Bee: Rocker und Reiter

Momo fragt sich: Wie ist das eigentlich mit den Vorurteilen gegenüber Reitern? Oder ist es eher ein Reiter-Knigge, der beachtet werden muss, um in der Ponywelt zurechtzukommen?

Innerhalb der Hobbyisten, äh, sorry, Profis der Pferdebranche, muss man wissen...

Dressurreiter sind zickig, ängstlich, und vertreten die Meinung „Hauptsache, es glitzert“. Springreiter verzichten auf Trab, feiern wilde Partys und verfolgen das Ziel „nur wer raucht und trinkt und trotzdem springt, ist ein echter Reiter“ – oder so in der Art. Vielseitigkeitsreiter sind lebensmüde, grundsätzlich super sportlich und pochen stets auf „Königsdisziplin und We-Are-Family“ (dabei können die eigentlich nix richtig und machen deswegen alles ein bisschen!). Westernreiter rauchen Marlboro, reiten ihre Fohlen ein und üben den ganzen Tag Sliding Stops – aber Western ist ja eh keine Kunst, ist ja alles voll einfach. Auch die Freizeitreiter dürfen nicht machen, was sie wollen, hier werden auf jeden Fall Seile geschüttelt, übergewichtige Pferde in Offenställen gemästet und  übergewichtige Hintern in Baumlos-Sättel gebettet. Pflicht ist auch der „Anti-Rollkur!“-Sticker auf dem Auto oder im Facebook-Profilbild!

Da muss ich Euch ja nichts erzählen. Das sind ganz hart recherchierte Fakten. Aber wie stehen Reiter unter Nicht-Reitern da? Darüber durfte ich erst kürzlich mehr erfahren.

 
Das Geburtstagskind on TourHeike und Jackomo Foto: Privat

Na, dann herzlichen Glückwunsch

Die Geschichte beginnt etwas skurril. Um nicht zu sagen – frech, dreist und leicht verwirrt. Jeder kennt die WhatsApp-Gruppen zu allen möglichen Anlässen. Junggesellenabschied, Silvesterparty, Geburtstagsfeier. Das Glückskind oder wahlweise ein gebeutelter Organisator eröffnet Gruppen, um Einladungen aus zu sprechen, Verpflegung zu organisieren oder Zusagen zu zählen. Für die Jüngeren unter meinen Lesern ist vermutlich nicht klar, wie eine Festivität ohne WhatsApp überhaupt organisierbar ist. Ja, das ging früher irgendwie mit ausgedruckten Einladungen und einzelnen Telefonaten, ist mir irgendwie auch nicht mehr klar...

Aber habt ihr sowas schon erlebt? Heike hat die Gruppe „HEIKE HAT GEBURTSTAG“ erstellt.  Heike hat Dich hinzugefügt. Heike: „Hallo zusammen.... Das ist jetzt mal eine neue Art von Einladung ... Ich drehe den Spieß rum!!! Alles was ich mir wünsche ist mit Euch zu feiern! Ich bekomme die Organisation aber nicht hin – Überrascht mich und es wäre mein größtes Geschenk!“ Heike hat die Gruppe verlassen.

Ernsthaft? – Ja, war wohl ihr voller Ernst...  Ich finde mich in einer Gruppe mit ca. 40 Personen wieder, von denen ich etwa 5 kenne. Die 5, die zu dem gemeinsamen Bekanntenkreis von Heike (Jackomos Reitbeteiligung) und mir gehören – die Mädels aus dem Reitstall. Wer sind denn die Anderen? Motorradfahrer und vereinzelt Eintracht-Fans. Oder beides. Heike hat nämlich neben der Reiterei noch weitere Interessen (sehr selten, aber ist so. Mich verwirrt das auch regelmäßig, Interessen neben dem Pferd existieren für mich nur, wenn sie lebenserhaltend sind (essen, schlafen), aber ansonsten bin ich da sehr unflexibel...). Aber Heike hat da deutlich mehr Horizont! Ihre weiteren Interessen sind:  Motorrad (fahren) und Fußball (schauen). Jo. Und ich halt mitten in der Gruppe. Da wird auch schon wie wild geschrieben. Scheinbar haben viele die Gefühlsregungen „frech, dreist und verwirrt“ bereits überwunden. Oder macht man das in deren Kreisen öfter so? Bin ich spießig? Alt? Bin ich die Verwirrte? Aber eines hilft mit bei Irritationen aller Art stets sehr zuverlässig: Nimm es mit Humor und nimm es nicht so wichtig! Sie wünscht sich eine Party – sie bekommt eine Party! Also babbelte ich in der WhatsApp-Gruppe fremder Mitglieder mit seltsamen Namen mal vorsichtig mit.

