Bee: Wintersaison

Pferde sind ja tolle Tiere, keine Frage. Aber es gibt einen ganz entscheidenden Nachteil gegenüber anderen Tieren, wie zum Beispiel dem Bären. Oder dem Igel. Die sind schlau. Aber Pferde nicht, Pferde machen nämlich keinen Winterschlaf.

Atmet mal durch und schließt die Augen, stellt euch einmal vor, wie herrlich das wäre. Im Herbst nach der Outdoorsaison beginnt das große Füttern. Jeder Warmblüter bekommt Plüsch wie ein Islandpony, denn Eindecken wäre vollkommen sinnlos. Die Ohren gleichen einem Waschbärschwanz und das Barthaar macht die junge Generation der Vollbart-Männer neidisch. Die rauen Mengen an allem, was lecker ist (da werde ich neidisch) werden von den unempfindlichen Pferdemägen problemlos aufgenommen, Verstopfungskolik ist nicht das Risiko, die Verstopfung ist das absolut risikofreie Ziel eines jeden Winters. Wenn die Pferde dick genug sind, Stehen und Laufen ohnehin nur Gelenkschädigungen verursachen würden, legen sich die lieben Tiere ins Strohbett zum Dornröschenschlaf. Bis zum Frühling. Die Pferdebesitzer machen derzeit normale Menschensachen. Verbringen ihre Abende vor dem Kamin, die Wochenenden in Wellness-Thermen und in Kinos. Die Finger frieren nur zwischenzeitlich mal auf dem Weihnachtsmarkt in den Zeiten zwischen den Glühweinen (also nur sehr, sehr kurz.). Manchmal, wenn man den Drang hat, mal rauszugehen und die Winterluft zu atmen, geht man mit Freunden rodeln. Aber das muss ja nicht sein, wenn uns zu kalt ist bleiben wir auf dem Sofa.

Her mit dem Winterspeck

Bei diesem traumhaften Szenario würde uns einiges erspart bleiben. Ich könnte ewig weiter schreiben. Aber bringt ja nix. Das Pferd schläft quasi NIE! Habt ihr auch so Nichtreiter-Bekanntschaften die sagen: Aha, du hast ein Pferd, wie interessant. Und wie oft gehst du da hin? Oooooh. AUCH IM WINTER? ...äh ja. Ist halt kein Bär und kein Igel...

Also eine Reflektion der Realität. Für mich beginnt und endet so ein Wintertag dunkel. Zumindest unter der Woche. Während die Sonne vielleicht scheint, bin ich im Büro. Allein die sadistische Überwindung, aus dem Auto zu steigen, der Sitzheizung den Rücken zu kehren und mit Rauchwölkchen bei jedem Atemzug den Stall zu betreten... absoluter Beweis für eine starke Willenskraft.
Stahlhart, wie wir Reiter nun mal sind, wird jeder nötige Stalldienst verrichtet und spätestens beim Putzen wird einem dann auch wieder warm. Weil man ja so viele Schichten trägt. Wenn ich Bee, die in der Regel vom Ohr bis zum Wiederrist eine Schlammkruste trägt, aus der Box hole, dann klappre ich noch mit den Zähnen. Abgesehen von Hals und Beinen ist der Rest des Pferdes dank der Winterdecke ganz ansehnlich. Aber nachdem man inmitten einer Staubwolke das Fell striegelt, aus welchem die langen Winterhaare anfangen Choreografien zu tanzen, kommt man ins Schwitzen. Schicht 1 von ca. 4 Schichten wird dann bereits entledigt.
Aber bei aller Körperwärme, entfernt nicht die Handschuhe! Finger werden nie mehr warm wenn sie einmal mit -2 Grad in Berührung gekommen sind. Auch so eine Fehlkonstruktion der Natur. Klar, einen Finger benötigt man nicht direkt um zu überleben. Wenn wir eines Nachts im Paddock stecken bleiben und dort nicht ohne Feuerwehr befreit werden können, erfrieren zuerst die Teile die nicht so wichtig sind. Also Füße und Finger. Klar, besser als die Organe sie wohl gewärmt unter meiner Speckschicht überleben. Aber es ist trotzdem in der Evolution nicht so richtig schlau gelöst. Wenn ich nicht direkt dem Tode nahe bin wäre es schon nett, wenn die Finger vernünftig durchblutet werden. Denn spätestens wenn man einen Sattelgurt schließen möchte, kommt man mit steifen, tauben Fingern nicht gerade weit.
Der naive Mensch würde jetzt stolz mit der Erfindung der Handschuhe wedeln – aber der Reiter kann hier nur entmutigt seufzen. Kennt ihr das, wenn der Handschuh sich dann innerhalb der Schnallen verfängt? Der grobe Fäustling scheitert spätestens bei den feinen Ösen der Kehlriemen, aber auch der anatomisch bemühte und eng anliegende Thermohandstrumpf kommt an seine Grenzen.
Gurtstrupfen und Handschuhe sind einfach unverträglich. Hier ist absolute Konzentration gefragt. Nur nicht in Panik geraten wenn der Fingerschlupps dann in der Schnallenfalle klemmt – im Notfall unbedingt ruhig verhalten! Hektische Bewegungen führen an dieser Stelle zu Löchern im Handschuh. Dann frieren doch wieder die Finger ein. Also alles umsonst.

