Bee: Reitschulgeschichten

Bisher ist noch niemand als Profireiter geboren worden. So hat auch Momo ihre ersten Schritte in unserem liebsten Hobby auf dem Rücken zahlreicher genügsamer Reitschulponys gemacht. Dass Ferien auf dem Reiterhof in den 1990ern eher für Hartgesottene waren und warum bei der Vielseitigkeitsreiterin damals dennoch das Pferdevirus blieb, davon erzählt Momo hier:

Wann habt ihr angefangen zu reiten?
Ich war ungefähr 6 Jahre alt, und mein Reiterleben begann mit dem ersten Urlaub auf einem Ponyhof.
Danach folgten viele Urlaube auf vielen Ponyhöfen. Erst nach einigen missglückten Versuchen hatten wir einen Hof gefunden, zu dem ich ein 2. Mal hinwollte. Genau davon möchte ich erzählen – diese ganzen seltsamen Ponyhöfe, zu denen ich nicht wieder wollte. Was war denn damals los? Heute berichte ich von meinen persönlichen Erfahrungen, möglicherweise sind manche Begebenheiten etwas ausgeschmückt, aber im Kern sind es wahre Erlebnisse. Die Fotos sind auch nicht den Geschichten zugeordnet. In Ermangelung an Smartphone und Digitalkamera habe ich in einer staubigen Kiste nicht gerade viele Bilder meiner „jungen Karriere“ gefunden.

 
Eine Reiterin wird geborenSo ging es los mit Momos Reiterleben! Foto: Privat

Die böse Oma und der Reitpark

Der erste Ponyhof führte mich in die Nähe von Braunschweig. Eine ältere Dame (als Kind fand ich sie echt alt aber vielleicht war sie auch nur 45 oder so?) hatte dort ein sehr, sehr großes Haus. Ein breiter Bach neben der Hauswand mit einem richtigen Wasserrad, wie so eine alte Mühle. Das sah beeindruckend aus. Aber bereits 2 Minuten nach der Ankunft war klar: Kein Kind darf in die Nähe des Schaufelrades, weil man da sterben kann. Bombastischer Einstieg, wenn man eine Woche von Mami getrennt ist...

Wo die Pferde gewohnt haben kann ich nicht mehr sagen, aber hinter dem Haus war der Reitpark. Es gab für Anfänger, Fortgeschrittene und Profis unterschiedliche Runden. Ich habe mit so einer Art Führzügelklasse angefangen, andere durften ohne Aufsicht alleine los reiten. Aber es gab strenge Regeln: Es war vorbestimmt, wo welche Gangart geritten wurde und man durfte unter keinen Umständen absteigen. Niemals. Nie. Die Oma hat (meiner Erinnerung nach in einem Schaukelstuhl) auf ihrer Terrasse gesessen und mit dem Fernglas die ganzen Ferienkinder beobachtet.

In dieser überaus abenteuerlichen Woche ist es natürlich vorgefallen, dass die fortgeschrittenen Reiter sich nicht an die Regeln gehalten haben und abgestiegen sind. Gerte verloren oder so. Boah, da war die Oma aber sauer! Vermutlich ist sie abends mit dem Bambusstock auf die Fingerchen losgegangen, aber das ist jetzt reine Spekulation. Aber die Stimmung war komplett im Eimer, das kann ich Euch mit Sicherheit sagen!

Ständerhaltung und Monster Grey

Ein recht großer Hof hatte damals noch Ständerhaltung. Ich kann absolut nicht beurteilen, wie lange die Pferde da angebunden waren und ob sie auf einer Koppel waren. Aber ich erinnere mich noch an ein Pony namens Grey. Die war so unfassbar bösartig, man musste um sein Leben fürchten. Also ich hab mich gefürchtet. Die hat getreten wie bescheuert! Wenn wir Kinder unsere Pferde für die Reitstunde putzen und satteln sollten, musste man sich zu ihnen in den Ständer stellen. Angebunden waren sie ja und somit machte man die eben auch direkt dort fertig. Nur bei Grey kam kein Mensch rein. Ich nicht und auch Erwachsene mit superviel Pferderfahrung (die vermutlich ca. 14/15 waren) nicht. Krasses Pony! Im Endeffekt hab ich dann ein anderes Pony für die Reitstunde bekommen.