Motorradfahrer? Da ist die Sache doch ganz klar!

Natürlich wurde „HEIKE HAT GEBURTSTAG“ am Abend im Stall diskutiert. Es ging den Anderen tatsächlich auch so, erstmal zu denken: Was soll das denn für eine Aktion sein?“ Um kurz darauf zu dem Entschluss zu kommen: „Ja, warum eigentlich nicht!“ So sind wir Reiter eben, kritisch vorausschauend und bei genügend Planung sehr spontan!

Doch dann ging es ins Detail: Aber mit diesen Rockern, wie soll man denn mit denen was organisieren? Wer ist denn die, die sich „Schwarze Tofuwitwe“ nennt? Hat die was gegen Vegetarier? Was sind denn das für Leute? Die hören doch bestimmt auch ganz komische Musik. Sind die nicht auch alle total aggressiv? Diese Motorrad-Cliquen sind doch so Brutalos. Mit diesen Kutten, wie die aussehen! Und die Bärte! Ich hab gehört, die waschen sich nicht. Geld haben die auch nicht. Saufen tun die total viel. Werden da nicht auch Frauen unterdrückt? Ich hab mal einen von den Hells Angels gesehen. Das sind doch alles Nazis. Arbeitslose. Kriminelle.

Reiter? Da weiß doch jeder sofort Bescheid!

Währenddessen in einer Werkstatt, es unterhalten sich Motorradfahrer...

Aber mit diesen Reitern? Wie soll man denn mit denen was organisieren, die gehen doch alle um zehn! Habt ihr die WhatsApp-Profilfotos von denen gesehen? Im Kleidchen beim Pferd? Was sind denn das für Tussis? Die hören doch bestimmt Helene Fischer. Sind die nicht auch alle total hochnäsig? Diese Reiter-Cliquen sind doch sowieso so Bonzen. Mit diesem Lack und Leder, wie die aussehen! Und die Pferdehaare! Ich hab mal in der Supermarktkasse Eine ausm Stall vor mir gehabt, wie die stinken! Aber dann im Basic, nicht im Aldi! Geld haben die ja ohne Ende. Saufen kannste mit denen aber nix. Werden da nicht auch die Männer unterdrückt? Wenn dann sind die ja alle schwul! Das sind doch alles Schnepfen. Beruf Tochter. Langweiler.

Und wer bist du?

Innerhalb der WhatsApp Gruppe kristallisierten sich dann einige wenige mutige Personen heraus, die trotz aller Vorurteile (unserer Heike zuliebe) eine Feier organisierten.

Kritisch wurde jeder Satz beäugt....

Im Stall: Hat da etwa einer nen Witz über Pferdesalami gemacht? Guck, die wollen sogar nen Schlafsack mitbringen, irgendwo auf dem Boden schlafen! Ja, haben die kein Geld für ein Hotel? Oder wollen die sich so zulaufen lassen? Oder eine Orgie veranstalten? Na auf jeden Fall werden sie wohl nicht duschen... Pfui! Meinen, das Essen reicht nicht, was wir organisieren wollen, die futtern sicher wie die wilden Tiere! Was hat denn die Heike da für komische Freunde... 

In der Werkstatt: So humorlos, das mit der Salami war total witzig! Ja klar, bei denen ums Eck muss die Party veranstaltet werden. Die können ohne Mami und Papi wohl keine 20 km weg fahren! Die riesigen SUVs können die eh nicht fahren! 25 € soll das kosten, inklusive Raum, Essen und Trinken? Ha, war ja klar, für 2 stille Wasser und einen Beilagensalat reicht das, aber so organisiert man doch keine ordentliche Party! Was hat denn die Heike da für komische Freunde?

Aber so nach und nach kam man nicht umhin, im Laufe der Organisation neugierig aufeinander zu werden. Was steckt denn hinter so einer lustigen Tofuwitwe und die Männer scheinen alle so unaufgeregt und problemlos... Irgendwie klappte auch alles ganz gut, das Sammel-Konto füllte sich erheblich und jeder gab sein Bestes, alles vor Heike geheim zu halten.

Mein Beitrag zum Fest sollte eine Geburtstagskarte werden, weil ich ja im Photoshop Sachen umher schieben kann, bin ich dafür immer eine gute Adresse. Aber wie gestaltet man eine Karte von so vielen Leuten mit so unterschiedlichen Interessen?

