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Zwei Schwestern holen Südamerika ins Sauerland – mit einer Criollo-Zucht

Anke Rottmann by Anke Rottmann
28. September 2024
Foto: Privat

Foto: Privat

Die Pferdeliebe wurde ihnen in die Wiege gelegt, schon ihr Vater züchtete Pferde. Und doch gehen die Schwestern Inés Ricke und Kerstin Bäcker ihren ganz eigenen Weg: Sie holen ein Stück Südamerika ins Sauerland. Wir haben mit ihnen über ihre Liebe zur Pferderasse Criollo gesprochen…

Pferde? „Sie liegen uns im Blut, sind in unserer DNA“, sagen Ines Ricke (30) und Kerstin Bäcker (36) lachend. Kein Wunder: Pferde gab es immer in ihrem Leben. Die beiden sind auf einem Hof in Medebach im Hochsauerlandkreis aufgewachsen. „Früher haben die Pferde bei der Arbeit auf dem Acker geholfen. Unser Vater hat mit einem rheinisch-deutschen Kaltblut im Wald Holz gerückt“, erzählen sie. Da hatte die Familie auch Kühe. „Vor 30 Jahren hat mein Vater dann entschieden, dass wir die Kühe weggeben.“

Die Pferde blieben. Und wurden sogar mehr. „Er hatte eine kleine Zucht Warmblüter.“ So entstand ihre ganz besondere Beziehung zu Pferden. „Wenn ein Fohlen kam, wurden wir geweckt und liefen im Schlafanzug direkt in den Stall.“ Und auch sonst waren sie ständig bei den Pferden. „Wir sind geritten, Kutsche gefahren und im Winter haben sie unseren Schlitten gezogen.“

Foto: Privat

Deutsche Rassen? Wollten die Schwestern nicht…

Kein Wunder also, dass die Schwestern eigene Pferde wollten. „Aber keine Warmblüter. Sie waren uns zu groß fürs Gelände. Wir wollten ein bisschen kleinere, kompaktere Pferde.“ Also schauten sie sich nach einer anderen Rasse um. Aber was sie auch sahen – nichts überzeugte sie. „Die deutschen Rassen sind für uns eher verzüchtet. Es ist oft zu viel Araberblut drin. Und viele Rassen sind gesundheitlich auffällig. Das alles wollten wir nicht.“

Durch Zufall hörten sie von der südamerikanischen Pferderasse Criollo. Doch die Rasse gibt es kaum in Deutschland. „Trotzdem blieben sie im Kopf. Und irgendwie kamen wir immer wieder auf die Criollos zurück.“ 2016 waren sie dann zum ersten Mal bei einer Criollo-Zuchtschau. „Da sprang der Funke endgültig über.“ Was sie an der Rasse begeistert? „Alles“, sagen sie lachend. „Sie sind gesund gezüchtet, absolut robust.“

Foto: Privat

Zwei Criollo-Stuten für die eigene Zucht

Doch bis der erste Criollo zu ihnen kam, dauerte es noch. Denn die Schwestern waren sich einig: Wenn, dann wollen sie ihre Pferde nicht nur als tierische Begleiter – sie wollen auch mit ihnen züchten. 2019 gingen sie dann zu einer Züchterin, zwei Jahre später standen die ersten beiden Stuten auf ihrem Hof: La Presencia la Venja, kurz: Venja, und La Presencia la Belleza Oscura, kurz: Bella. Die beiden sind auf den Tag genau ein Jahr auseinander geboren. Dazu haben sie noch einen Mestizio, also kein reinrassiger Criollo: La Amanecida el Ravel – genannt: Ouzo. „Er ist unser Reitpferd, unser absoluter Verlasspartner.“

Seitdem die Criollos bei ihnen sind, kommen Ricke und Bäcker aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. „Es ist unglaublich, wie klar sie im Kopf sind. Als hätten sie einen An- und Ausschalter. Sie haben ein natürliches Go und wenn wir reiten oder mit ihnen arbeiten, dann haben sie Temperament. Aber kaum steigen wir ab und hören auf, sind sie sofort total entspannt.“ Die Schwestern lachen: „Es ist wirklich so: Einmal Criollo, immer Criollo. Sie machen süchtig.“

Foto: Privat

Criollo: Extrem vielseitig und sehr ausdauernd

Das haben sie auch auf der „Fiesta Criollo“ gespürt, die sie gerade besucht haben: „Dort haben wir wieder gesehen, wie bunt die Pferde sind. Manche Gauchos kennen über 600 verschiedene Farbbezeichnungen. Und jedes Mensch-Pferd-Paar war ein echtes Team.“ Und das in jedem Bereich. „Die Rasse ist extrem vielseitig. Sie springen, gehen Dressur, sind perfekte Freizeitpferde. Auch als Polopferde sind sie toll.“

Berühmt wurden sie aber in einer anderen Disziplin. Und Schuld hat ausgerechnet ein Schweizer: Professor Aimé Félix Tschiffely. Eigentlich war er Englischlehrer, doch viel lieber wollte er Abenteuer erleben. Und da er die Criollos liebte, beschloss er: „Ich beweise, dass diese Pferde die ausdauerndsten der Welt sind“.