Später kam dann die Tochter vom Chef, sie war dick und unsympathisch und erzählte den Ferienkindern, wie viele eigene Pferde sie hat und wie gut sie reiten kann. Toll. Sie hatte auch gar keine Angst vor Grey und sagte: „Wetten, ich kann zu ihr rein?“ Neeee, das glaub ich nicht, weil ja nicht mal die erwachsenen (14/15) Vollprofis da rein kommen! Ich hab meine Wette verloren. Die Dicke hat geschummelt! Sie ist einfach beim Nachbarpferd rein, dann über die Wand geklettert und stand neben Grey. Das war natürlich ein billiger Trick, den das verzogene Gör vermutlich jede Woche mit neuen Kindern wiederholt hat. Ich glaube, ich habe Süßigkeiten bei der Wette verloren. Vielleicht ist das aber auch nur die Ehre gewesen, bin unsicher.

Führstunde

Ich erinnere mich nicht mehr wo, aber in einer Ferienreitschule gab es solche klassischen Abteilungsstunden. Die Pferde und Ponys waren nicht außergewöhnlich, einige schossen auch mal quer durch die Halle oder blieben stehen. Was Schulponys eben so machen.

In einer Reitstunde eskalierte es ein wenig. Aus einem unbekannten Anlass sind mindestens 2 Kids vom Pferd gepurzelt und generell herrschte etwas Durcheinander in der Reithalle. Eines der Mädels fing fürchterlich an zu plärren und hyperventilierte leicht. Der Reitlehrer diagnostizierte nach kurzer optischen Betrachtung aber: Nur der Schreck! Los, wieder rauf! Doch das war undenkbar für Prinzessin Plumps, denn das Pony war nicht mehr vertrauenswürdig. Der Reitlehrer richtete seine Aufmerksamkeit auf Sturzschüler 2 – auch diese fing solidarisch an zu hyperventilieren und wollte nicht mehr aufs Pferd. Zu zweit kann man sich so richtig in Rage wimmern!

Wir anderen wurden schon leicht nervös, ging ja durch das Gejammer auch unsere wertvolle Reitzeit dahin. Wurde nicht nachgeholt, den zur vollen Stunde fing ja die nächste Gruppe an. Also entschied der Reitlehrer kurzerhand: Wenn die Damen nicht mehr reiten möchten, so können sie auch laufen. Die Verbrecherponys hatten ja noch einen weiteren Job zur besagten vollen Stunde zu erledigen. Also war an absatteln und in den Stall stellen nicht zu denken, auch weil die Pferde ja dann für ihr Verhalten noch eine Pause geschenkt bekämen. Nein, das war keine Option. Damit die 2 nicht doof in der Halle rumstehen und den Betrieb stören, mussten sie sich wieder an ihren Platz in der Abteilung einreihen. Weil sie ja aufgrund der spontanen Sattelphobie partout nicht reiten wollten, mussten sie eben führen. In jeder Gangart wohlgemerkt. Beschwert hat sich niemand, aber beim nächsten Sturz haben die Prinzessinnen sich genau überlegt, ob sie mehr Angst vor dem Pferd oder dem Zorn des Reitlehrers haben! Ich hoffe, die 2 sind dem Hobby treu geblieben!

 
Beim Sitz noch Luft nach obenHauptsache, man blieb im Sattel. Foto: Privat

Bambi goes wild

Eine Horde Ferienkinder mit einer Horde Ponys. Ein Ausritt steht an! Die Helme werden über den Schädel gestülpt und die Plastikreitstiefelchen in die Steigbügen gesteckt. Der feine Herr Reitlehrer (der kein Wort mit uns gesprochen hat) steigt in den Sattel eines wunderschönen, dunkelbraunen Pferdes. Bambi. Auch wenn ich damals noch voll das Ponykind war, erinnere ich mich noch sehr gut an die endlos langen Pferdebeine von Bambi! Dieses edle Tier war ganz neu auf dem Hof. Erst am Vortrag eingetroffen.

Die ganzen trottelbraven Ponys mit den trottelbraven Kindern, im Entenmarsch dem eleganten Ross hinterher. Ein paar Kurven, ein bisschen Trab... dann freies Feld. Wie auf einen tonlosen Startschuss ordnet sich der Entenmarsch völlig neu an, ein Rudel, ein Feld, eine Kavallerie dicker Ponys. Angestrengt versuchen „Sternchen“, „Moppel“ und Co dem sprintendem Bambi zu folgen. Taktisch besonders ausgefuchste Ponys werfen ihre Reiter (unnötiger Ballast) ab bevor sie ihren Kugelbauch über die Stoppelfelder tragen.

