Die besonderen Pferde der WingWalkerFarm

Mit dem Oldenburger auf das Dressurturnier oder auf dem Haflinger ins Gelände. Wer ein Pferd sucht, der ist mit den beliebten Rassen immer gut beraten. Doch für alle, die etwas Besonderes suchen, lohnt es sich, den Blick auf die vielen speziellen Pferderassen zu lenken, die im deutschen Raum bei Züchtern mit viel Herzblut aufwachsen. Heute sprechen wir mit Martin Wingenfeld, der auf der WingWalkerFarm zu den wenigen deutschen Züchtern der Tennessee Walking Horses und American Saddlebreds gehört.

Vierbeinige Bewohner der WingWalker Farm

pferde.de: Herr Wingenfeld, beim Thema Gangpferde fallen vielen vermutlich zunächst die Islandpferde ein. Doch auch das American Saddlebred und das Tennessee Walking Horse weisen ganz besondere Gänge auf. Welche speziellen Gänge kann man bei diesen Tieren erwarten?

M. Wingenfeld: Der besondere Gang der Tennessee Walking Horses, der Walk, sorgt für äußerst geschmeidige Bewegungen und so gut wie keine Erschütterung für den Reiter auf dem Pferderücken. Die Beine gleiten in dieser Spezialgangart ganz weich über den Boden, dabei hat das Pferd viel Raumgriff und sehr wenig Aktion. Der Walk kann in verschiedenen Tempi geritten werden. In der langsamen Variante heißt er „Flat Foot Walk“, dieser gleitet sanft in einer schnelleren Schritt-art vorwärts, während die schnellere Variante, der „Running Walk“ dem Reiter etwas mehr Energie spüren lässt, dabei aber genauso bequem ist „als würde man auf einem Sessel durch die Gegend gezogen werden“. Ebenfalls besonders ist der sogenannte „Rocking Chair Canter“, ein sehr langsamer und runder Galopp, der für den Reiter sehr bequem zu sitzen ist und ein tolles Reitgefühl liefert. Den „Schaukelstuhlgalopp“ beherrschen allerdings nicht alle Walker.

Auch das American Saddlebred Horse weist zusätzlich zu Schritt, Trab und Galopp einen besonderen Gang auf. Ähnlich wie beim Walker handelt es sich um einen Viertakt, dieser ist aber wesentlich höher im Bewegungsablauf, dadurch dynamischer, energievoller und akzentuierter, aber nahezu gleich bequem. Die langsame Variante des Töltes, den man durchaus mit dem eines Isländers vergleichen kann, heißt bei den Saddlebreds „Slow Gait“ und im schnellen Tempo „Rack“. Im Rack sind die Saddlebreds auf den meisten deutschen Turnieren ungeschlagen und sehen äußerst spektakulär aus.

pferde.de: Liegt der Fokus ihrer Erfahrung nach denn auf diesen Gängen oder finden auch „klassische“ Freizeitreiter oder gar Dressur- oder Springfreunde ihre Freude an diesen Pferden?

M. Wingenfeld: Natürlich liegt der Fokus der beiden Rassen auch und vor allem auf der Soezialgangart. Aberdas Tennessee Walking Horse zeigt seine vielfältige Eignung nicht zuletzt in der Vielzahl der individuellen Prüfungen auf Ganpferdeturnieren zum Beispiel in der Dressur, im Trail und sogar im Springen, „Over Fences“ genannt. Die Walker machen in jedem Reitstil eine gute Figur und werden vor allen Dingen von Freizeitreitern geliebt.

Auch das Saddlebred besticht durch seine vielseitigsten Einsatzmöglichkeiten. Was der Reiter sich wünscht, kann das Saddlebred erfüllen. In den verschiedenen Sparten der Reiterei findet man immer wieder Saddlebreds, welche auch auf immer wieder auf den oberen Plätzen zu finden sind.

pferde.de: Beide Rassen sind ja eine echte Augenweide. Wie sieht es denn charakterlich aus? Womit kann ein zukünftiger Besitzer rechnen?

M. Wingenfeld: Der sogenannte „will to please“ ist das Attribut, welches die Rassen American Saddlebred Horse und Tennessee Walking Horse deutlich von anderen Rassen abhebt. Der Wille zu gefallen, rücksichtsvoll und zuvorkommend, immer gut gelaunt und dem Menschen gegenüber positiv eingestellt zu sein.

pferde.de: Ursprünglich stammen diese Pferde aus den USA, wo sie auch weitaus verbreiteter sind. Wie sieht es in Deutschland aus, wo die „Szene“ wesentlich kleiner ist. Kennt man sich? Versuchen Sie, auch hier die Pferde der breiten Masse zugänglich zu machen oder ist es auch zukünftig eine Rasse für Kenner?

