltens.
Trotzdem wollen die Forscher auf die Vorteile der Reiter gegenüber Stuten und Wallachen aufmerksam machen. „Vorgefasste Vorstellungen über Stuten können auch die Wahrscheinlichkeit von energischeren Trainingsmethoden und Bestrafungsmethoden erhöhen, wenn sie als weniger wünschenswert wahrgenommen werden“, so die Wissenschaftler.








