Die Skala der Ausbildung

Die Skala der Ausbildung lautet: "Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichten, Versammlung". Jeder Teil ist im Wechselspiel voneinander abhängig. Ziel der Ausbildung ist eine systematische Gymnastizierung des Pferdes. Das Pferd soll sowohl in körperlicher als auch in psychischer Hinsicht zur vollen Entfaltung seiner natürlichen Möglichkeiten gebracht werden. Diese Gründsätze gelten übrigens nicht nur für Dressurpferde.
„In den Richtlinien für Reiten und Fahren, Grundausbildung für Reiter und Pferd“, herausgegeben von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung ist zu lesen:
“Die Kriterien der Ausbildungsskala müssen von jedem Pferd, unabhängig von seinem Verwendungszweck, erfüllt werden, um gehorsam, zwanglos und harmonisch auf die Hilfen des Reiters zu reagieren.“
Diese Grundsätze gelten für junge, aber auch für bereits ausgebildete Pferde. Jeder Reiter sollte die Skala der Ausbildung beim täglichen Training im Kopf haben. Wenn es zum Beispiel Probleme mit der Anlehnung gibt, heißt es die ersten Bausteine der Ausbildungsskala wieder verstärkt herauszuarbeiten. Bei Taktfehlern hilft vielleicht Arbeit im Gelände, damit das Pferd wieder zu seinem „reinen Gang“ zurückfindet. Durch Stangenarbeit kann die Losgelassenheit des Pferdes verbessert werden.
Schließlich hat die gesamte Ausbildung des Pferdes ein Ziel: die Durchlässigkeit. 

In den „Richtlinien für Reiten und Fahren“ der FN steht dazu:
“Die im Laufe der richtigen Ausbildung erzielte Durchlässigkeit erleichtert dem Pferd den Gehorsam, macht es geschickter und für den Reiter angenehm. Dies gilt für alle Pferde, nicht nur im Turniersport, sondern bei jedem Einsatz unter dem Reiter.“

Doch nun zu den einzelnen Bausteinen der Ausbildungsskala.

Der Takt
Der Takt ist sozusagen das A und O der Ausbildung. Takt bedeutet das räumliche und zeitliche Gleichmaß in der drei Grundgangarten, also Schritt, Trab und Galopp. Dabei muss der Takt nicht nur auf geraden Linien, sondern auch in Wendungen erhalten bleiben.

Die Losgelassenheit
Die Losgelassenheit ist die Voraussetzung für jede weitere Ausbildung. Das Pferd solle physisch und psychisch entspannt sein und freudig mitarbeiten. Die Merkmale für eine solche Losgelassenheit sind:
- ein zufriedener Gesichtsausdruck (Auge, Ohrenspiel)
- ein gleichmäßig schwingender Rücken
- ein geschlossenes, kauendes Mail
- der getragene, mit der Bewegung pendelnde Schweif
- das Abschnauben des Pferdes als Zeichen innerer Entspannung

Die Anlehnung
Jeder fortgeschrittene Reiter möchte sein Pferd „durch`s Genick reiten“. Aber was heißt das eigentlich? Nach der Skala der Ausbildung soll das Pferd in Anlehnung gehen. Dies bedeutet eine weich-federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdmaul. Diese Anlehnung entsteht von selbst, wenn das Pferd taktmäßig und losgelassen vorwärts geht. Der Reiter treibt also sein Pferd nach vorne und das Pferd sucht die Verbindung zur Reiterhand, indem es an das Gebiss herantritt.
Um eine solche vertrauensvolle Verbindung zum Pferdemaul herstellen zu können, muss der Reiter über eine feine, einfühlsame Hand verfügen. Viele Reiter machen den Fehler, zu stark mit der Hand einzuwirken. Sie wollen den Kopf des Pferdes nach unten ziehen. Damit wird aber genau das Gegenteil bewirkt. Denn dieses „Rückwärtsreiten“ wirkt sich nachteilig auf die Aktivität des Hinterbeins und auf die Losgelassenheit aus. Die Folge: viele Pferde legen sich aus das Gebiss, stecken die Zunge heraus oder entziehen sich ganz der Handeinwirkung, indem sie mit dem Kopf schlagen.

Schwung
Ein Pferd entwickelt den Schwung aus der Hinterhand. Dazu muss es energisch abfußen, und in der Schwebephase mit seinen Gliedmaßen gut nach vorne durchschwingen. Dabei muss das Pferd losgelassen und mit federnd schwingendem Rücken und einer weichen, korrekten Anlehnung gehen. Der Reiter hat dabei ein angenehmes Sitzgefühl. Er fühlt den Impuls aus der Hinterhand und wird vom Pferd regelrecht „mitgenommen“.

Geraderichten
Das Geraderichten des Pferdes ist ein besonders schwere und wichtige Aufgabe. Geraderichten bedeutet, dass die Vorder- und Hinterbeine sich auf dem Hufschlag befinden müssen. Jedes Pferd ist von Natur aus schief, das heißt die Hinterbeine drängen auf den zweiten Hufschlag. Der Reiter bemerkt diese natürliche Schiefe daran, dass sich ein Pferd auf einer Hand besser als auf der anderen arbeiten lässt. Bei den meisten Pferden ist die linke Hand die „Schokoladenseite“. Das Pferd wird geradegerichtet, indem es häufig auf beiden Händen auf gebogenen Linien geritten wird. Denn auch auf dem Zirkel müssen Vorder- und Hinterbeine auf einem Hufschlag bleiben. Für den Reiter ist dabei der Gedanke an eine Banane ganz hilfreich.
Karin Lührs-Kunert schreibt in ihrem Buch: „ 111 Lösungswege für das Reiten“ (FN-Verlag) dazu: „Vor dem Hintergrund dieses Bildes tut man so, als ob man die Vorhand und die Hinterhand in die Bahn nimmt, die Mittelhand aber nach außen treibt. Dies geschieht unter vermehrten Einsatz des inneren Schenkels.“

Versammlung
Die Versammlung steht am Ende der Skala der Ausbildung und ist ihr höchstes Ziel. In der Versammlung übernehmen die Hinterbeine bei stärker gebeugten Hanken (Hüft- und Kniegelenke) vermehrt die Last und treten weiter unter den Schwerpunkt. Das hat zur Folge, dass die Vorderbeine freier werden. Der Reiter und auch der Betrachter bekommt dadurch das Gefühl, dass das Pferd bergauf geht. Vom Körperbau her geht ein Pferd mehr auf der Vorhand, das heißt bergab. Dies ist auf Dauer für die vorderen Gliedmaßen zu belastend. Deshalb ist es auch für die Gesunderhaltung wichtig, bei jedem Pferd ein gewisses Grad von Versammlung zu erreichen.

Quellen: „Richtlinien für Reiten und Fahren“, Grundausbildung für Reiter und Pferd, herausgegeben von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung; „111 Lösungswege für das Reiten“ von Karin Lührs-Kunert, FN-Verlag). Teil 2

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