M. Wingenfeld: Es gibt in Deutschland circa 1.500 Tennessee Walking Horses, Saddlebreds findet man nur wenige hundert, Tendenz steigend. Wären beide Rassen besser bekannt, dann würden sie sich auch besser verbreiten. Beide Rassen sind in jedweder Reiterei alltagstauglich, charakterlich sehr zuvorkommend und leicht zu motivieren. Mein täglich Brot ist es, beide Rassen noch bekannter zu machen.

Anmut und Eleganz

pferde.de: Was hat Sie persönlich dazu bewogen, sich ausgerechnet der Zucht der Tennessee Walking Horses und American Saddlebreds zuzuwenden? Wie sind Sie gerade auf diese Tiere gekommen und womit hat die Zucht begonnen?

M. Wingenfeld: Ich habe die Tennessee Walker zufällig vor weit über 20 Jahren auf der Equitana gesehen. Mich hat der Charme der Walker augenblicklich in den Bann gezogen und wenige Monate später hatte ich meinen ersten eigenen Walker. Zusätzlich zu der ausgeprägten Gangveranlagung der Tennessee Walking Horse wünschte ich mir noch ein Pferd mit höheren Dressurpotenzial und mehr Versammlungsfähigkeit. So kam kurze Zeit später auch ich zu der Rasse Saddlebred, welche Gang und Dressurqualität vereint.

Vor über 20 Jahren habe ich dann angefangen Stuten zu kaufen, um damit züchten zu können. Im Laufe der Jahre verfeinerte ich meine Zuchtphilosophie, immer mit dem Gedanken, dass es auch jemanden geben muss, der diese tollen Rassen gewissenhaft züchtet.

pferde.de: Geben Sie uns doch einmal einen kleinen Eindruck von der WingWalkerFarm für alle, die nicht persönlich vor Ort sein können. Wie gestaltet sich die Anlage, welche Pferde tummeln sich dort und was bietet die Farm?

M. Wingenfeld: Die WingWalkerFarm liegt mitten im idyllischen leicht bergigen Sauerland, abseits vom Trubel der Großstadt umgeben von Wäldern und Feldern. Auf großzügig angelegten Offenstallanlagen und in geräumigen Paddockboxen leben die rund 15 Stuten, Hengste und Jungpferde der Rassen Tennessee Walking Horse und American Saddlebred. In kleinen Gruppen sind die Pferde Sommer wie Winter jeden Tag auf den Wiesen und Ausläufen unterwegs und stärken in dem hügeligen Gelände ihre Sehnen und Bänder und trainieren ihre Geschicklichkeit. Diese artgerechte Pferdehaltung ist für alle Pferde wichtig und richtig, auch für die sonst als so sensibel geltenden American Saddlebreds. Unsere Pferde sind alle ausgeglichen, stark auf den Beinen und immer gesund.

Neben unserer sehr großzügigen Hengsthaltung, in welcher unsere beiden Zuchthengste „My American Winged Heaven’s Motion“ und „Man’s Winged Slight Of Hand“ zusammen mit weiteren Junghengsten und Wallachen ihr schönes Hengstleben auf großen Weiden und im gemeinschaftlichen Gruppen-Offenstall genießen, gibt es die Stutengruppe. Zusammen mit ihrem weiblichen Nachwuchs verschiedener Altersklassen bildet diese kleine Herde den Kern unserer Zucht. So natürlich wie möglich wachsen die Jungpferde bei uns im Herdenanschluss mit erwachsenen Stuten auf und lernen so in der Struktur der Rangordnung ihren Platz zu finden.

pferde.de: Was zeichnet die Pferde der WingWalkerFarm aus? Worauf legen Sie Wert in Sachen Zucht, Haltung und Ausbildung?

