Bee: Galopprennen & Schrittspaziergang

Bee war also eingeritten. Ich habe Ausritte gemacht, Spring- und Dressurtrainings. Geländeübungen an der Hand und erste Hoppser im Sattel. Ich war das glücklichste Pferdemädchen weit und breit. Ich glaub, ich hab sogar geglitzert. Einhörner? Ist ja ganz schnuckelig – aber ICH hab die Bee!

Im Herbst wurde die Galopprennbahn in Frankfurt am Main wieder für Vereine geöffnet.

In meinem Dressurstall sind die Mädels plötzlich ganz wuschig geworden. Auf der Rennbahn reiten, das wär doch mal was.

Ich hab gesagt: viel Spaß, Bee ist dafür noch zu klein! Die soll (noch) nicht Full Speed galoppieren und für einen Schaukelgalopp fahr ich doch auf keine Rennbahn. (Sinnlos!) Außerdem bockt die mich vermutlich sowieso runter.

Jetzt müsst ihr euch vorstellen, da sind ganz liebe Reiterinnen, die vorrangig in der Reithalle ihre Gymnastik trainieren. Mädchen, die anfangen hektisch zu quieken, wenn man von Ausritten (MIT Galopp) schwärmt. Ganz große Augen bekommen, wenn man über feste Hindernisse springt. Galoppieren in der Gruppe eigentlich schon mit Bungee-Jumping vergleichen würden.

Die wollen dann plötzlich auf die Rennbahn. Mal schnell galoppieren. Da, wo die Pferde ja nicht weg können und keine Löcher im Boden sind.

Aber – die lassen dann auch nicht locker. Komm mit Bee mit! Das wird so toll! Das wird so lustig! ...hat mich alles ziemlich kalt gelassen. ...aber dann kam doch noch ein Argument, das mich umstimmte. „Vielleicht ist es die letzte Möglichkeit, auf der Rennbahn zu reiten!“

Ich bin in Frankfurt am Main geboren und aufgewachsen. Meine Familie hat mit „Ponyhof“ nicht so viel am Hut. Also wir hatten einen tollen Garten hinterm Haus und als Kind durfte ich ein Kaninchen halten. Mit 6 Jahren hab ich den Hasen dann getauft. Sein Name war „Pegasus“. Da muss man jetzt nicht mehr viel zu sagen... Das war für uns Stadtkinder auf jeden Fall genug Bauernhof.

Manchmal kam die Polizeistaffel an unserem Haus vorbei. Egal, womit ich beschäftigt war, wenn ich die Hufe auf dem Asphalt hörte, rannte ich ans Fenster, guckte und verdreht mich so lange, bis auch kein Schweifzipfel mehr zu sehen war.

Noch mehr Pferde gab es in Frankfurt nur auf der Rennbahn. Was ein Erlebnis! Ich habe mich als Kind ja eigentlich zu 100% für die Pferde interessiert, fand das Beobachten im Führring fast spannender als die Rennen an sich. „Schau mal Schatz, das graue Pferd ist doch toll, meinst Du, es gewinnt?“ „Mama das ist ein Schimmel!“ (vor Empörung über ihr Unwissen natürlich höchst theatralisch die Augen verdreht...)

Später, als ich mir die Wettscheine selbst kaufen konnte, habe ich die ganze Atmosphäre auf so einer Rennbahn völlig anders wahrgenommen. Die Hektik an den Wettschaltern und das wahrhaftige Mitfiebern vor der Ziellinie wenn der „Graue“ nochmal aufholt... man muss es erlebt haben. Man muss es auch selbst ausprobieren, laut rufend, sich mitreißen lassen, wenn diese für das Rennen geborenen Tiere ihr Bestes geben.

