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Stallgeschichten: Die Sache mit den Bahnfiguren

Anke Rottmann by Anke Rottmann
9. August 2019

Auch die Outdoor-Saison hat so ihre Tücken: Wenn man aufs Dressur-Viereck geht und dort all die Reiter wieder trifft, die es bei den Bahnfiguren nicht so ganz genau nehmen…

Nein, ich bin keine Meisterin der Bahnfiguren. Wenn ich einen Zirkel reite, kommentiert meine Reitlehrerin das gerne mal mit den Worten „es soll ein Kreis sein, kein Osterei!“ Und bei dem Kommando „eine einfache Schlangenlinie, 8 Meter“ wünsche ich mir jedes Mal einen Zollstock auf dem Platz.

Aber ich kenne die grobe Richtung und halte mich für eine relativ berechenbare Reiterin. Ich versuche keine Vollbremsung aus dem starken Galopp und auch meine Richtungswechsel sind meistens klar erkennbar.

Und dieses Grundwissen ist gar nicht schlecht, wie ich gerade erst wieder festgestellt habe. Ort der Erkenntnis: unser Dressurviereck. Es ist nicht riesig, aber in der richtigen Konstellation können wir uns dort mit zehn Pferden noch gut bewegen. Doch dann reicht wieder ein einziger Stall-Kollege und nichts geht mehr!

Rappe auf Reitplatz

In meinem Fall war es Ulf, ein wirklich netter Mann, beruflich als Anwalt sehr erfolgreich – vor allem durch seine Eigenwilligkeit. Eine Eigenschaft, die er auch als Reiter leider nicht ablegt. Und das macht jeden Ritt auf dem Dressurviereck, wenn er anwesend ist, zum Abenteuer!

Im starken Trab stürmte er das Viereck

Wir waren zu viert auf dem Viereck, als er auf seinem „Gigo“ gemütliche Runden ums Haus drehte. Nachdem er zum dritten Mal ans uns vorbeigeritten war, hatte es Lina plötzlich sehr eilig. Eben trainierte sie noch Übergänge, jetzt warf sie die Zügel auf den Hals ihrer Stute, murmelte „das reicht dann für heute“ und verließ uns mit einem fröhlichen „viel Spaß noch“-Ruf.

Sekunden später ahnte ich, warum sie so schnell verschwunden war: Ulf stürmte mit „Gigo“ das Viereck – im starken Trab. Dass er dabei fast Mia auf ihrem Wallach umgeritten hätte, war ihm völlig egal.

„Du kannst doch reiten, dann kannst du ausweichen“, so seine Meinung. „Das trainiert die äußeren Hilfen!“ Schnaubend verließ auch Mia das Viereck. Da waren wir nur noch drei…

Pferd guckt sich um

Angaloppieren – und dann direkt in die Pirouette

Und ich lernte in den nächsten Minuten die Sache mit den Bahnfiguren. Genauer: Dass es von Vorteil ist, wenn alle die gleichen Bahnfiguren meinen. Ulf legt sie eher kreativ aus, wie ich direkt merkte. Als ich hinter ihm ritt, schwankte er zwischen dem ersten und dem fünften Hufschlag, ganz konzentriert im versammelten Trab.

Ich wollte im Galopp innen vorbei, doch ich hatte die Rechnung ohne Ulf gemacht. Ohne Vorwarnung galoppierte auch er an und ging direkt in eine Pirouette. Dass meine Zauberstute und ich nicht auf ihm standen, war mehr Glück als Verstand. Jenny, die das sah, verließ direkt das Viereck. Da waren wir nur noch zwei…

Ich dagegen war optimistisch und sicher, dass Ulf sein Chaos-Pulver verschossen hatte. Ich hatte mich geirrt. Seine Dressurarbeit begann erst – und die ist eben wie er, eigenwillig.

Vom starken Galopp durchparieren in eine Schrittpirouette, daraus im starken Trab durch die viertel Bahn wechseln (eine Ulf-Figur, die ich an dem Tag lernte), angaloppieren und einfach mal gucken, ob nicht auch fünf Schlangenlinien passen – das schaffte er in einer Minute.

Mein Versuch, mich auf einem Zirkel in Sicherheit zu bringen, misslang. Mit Tempo galoppierte er stur auf mich zu. Okay, hier half nur eins: Flucht!

Ein Prosecco als Strafe

Pferd mit Sattel und Trense

Auf der Stallgasse traf ich Mia, Lina und Jenny wieder, die sich über Ulf ausließen. „Mit ihm kann man nicht reiten“, schimpfte Lina. „Er ist lebensgefährlich“, erklärte Jenny entrüstet. „Er versteht uns einfach nicht“, waren wir uns einig.

Und schmiedeten einen Plan. Als Ulf fertig war, passten wir ihn ab und baten ihn um einen beruflichen Rat. „Wenn jemand mich absichtlich in Gefahr bringt – kann ich mich dann wehren?“, fragte Mia ihn mit treuem Blick. „Selbstverständlich“, erklärte Ulf sofort und hielt uns dann einen juristischen Vortrag über Vorsatz, Körperverletzung, Nötigung und vieles mehr.

„Und wenn das auf dem Reitplatz passiert?“, fragte Jenny nun. „Dann gilt das auch“, kam die prompte Antwort von Ulf. Wir nickten – und fingen an, sein Sündenregister aufzuzählen.

Ulfs Augen wurden immer größer, dann fing er an zu lachen. „Da habt ihr mich ja gut ausgetrickst! Jetzt kann ich nur hoffen, dass ihr euch auf einen Deal einlasst…“

Er bot eine Flasche Prosecco, wir akzeptierten. „Aber nur, wenn du ab jetzt wenigstens ein bisschen die Bahnregeln beachtest!“ Er nickte. „Ist wohl sicherer“, murmelte er. Dafür bestand er darauf, dass er als Strafe auch den Prosecco mit uns trinken musste. So ist er, eigenwillig eben…

Tags: DressurreitenFreizeitreitenStallgeschichten

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