Sein Plan: Ein 10.000 Meilen-Ritt von Süd- nach Nordamerika. Er bekam zwei Criollos geschenkt: Mancha (der Gefleckte) und Gato (Katze). Die Tiere waren damals bereits 15 und 16 Jahre alt. Kein Wunder also, dass viele Leute Tschiffely als Spinner abtaten und seinen Ritt für absurd hielten. Doch er ließ sich nicht abbringen.

Foto: Privat

Und so ritt er über drei Jahre lang durch Wüsten und Sümpfe, kämpfte mit Hitze, Kälte und Revolutionären. In Mexiko wurde er vom Heer eskortiert, damit er sicher durchs Land kam. Der Ritt machte Tschiffely berühmt – und mit ihm die Criollos. Per Schiff kehrte Tschiffely mit den Pferden nach Buenos Aires zurück. Die Pferde reisten dabei als Gäste des Besitzers der Dampfschiffgesellschaft. Nach dem Ritt lebten sie noch fast zwanzig Jahre.

Ihre Pferde „arbeiten“ für den Natur- und Artenschutz

Was Criollos noch auszeichnet: Durch ihr Leben in der Pampa sind sie sehr trittsicher. Und das zeigen sie auch im Sauerland. „Unser Gelände ist nicht einfach, wir haben viele Steilhänge und Gehölzstellen. Unsere Weideflächen sind in Vogelschutz – und Naturschutzgebieten.“ Deshalb haben die Criollos auch eine wichtige Aufgabe: Sie sind für den für den Natur- und Artenschutz zuständig. „Zusammen mit unseren Zwerg-Zebus in Wechselbeweidung halten sie die Weiden kurz und schützen diese vor zu starker Verbuschung“, so Ricke und Bäcker.

Foto: Privat

Der Wald ist ihr Trainingsgelände

Dazu haben die Hänge noch einen Vorteil: Sie sind ein natürliches Training für Muskeln und den Bewegungsapparat. „Dazu müssen die Pferde an den Hängen die Balance finden. Wir hatten über den Sommer eine Westfalenstute mit physischen Einschränkungen hier. In den Monaten bei uns hat sich ihre Muskulatur ganz natürlich regeneriert.“

Der Hof der Schwestern ist für die Pferde ein kleines Paradies. Rund acht Hektar Grünland haben sie, davon sind fünf Hektar Heuwiesen, auf denen sie ihr eigenes Heu machen. „Der Rest ist Weideland. Dort haben wir einen natürlichen Bachlauf, einen Waldtrail und verschiedene Böden.“ Zu ihrem Hof gehört noch ein Stall und ein Wohnhaus. Eine Reithalle? Brauchen die Schwestern nicht. „Der Wald ist unser Trainingsgelände. Dort üben wir auch unsere Lektionen.“ Bäcker lacht: „Ich habe meine Stute im Wald eingeritten.“

Criollo mit naturnaher Aufzucht

Dieser bewusste Umgang mit der Natur liegt ihnen am Herzen: „Wir machen alles mit dem Holz aus unserem Wald. Jedes Gebäude, jedes Stück Zaun ist aus eigener Fichte oder Lerche von uns.“ Und auch bei den Pferden wollen sie es so natürlich wie möglich. „Wir bieten eine naturnahe Aufzucht“, sagen sie. Das heißt für sie aber auch: Sie wollen eine kleine, feine Zucht, keinen größeren Betrieb. „Bei uns sollen kleinere Herden leben, damit die Flächen ordentlich wachsen können.“

Foto: Privat

Dazu nehmen sie auch Jungpferde auf. „Sie leben in der Herde und werden von den Criollos erzogen.“ Denn das können sie besonders gut. „Sie sind im Herdenverband aufgewachsen, sind sehr sensibel. Ihr Wissen und auch ihre Ruhe geben sie weiter.“ Das alles ist natürlich viel Arbeit. „Es ist ein Familien-Business“, sagen die Schwestern. „Alle packen mit an.“

Criollos sind Herzenspferde

Bis ihr erstes eigenes Fohlen über ihre Weiden tobt, wird es noch etwas dauern. „Venja und Bella sollen erst eingeritten sein. Wir möchten ihr Wesen und ihren Charakter richtig kennen und einschätzen, bevor man dann den Hengst für die Zucht aussucht. Dabei achten wir darauf, dass der Hengst genau zu der jeweiligen Stute passt.“ Die Schwestern sind Mitglieder beim „Criollo Reit- & Zuchtverein Deutschland e. V.“. Wenn das erste Fohlen da ist, werden sie dort auch als Gestüt erfasst. Das ist ihnen ganz wichtig. „Dort sind alle seriösen Züchter gelistet.“ Und dort können Interessenten auch ihren Criollo fürs Leben finden. Dass es so ist, davon sind die Schwestern überzeugt: „Criollos sind mehr als Partner auf vier Hufen. Sie sind Herzenspferde!“

Tags: CriolloPferdezuchtsüdamerikanische Pferde

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