Ich erinnere mich nicht daran, dass ich in diesem Moment Angst hatte. Aber ich erinnere mich, dass ich es durchaus irritierend fand, von reiterlosen Haflingern überholt zu werden. Aber irgendwann hat der schweigsame Anführer sein Pferd gestoppt und somit bremsten auch die möchtegern-Galopper. Ein kühler Blick vom jungen Mann, Schadensanalyse: Wie viele Kinder sind auf dem Feld verloren gegangen? Dann noch eine gedankliche Notiz: 3 Helme, 2 Gerten und einen Stiefel. Und er reitet davon mit Bambi, zurück dort hin, woher wir in Lichtgeschwindigkeit gekommen sind. Die Ponys, völlig außer Atem und stolz auf ihren Geschwindigkeitsrekord, nehmen erstmal eine Nase voll Gras. Plötzlich will keiner mehr dem Bambi hinterher. Also kehrt Bambi dann zurück mit fehlenden Kindern, Helmen und was sonst noch so eingesammelt wurde und die Truppe reitet entspannt zurück zum Stall.

Kann ja mal vorkommen, so ein unfreiwilliger Galopp. Aber blöd ist es, wenn man dieses Erlebnis an 3 aufeinander folgenden Tagen exakt wiederholt. Ich bin nicht gefallen und war auch nicht so panisch, aber es heulten so viele von den Anderen, dass ich mich in der Situation wirklich nicht wohl gefühlt habe. War ja nur eine Frage der Zeit, bis jemand stirbt. Oder stark blutet. An Tag 3 oder 4 war eine Frau am Ausritt beteiligt. Sie ritt auf einem Schecken neben Bambi und dem Rittmeister her, und die 2 tratschten die ganze Zeit miteinander. Ich dachte schon, der Reitlehrer sei stumm oder zumindest extrem wortkarg. Aber es lag wohl nur daran, dass er sich mit uns Kindern nicht unterhalten wollte. Vielleicht mag er keine Kinder. (Gefangen im falschen Job?)
Bei diesem Ritt zumindest machte Bambi was er oder sie immer tat: die langen Beine strecken und Vollgas über den ersten Acker. Alle Ponys (inzwischen schon besser konditioniert) hinterher. Nur Frau Schnatterschnabel mit dem Schecken nicht, die ritten in eine ganz andere Richtung.

Hinterher, auf dem Heimweg kam sie wieder zu uns und lachte und kicherte, warum niemand von uns ihr hinterher geritten wäre. Ihr Pferd wäre ja so brav und gut erzogen, das sei der Grund warum sie mitgekommen ist. Damit wir mit ihr reiten, wenn Bambi wieder eskaliert. Aber wir wären ja alle blind dem Reitlehrer nachgeritten. Weil es uns vermutlich Spaß mache, oder wir den Reitlehrer so toll finden, oder weil wir einfach doof sind… Mir war damals noch nicht klar, wie unsympathisch Reiter sein können. Wir sind vorzeitig abgereist.

Der Islandhof

Nach dem Erlebnis mit Bambi war die Definition „Großes Pferd = gefährliches Pferd“ in meinem Hirn verankert. Und Galopp war auch nicht so cool. Daher kam bei der nächsten Wahl das Gestüt im Wald mit lauter Islandponys als Ausflugsziel in Frage. Keine Massenabfertigung, keine Reithalle, keine unsympathischen Reiter. Hier führte zwar auch ein junger Mann die Ausritte (er war vielleicht 16), aber der war total süß, hatte wunderbare Haare und ein extrem charmantes Lächeln. Natürlich bin ich ihm hinterher geritten! Aufgrund der bisherigen Erfahrungen war ich aber nicht gerade der Vollprofi für lange Gruppenausritte, brauchte zuerst wieder Vertrauen. Manchmal gab es nicht genug Sättel oder Trensen, da bin ich zum ersten Mal in meinem Leben ohne Sattel und nur mit einem Halfter geritten. Also, so richtig in allen Gangarten, im Wald, ohne jemanden, der mich führt. Nur der süße Junge und ich. Mein braunes Stütchen war schon etwas älter und dementsprechend unschlagbar brav. Hier habe ich meine Liebe zu Isländern entfacht und den Mut zum (langsamen) Galoppieren wiedergefunden. Obwohl es mir hier gefallen hat, war ich glaube ich nicht öfter dort, oder maximal 2 Mal. Vielleicht war es zu weit weg? Kann ich nicht mehr sagen.