 

Noch später ritt ich eine kurze Zeit lang die echten Galoppiermaschinen. Ein Runde im Training, morgens 6 Uhr mit den Jockeys. Jackomo durfte damals auch mal mit, da war das noch nichts Offizielles mit Nicht-Rennpferden dort zu reiten. Die Rennbahn, ein überdimensionaler Park mitten zwischen den Straßen der Großstadt. Man reitet dort ein Pferd, das auch nach Pferd riecht. Aber man sieht die Skyline und man hört die beginnende Rush-Hour. Es ist, als hätte man ein Geheimnis bei sich, wenn man das Rennbahngelände verlässt. Nach dem Ritt in den Großstadtalltag eintauchen – niemand ahnt, was man schon Fantastisches erlebt hat.

Ich denke gern daran zurück. Aber kommen wir zu der Geschichte, die ich eigentlich erzählen wollte, was in diesem Herbst passierte...

Die Rennbahn sollte zu diesem Zeitpunkt bereits dem Erdboden gleich gemacht werden. Oder besser gesagt – dem Fußballrasen. Denn der DFB wollte sich diese Fläche unter den Nagel reißen. Damals zog also das angewendete Argument „das ist vielleicht die letzte Chance“ sehr gut. Somit machten wir einige Tage später einen Ausflug.

Im großen Pulk sind wir zum Aufwärmen einmal drum herum, dann galoppierten alle bis auf einen großen Dressurwallach ziemlich zügig los. Ich hab Bee zurück gehalten, hatte ich ja doch Respekt vor eine Buckelattacke. Dankbar benutzte ich den Popo von Dressurwallach als Sichtschutz und Bee verhielt sich vorbildlich. Also fasste ich Mut und rief meiner Dressurfreundin zu: „Wollen wir auch Gas geben?“ Sie schaut mich verdutzt an und meinte: „Der kann nicht schneller!“
Herrlich, das nennt man also „In Schönheit sterben“!

Also lenkte ich Bee aus dem Windschatten und lies sie einfach laufen. Oh meine Güte war das herrlich! Dieses kleine Pferd hat ihren Job sehr ernst genommen und sogar noch einen Teil der anderen wieder eingeholt. Wir haben so viel Spaß gehabt und so viel gelacht! Das Freizeitpferd, welches sonst kaum zu bremsen ist, hat sich schüchtern hinter den Kollegen versteckt, der 1. Dressurwallach war immer noch bei Frankfurts Next Topmodel am hinterher galöppeln, der 2. Dressurwallach hat all seine Dressurausbildung vergessen und donnerte wie entfesselt über den Sand, das Springpferd zog Runde um Runde an den Zuschauern vorbei, das ziemlich verrückte Dressurpferd war gar nicht so verrückt, das gut erzogene  Pony hatte jede Menge Unsinn im Kopf und am Ende waren alle mit einem Dauergrinsen auf dem Heimweg. Inklusive mir. Bee war so artig, der Galopp war so toll, so schnell – einfach perfekt.

Am kommenden Tag war nichts mehr perfekt.

Beide Vorderbeine von Bee deutlich geschwollen. Eindeutig zu viel Belastung.  Dann kam die Diagnose: Rechtes Bein: Schaden am Unterstützungsband, erkennbar ein alter verheilter Fesselträgerschaden. Linkes Bein ist besser aber die oberflächliche Beugesehne ist nicht ganz ideal.

Wie eine Wand, die plötzlich vor einem steht. Meine ganzen schönen Zukunftsträume galoppierten auf einem (gesunden) Pferd an mir vorbei und schnell waren sie am Horizont verschwunden. Zurück blieb ich mit Bee. Ich bin schon einigermaßen in ein Loch gefallen. Aber das hab ich Bee natürlich nicht so gezeigt. Ich sah die komplette Schuld bei mir. Ich hätte hätte Fahrradkette... ich hab aber. Und Bee war jetzt verletzt. Meine Interessen waren egal, sie musste wieder fit werden. Also machten wir alles nach Plan, erst Stehpause und dann spazierte und spazierte ich. Der Heilungsverlauf war sehr gut, also durfte sie auch wieder auf einen kleinen Paddock. Ich begann vorsichtig ein bisschen mehr zu machen und durfte auch wieder reiten. Das war eigentlich dann wie ein 2. Mal einreiten, aber jetzt wussten wir ja schon, wie das gehen kann.