M. Wingenfeld: Unsere Zuchttiere sind alle nur das Beste vom Besten. Wir von der Wingwalkerfarm vertreten die Philosophie, dass das Beste gerade gut genug ist, um zu züchten. Alle unsere Zuchtpferde haben ein erstklassiges Gebäude, gutes Fundament, lange kräftige Hälse, eleganteste Bewegungen und wunderschöne Köpfe. Aber nicht nur das Exterieur sollte stimmig und die Anpassung passend sein, sondern auch und vor allem ausschlaggebend ist der Charakter des Pferdes. Alle unsere Pferde sind außerordentlich menschenbezogen und sehen in ihm immer einen Freund und Helfer. Scheue oder schüchterne Pferde gibt es bei uns nicht. Unsere Zuchthengste sind sehr vornehm im Umgang und vererben ihren „will to please“ an ihre Nachkommen. Sowohl beide Hengste, als auch unsere Zuchstuten sind sehr leichtführig, aufmerksam und dem Menschen immer zugewandt. Die Kombination aus erstklassigem Gebäude und einwandfreiem Charakter machen unsere Pferde so wertvoll. Unsere Nachzucht ist deshalb genau das Richtige, für diejenigen, die das „BESONDERE“ suchen. Unser Ziel ist es perfekte, leichtführige und aufmerksame Pferde zu züchten. Das Sahnehäubchen obenauf sind dann noch die extravaganten Farben von Golden über Dunkelfuchs und Smoky Black bis hin zu Amber Cream Champagne.

An die artgerechte Aufzucht in der Kleingruppe schließt sich eine pferdeschonende Ausbildung zum Reitpferd im einreitfähigen Alter und Wachstumsstand an. Wir trainieren unsere Pferde viel im Gelände. Dabei steht immer der gymnastikzierende Effekt und das Ausbilden zu einem wunderschönen sich in seiner Balance befindlichen durchlässigen Pferdes im Vordergrund. Jegliche Art amerikanischer Trainingsmethoden lehnen wir strikt ab. Unsere Pferde genießen alle eine fundierte Dressurausbildung und werden durch die Vielseitigkeit des Trainings mit Bodenarbeit, Reiten im Gelände, Springtraining und Stangenarbeit sowie Handpferdereiten gewissenhaft und ehrlich gearbeitet. Dabei haben eigene Pferde und externe Ausbildungspferde die gleiche Vielfalt im Trainingsprogramm.

pferde.de: Haben Sie selbst eine Lieblingsgeschichte rund um diese besonderen Rassen und Ihre Arbeit mit Ihnen?

M. Wingenfeld: Eine meiner Lieblingsgeschichten ist vom Showprogramm der Abendgala der Messe Pferd & Jagd mit meinem Tennessee Walker „Buster’s Yellow Fellow“. Schon auf dem Arbeitsplatz dröhnte der Lärm der Arena zu uns hin und alles flackerte. Im Einritt zur Arena war Effektnebel, so dicht, dass man seine eigenen Hände am Widerrist nicht mehr sah. Die Tore öffneten sich und Fellow und ich tölteten in den dichten Nebel der Musik und dem Dröhnen entgegen. Fellow zuckte nicht mit dem Ohr, er zog souverän in die Halle, ins lärmende Nichts hinein, ohne den Takt und das
Tempo auch nur eine Sekunde zu verändern. Als sich der Nebel lichtete sah ich seine gespitzten Ohren und konnte kaum fassen, mit wieviel Selbstverständlichkeit er seine Aufgabe gemeistert hatte.

Mit meiner Saddlebredstute „Lowland’s Jive Asha“ hatte ich einen weiteren Lieblingsmoment. Während eines Ausrittes im Gelände durch den Wald galoppierte ich zufällig auf einen abgesägten Baumstumpf zu. Ich versuchte nicht drum herum zu reiten, sondern ritt gezielt darauf zu, gab Jive
im richtigen Moment das Signal zum Absprung und die Stute sprang. Weil das so gut und einfach geklappt hatte, machte ich es mir zum Spaß quer durch den ganzen Wald über alle mir in den Weg kommenden Baumstümpfe zu springen. Jive zögerte keinen Augenblick, sondern sprang willig über jeden noch so schmalen oder hohen Stumpf.

Vielen Dank an Martin Wingenfeld. Der Besitzer der WingWalkerFarm im Sauerland stand Rede und Antwort rund um die ganz besonderen Pferderassen Tennessee Walker und American Saddlebred. Du möchtest mehr über die WingWalkerFarm erfahren? Hier findest du aktuelle Verkaufspferde, Hintergründe und Ausbildungsmöglichkeiten.

Copyright Bild 1, 2 und Vorschaubild zum Artikel: Sabine Stuewer / Stuewer-TIERFOTO