 
Momo gehört schon zu den GroßenIn diesem Alter gehörte man definitiv schon zu den coolen Großen. Foto: Privat

Ponyrennen

Ich war ungefähr 12 und hatte ja schon alles erlebt. Durchgehende Pferde, süße Reitlehrerjungs und Reiten ohne Sattel und Trense! Mein Selbstbewusstsein war wieder normalisiert und ich kam in die Gruppe der Fortgeschrittenen. („Bist Du schon mal galoppiert?“ – „Äh, ja.“ - „Gut, dann bist Du fortgeschritten.“) Auf einem Ponyhof, den ich mit meiner Freundin besuchte (gefühlt ja schon keine Kinder mehr, sondern Teenager!) waren wir die Vollprofis!

Es machte sehr viel Spaß und als Highlight stand zum Ende der Woche die „Jagd auf den Fuchsschwanz“ an. Nach einem normalen Ausritt wurde auf einer langen Koppel ein Rennen veranstaltet. Alle stellen sich in einer Reihe auf, mit einem kleinen Vorsprung reitet die Gruppenführerin los und alle hinterher – ihr den Fuchsschwanz abjagen. Plötzlich fühlte ich mich doch sehr an Bambi erinnert und mein Selbstbewusstsein war wieder etwas geschrumpft. Würden gleich alle von ihren Ponys fallen?

UND LOOOOOS! Alles startete durch. Ich nicht so wirklich. Wollte ja nicht wirklich. Hatte auch kein so schnelles Pferd. Nachdem alle so richtig in Fahrt waren, bremste eine. Der Fuchs. Sie lachte sich kaputt, dass alle Kids mit ihren Pferdchen an ihr vorbei schossen und keine Chance hatten zu bremsen. Dann kam ich im Trab. Brrrrr. Anhalten. Fuchsschwanz nehmen. Gewonnen. Keiner hats gesehen, die Anderen waren schon am Ende der Koppel! Mein erster Sieg zu Pferd! :D

 
Mit Helm und GummistiefelnModisch immer ganz vorne mit dabei! Der Helm fehlt natürlich nie! Foto: Privat

Wir haben damals, als es noch kein Internet im Haushalt gegeben hat, die Reiterhöfe in der Zeitschrift gesucht. Es war die Wendy! Knaller, oder? Die Wendy hatte ich natürlich abonniert und es gab immer Anzeigen von Ponyhöfen.

Heute wäre es viel einfacher, Fotos auf Internetseiten und vermutlich etliche Rezensionen, Forenbeiträge oder Meinungen in Gästebüchern zu finden. Damals war es immer ein wenig die „Katze im Sack“: Was gibt es für Ponys? Wie sehen die Zimmer aus? Ist der Reitlehrer nett? Aber da es normal war, hat es niemanden gestört. Irgendwie haben wir sogar alles ohne Navi gefunden!

Wenn ich darüber nachdenke, wie viele Anwälte die Betreiber heute am Hals hätten, wie viele Kinder heulen würden bis der Arzt kommt und wie viele Psychiater ihr Geld an den Wendys mit Posttraumatischem Durchgehsyndrom verdienen würden... Nicht zu vergessen: Reitkappen waren so stoßabwehrend wie ein Pappkarton, Sicherheitswesten trug man nur im Rettungsboot und „ohne Sattel“ ist schon rein versicherungstechnisch nicht mehr zu machen.

Klar war das doof mit den durchgehenden Ponys, klar war das doof mit Ponys, die traten wie Hund oder buckeln bis mal fällt... aber ich bin froh. Froh, nicht gelernt zu haben, dass Pferde wie Maschinen sind, die stets brav funktionieren. Froh, den Respekt vor dem Tier und den Respekt vor dem Reitlehrer gelernt zu haben, egal, wie viel er spricht und wie sympathisch er ist. Froh, dass ich lernen durfte, wie es sich anfühlt zu scheitern und dann weiter zu machen. Das einem Erfolg nicht in den Schoß fällt und manchmal die gewinnen, die nicht die Besten waren – und man manchmal auch der Gewinner ist, obwohl man nie vorne war. Ich glaube Ponyhof 2019 ist irgendwie anders. Entweder wird da nur noch geheult oder es werden keine Abenteuer mehr erlebt.

Aber natürlich wäre ich als Mutter auch nicht begeistert von diesen damaligen Helmen, von Bambi, nicht einmal von dem Kerl mit dem schönen Lächeln! Aber hey, 2019 bin ich Vielseitigkeitsreiter. Also meine Mutter hatte es mit mir wohl noch nie leicht – aber sie hat ein glückliches Kind.

 

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