Ich lasse das Bild jetzt einfach auf euch wirken, natürlich mit verfremdeten Gesichtern. Wer weiß ob diese Rocker nicht polizeilich gesucht werden ;-))

 
Kawasaki-PferdDas bekannte Kawasaki-Pferd Foto: Privat

Im Sattel der Ahnungslosen

Die Feier rückte näher und Heike hatte zwar den Termin am Abend frei gehalten, aber ansonsten keine Ahnung, wer oder was geplant war. Denn wir mimten natürlich in der Zwischenzeit die Ahnungslosen. Mit versteinertem Gesicht machten wir klar, aus der Gruppe kurz nach ihr ausgetreten zu sein, weil die Kuttenträger ja nicht in der Lage waren, etwas Vernünftiges zu planen. Die hatten alles Mögliche vor, aber nur bescheuerte Ideen, die uns Reiter von vorne herein ausgeschlossen hatten. Blödes Volk! Wir haben damit nix zu tun und wollen mit denen auch nix zu tun haben!

Heike war ausreichend verunsichert. Daher stimmte sie dann zu einem kleinen Ausritt zu, den man ja machen könne, bevor sie abends dann sonst irgendwas (ohne uns!!!) mit diesen „Rockern“ tut. Dabei haben wir natürlich die Augen gerollt und die Schultern gezuckt, um dem ganzen noch einen negativen Touch mitzugeben. Leichtes Kopfschütteln inklusive und dann das Thema gewechselt. Über das Wetter kann man aber auch wirklich immer sehr intensiv sprechen!

 
Pferd & ProseccoAuch Reiter müssen mal tanken. Foto: Privat

Atemlos gemeinsam durch die Nacht

Haha von wegen kleiner Ausritt!

Jackomo war das Taxi zur Party, wo bereits die Horde wilder, bärtiger Männer in Lederjacken wartete. Samt Frauen – die ihre Jungs ziemlich im Griff hatten, von wegen Unterdrückung und so. Die Reiterdamen waren auch nicht so zickig und hatten direkt den Sekt unterm Arm, was sofortige Sympathiepunkte einbrachte. Beim Essen bildeten wir im Handumdrehen eine große Tafel in der sich die Lager sofort vermischten. Wenn dann ein 2 Meter-Mann mit Bauch und Bart vor dir steht, sie Stimme so tief wie ein Grizzlybär und unbeholfen die Arme hebt, während er zurückhaltend sagt: „Entschuldigung, ich würde so gerne an den Pfefferstreuer, aber ich möchte Dir so ungern über den Teller greifen, vielleicht könntest Du mir die Mühle reichen, bitte?“ Da kann man sich dann ein schmunzeln kaum verkneifen. Also eigentlich sind das ganz normale Leute, diese Rocker, die ihre Motorräder lieben wie wir unsere Pferde und die da auch ihre ganzen Ersparnisse rein stecken, um Träume zu verwirklichen.

Ja, man glaubt es wirklich kaum, aber ohne Scheiß, einige der Biker haben mit uns sogar zu „Atemlos“ das Tanzbein geschwungen! Heike mit dem Dauergrinsen hat ihre petrolfarbene Reithose den ganzen Abend an gelassen und bildete damit einen herrlichen farblichen Klecks zwischen dem Mopedschwarz ihrer weit angereisten Freunde.

 
Erstkontakt geglücktErstkontakt geglückt. Foto: Privat

Der Abend wurde natürlich großartig, die Vorurteile und Vermutungen waren allesamt völlig aus der Luft gegriffen. Ob das bei den Vorurteilen gegenüber Dressurreitern etwa auch zutrifft? Nein, Spaß beiseite, manche Klischees müssen so sein und ich habe bei diesen Zeilen natürlich auch hier und da etwas übertrieben. Ich denke niemand von uns verfolgt eine Art des Sparten-Rassismus und hat sicherlich auch Freunde außerhalb der Reiterei!

Aber man hat eben ein Bild, von Menschen und auch von Tieren, denn wie oft hört man das ein Schecke ja kein Dressurpferd ist oder ein Friese vor die Kutsche gehört? Das Schöne ist: diese Vorurteile aufzubrechen, gemeinsam darüber zu lachen und einfach mal das Gegenteil von dem zu tun, was von einem erwartet wird. Aber in der Hauptsache: hinter die Kulissen schauen und sich vom Gegenteil überzeugen lassen! Vielleicht fahr ich ja auch mal wieder Motorrad.

 
Liebe von allen SeitenLiebe von allen Seiten Foto: Privat