Doch bevor es richtig losging, bemerkte ich eines Tages wieder eine Schwellung. Es waren 7 Monate seit der Rennbahn vergangen.  Hysterisch habe ich sofort einen Ultraschall machen lassen. Ergebnis: Sehnenschaden am linken Vorderbein (Oberflächliche Beugesehne).

Wenn ich vorher in ein Loch gefallen war, war das hier nun eine Schlucht. Ein Abgrund. Diesmal war nicht „ich schuld“. Bee hatte bereits wieder einen gewissen Trainingszustand und einen stinknormalen Pferdealltag. Keine außergewöhnliche Belastung.

 Sie hält nicht, sie hält nicht... ich werde niemals mit ihr im Gelände über Hindernisse springen. Das Pferd ist einfach nicht geeignet. Was mach ich nur, was mach ich nur? Bee ist mein Traumpferd – aber mein Traum beinhaltet auch über Wiesen und durch Wälder zu galoppieren. Es gibt genug Leute, die sich am Hallenreiten und Schrittausritten vergnügen, aber das ist für mich wie Pommes ohne Majo. Trocken und Fad. Es soll nicht sein mit uns. Ob ich sie verkaufen kann? KANN ich das? MUSS ich das? Soll ich mir dann ein 3. Pferd kaufen, damit ich eins hab, das schnell galoppieren darf???? 

 Nein. Ich gebe Bee nicht auf. Ich raffte mich auf. Ich wollte kein anderes Pferd und entschied mich auch für eine sehr kostspielige Behandlung, weil mein Tierarzt diese empfohlen hatte. Der Doktor war auch der Einzige, der an eine „sportliche Nutzung“ glaubte. Er meinte das könne alles tiptop verheilen und ich solle mir da keine Gedanken machen.

Haha, der hätte genauso gut Komiker auf einer Bühne werden können – nur witzig war das leider nicht. So sehr ich mich bemühte, war es schwer, Optimismus an den Tag zu legen.

 Bee war so lieb beim Führen, da bin ich vom frechen Jackomo etwas ganz anderes gewohnt. Aber sie ging einfach mit spazieren, wie ein Dackel.

So vergingen wieder Wochen und Monate mit Pflegen, Führen, Hoffen, Therapieren – bis auch dieser Schaden als verheilt betitelt wurde.

 Langsam und völlig verunsichert nahm ich etwa 1 Jahr nach der Rennbahn das Training wieder auf. Letzte Tipps vom Tierarzt lauteten: viele verschiedene Böden und im Idealfall jeden Tag ein kontinuierliches Training. Kontinuierlich waren vor allem meine hyperempfindlichen Panikattacken. Minutenlanges Beinuntersuchen waren das absolute Ritual. Wie ein Frosch hockte ich mehr unter als neben ihr und zupfte jedes Haar zur Seite, um keine Veränderung zu verpassen. Ich habe schon gegoogelt, ob man nicht ein gebrauchtes Ultraschallgerät kaufen kann, denn am liebsten hätte ich 2x täglich alles genau untersucht.

 Die Tage, Wochen und Monate vergingen, es kam kein Rückfall mehr. Es dauerte lang und – eigentlich hab ich es bis heute nicht begriffen. Bee ist ein ganz normales Pferd. Mit ganz normalen Sehnen. Jetzt klopfe ich erstmal auf Holz, bin nicht direkt abergläubisch, aber das Risiko wäre mir jetzt einfach zu groß.

Im folgenden Jahr startete ich dann meine erste richtige Turniersaison.

Wie das funktionierte berichte ich in meinem nächsten Blog.

...achja, es war wohl eine ziemlich letzte Chance auf der Rennbahn zu reiten. Nach langen, beeindruckenden Bemühungen, das Gelände zu retten, wird leider alles abgerissen.

 

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Du willst die ganze Geschichte von Momo und Was A Bee erfahren?

Teil 1: Wie eine Biene in den Busch kommt

Teil 2: Das erste Jahr mit Bee

Teil 3: Das zweite Jahr mit Bee

Teil 4: Romantik mit Jungpferd

Teil 5: Pferd, Mensch und Reiter