Die schönen Seiten des Winters

Wenn wir dann aber endlich mit laufender Nase auf dem Pferderücken Platz genommen haben, ist eine große Hürde geschafft. Die körperliche Ertüchtigung beim Reiten lässt das Blut auch wieder die Fußzehen erreichen. Dieses ganze Temperaturgejammer kommt einem jetzt ziemlich übertrieben vor. Die Abschwitzdecke nach dem Reiten noch schön mit auf die Oberschenkel legen, herrlich! Die plüschigen Ponygesichter und die schönen Nebenwolken vor den Nüstern haben ja direkt was Romantisches.
Lasst euch nicht trügen! Das ist eine gemeine Falle! Denn schlagartig, beim verlassen der Halle ist alles wie gehabt. Die eben noch beweglichen Finger zerbrechen beinahe beim absatteln (Welcher Idiot hat den Gurt so fest angezogen?) und dauernd sind einem Schal, Mütze oder Jackenärmel im Weg. Vor allem beim Hufe auskratzen! Mit einer Hand bemüht man sich den Klamottenhaufen hinter die Schulter zu bugsieren, während man immer weiter in die Knie sackt und das Pferd den Reiter als Armlehne missbraucht.

Gut getarnt

Aber wenn auch dieser Part geschafft ist, dann kann sich der Reiter ja entspannen. Kram wegräumen und Strohbett richten. Jetzt ist nur die Frage – wie geschwitzt ist denn das Pferd? Kann ich schon eindecken? Welche Decke ist aktuell überhaupt gerade die ideale? Glück mit denen, die ein Solarium im Stall haben. Nur für die Pferde versteht sich. Aber im Notfall.. na komm, man stellt sich immer mit darunter! Dennoch, die Smartphones laufen heiß um die Wetterberichte der besten Apps zu vergleichen und die Deckenstärken werden analysiert. Ich gehöre hierbei eigentlich eher zu den „Ach mach nicht so n Geschiss“-Typen. Aber gerade Jackomo ist durchaus empfindlich. Ist ihm zu warm kippt der Kreislauf. Ist ihm zu kalt, vergisst er zu trinken. In beiden Fällen könnte eine Kolik das Ergebnis sein. Womit wir wieder beim Eingangsthema wären (was ist nur mit diesen Tieren los?). Also mach ich doch manchmal etwas rum. Dem muss man das an der Nasenspitze ansehen. Und da sag einer, wir Frauen wären kompliziert...

Hunger, müde, Pipi, kalt

Aber der Winter hat natürlich auch seine schönen Seiten. Ja, auch in meiner Alltagswelt. Die Wochenenden. Zumindest die schönen Wochenenden. Wenn die Sonne ein wenig scheint und man die Finger in das lange Fell am Hals schieben kann. Wenn an den Barthaaren feinste Eisklümpchen hängen und das Pferd an sich wie eine riesige Wärmflasche die eigene Nase wärmt... Wenn der Boden nicht gefroren ist und nach tagelanger Hallenreiterei der Springplatz perfekte Verhältnisse bietet. Oder natürlich, worauf alle warten: Schnee. Wie schön! Alles so ordentlich und still. Dann ausreiten, jeder Weg die perfekte Galoppstrecke, das Geräusch wenn jeder Schritt so schön knarzt.

Die kleine Schnee-Biene

Für mich auch jedes Jahr der Startschuss für ein Fotoshooting. Bei genug Schnee wird ein Pferd auch kurzerhand vor Ski oder Schlitten gespannt. An solchen Tagen ist das mit den steifen Fingern und der kalten Nase auch gar nicht so schlimm. Würde ich dann doch vermissen, was wäre der Winter so doof ohne die Pferde, oder? Da überwiegt dann doch die Romantik! Oder Kitsch. Je nach Standpunkt!

Winterromantik
 

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